Über mich

Posts mit dem Label Engel und Zombie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Engel und Zombie werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 21. März 2019

Im Café

Frau geht über die Straße.
Mann schaut ihr nach.

Mann geht über die Straße.
Frau schaut ihm nach.

Mann und Frau.
Blutbadende

Namensuchmann tippte sich versonnen mit dem Radiergummi seines Feinminenbleistifts an die Oberlippe. Für ein Haiku war das Ding zu lang. Und für einen Liebesroman etwas zu kurz. Was es brauchte, war eine kleine Nebenhandlung, die sich spielerisch um das eigentliche Drama herumwand und dem Plot im entscheidenden Moment eine unerwartete Wendung verpasste. Oder auch nicht. Bloß nicht verzetteln. 

Der Ober kam an das Tischchen und brachte Namensuchmann eine neue Tasse dampfenden Kaffees. Als er sie abgestellt und stattdessen die alte Tasse auf sein kleines silbernes Tablett aufgeladen hatte, beugte er sich elegant gespannt, wie ein elastisches Winkemännchen, über Namensuchmanns Schreibblock.

Hm, gefällt mir. Ich würde aber noch etwas an der Charakterbildung arbeiten.“

Namensuchmann hob seinen Blick nicht zum Ober, sondern beugte sich nach vorne und trommelte mit dem Bleistiftradiergummi auf den Block.

Eigentlich ist er fertig.“

Er?“, fragte der Ober.

Ja“, sagte Namensuchmann verwundert, „der Roman. Er.“

Achso“, rief der Ober, „ich mag Romane lieber, wenn sie etwas länger sind.“

Nun schaute Namensuchmann doch noch zu ihm auf. Neben seinem unbequemen Bistrostuhl, immer noch das kleine Tablett mit der leeren Tasse in der einen Hand, die andere lässig auf der Stuhllehne geparkt, stand Zombie. Und oben, auf seiner Schulter, saß sein Engel und besorgte das Reden in Obersprache. Namensuchmann bemerkte leicht indigniert, dass der Engel knapp davor war, loszuprusten. Glücklicherweise war der Zombie von oben bis unten recht stramm in Frischhaltefolie eingewickelt, was ihn fast wie eine Mumie erscheinen ließ. Das machte der Engel immer, wenn sie unter Leute gingen, wegen des Gestanks.




Dienstag, 5. März 2019

Wind, Sand und ein Glas Bier



Mein Haus mein Haus
hat schräge alte Mauern
doch sie stehen stark und dick
aus alter Zeit

Heere zogen in den Krieg
durch mein Haus
durch mein Haus

Die Mauern hielten und schwiegen
und schwankten nie während
ich schlief und ruhte
und träumte in den Mauern

Namensuchmann fühlte den vom vergangenen Tag noch warmen Sand unter seinem nackten Hintern. Die Nacht war sternenklar und mild.

Oben trieb der Engel rücklings schwebend durch die Stratosphäre. Mit seinem guten Fernglas konnte Namensuchmann sehen, dass der Engel ein großes Glas Bier auf seiner Brust balancierte. Wo war die Flasche dazu? Oder der Zapfhahn? Und wieso konnte Namensuchmann von unten auf die Engelsbrust sehen? War der Engel in Wahrheit ein Neutronenstern, dessen gesamte Oberfläche aufgrund der Raumkrümmung fast komplett zu sehen ist, auch wenn man sich nicht um ihn herumbewegt? Das hielt Namensuchmann für einigermaßen unwahrscheinlich, dafür war er schon zu oft nur auf Armeslänge von dem Engel entfernt gewesen ohne von dessen Schwerkraft eingesaugt zu werden. Es musste eine andere Erklärung geben.
Derweil Zombie oben in der Umlaufbahn seine Runden drehte, immer noch sanft von der längst untergegangenen Sonne angestrahlt. Sein marsrotes Glühen stand dabei in schönem Kontrast zur weißblau strahlenden ISS, die ihm immer noch um einige Bogengrad vorausflog. Aber er holte auf.

Nein Nein Nein. Eine knusprige Schale aus degeneriertem Elektronengas? Fuck off, bloody creepy Neutronensterne, man kann alles übertreiben!

Mein Haus mein Haus
mit seinen schrägen alten Mauern
steht wie ein fauler Zahn
auf dem Berg Bingotzdameh.

Ich verstecke mich im Gebälk,
derweil unten riesige Heere
durchziehen in den Krieg.

Das Haus vibriert fast unmerklich
im Wutdunst und der Panik
der Soldaten.

Angst, zu fallen zu fallen zu fallen


Mein Haus mein Haus
mit dicken schiefen Mauern
auf Fundamenten die einst
ganze Himmel trugen

Die Himmel sind vergangen
die Mauern geblieben
ich zog ein und zimmerte
ein Dach aus Holz und Licht

Droben schweb ich nun im Stillen
während unten die Heere durchziehen
in ferne Kriege durch mein Haus
durch mein Haus

Lanzen und Gewehre
Bogen und Raketen
ein Rasseln wie ein krankes Herz
durch mein Haus

Durch mein Haus
weht Sternenlicht wie Sumpfnebel
ich knüpfe und nähe mein Segel
aus Staubfahnen und Träumen


Mein Haus mein Haus
mit Mauern dick wie Zyklopenbeine

Namensuchmann platzte der Kragen:

ICH SCHEISSE AUF DEINE HÜTTE EINEN RIESENHAUFEN, WENN DU JETZT NICHT MAL FÜR FÜNF MINUTEN DIE KLAPPE HÄLTST!“

Stille. Der Nachtwind wehte kleine Sanddünen um Namensuchmanns nackten Hintern. Die Marschlieder, das monotone Dröhnen der Kampfstiefel und das Klappern der Rüstungen waren verklungen. Er sank nach hinten und legte sich lang in den Sand. Oben trieben seine Freunde.


Sonntag, 20. Oktober 2013

Morgenstund



Über dem dunstigen See schwebend, mühelos die Höhe haltend und mit einer Stimme wie aus einem alten Vorkriegsradio sang mein Zombie "When the moon hits your eye like a big pizza pie, that´s amore."

Um ihn herum, kaum wahrnehmbar bis auf das gelegentliche Aufblitzen der filigranen Flügel in der Morgensonne, flatterte und segelte mein kleiner Engel flink wie ein Elektron um seinen Atomkern. Auf diese Weise verschwamm seine Flugbahn zu einer flimmernden Orbitalwolke, die sich kugelschalig um den Zombie herum ausbreitete. Ich vermutete, dass er dadurch seinen Auftrieb erhielt und so der Schwerkraft trotzen konnte. Zombies sind nämlich nicht leichter als Luft, sie schweben nicht von alleine.

Eine schöne Art, den Morgen zu verbringen, dachte ich bei mir. Bei Gelegenheit würde ich den Engel fragen, ob er das auch mit mir machen könnte. 



Samstag, 22. September 2012

Eine Art Sehnsucht



Ich sehe über Seen, die sich vor meinen Augen wölben und winden. Was wäre, wenn sie jetzt hier wäre? Würde das Wasser in den Himmel strömen und Fische und Wasserleichen sich gegen Sterne und Mond abzeichnen? Worte fetzen mir aus dem Mund, ein Liebeslied, das müsste gehen.

Komm´ doch, Liebeslied, komm´ und töte mich. Quäle mich und fahre mit mir in sieben Höllen, oder in den nächsten Baumarkt an einem Samstagnachmittag.

Bück´ dich, mein Liebeslied und weine nicht. Streck´ dich, mein Liebeslied und öffne dich, quäle mich, reite mich.

Mal mir Blitze auf die Steine und Namen und reite auf meinem Liebeslied zu Obi und Netto. Vorbei an Plastikgartenstühlen und Liegen auf dürrem Rasen und Betonpflaster das immer noch schwingt von deinen Schritten. Verstreut liegen rote Vogelbeeren. Hast du die zertreten vor Jahr und Tag?

Ein Geräusch wie leiser Singsang, der fast unbemerkt, von Sternenlicht getragen, in Namensuchmanns Zimmer drang. So müssen Engel singen. Engel! Er hatte schon eine gewisse Zeitlang nicht mehr an seinen Engel gedacht. Der Gesang kam von draußen, aus sternkalter Nacht. Melodisch, und doch einschläfernd monoton. Trotzdem war er aufgewacht. Was zeigte die Uhr? Der Wecker stand mal wieder auf sein Display gekippt, die grünen Leuchtziffern waren zu hell für Namensuchmanns Nächte. 

"Wird der Friedhof unter uns zu wandern und zu fließen beginnen?", fragte sein Engel und schaute von dem lang im nachtnassen Gras hingestreckten Zombie auf. In seinem Blick lag eine Art Sehnsucht. Anstatt nach einer Antwort zu suchen, die er ohnehin niemals finden würde, begann Namensuchmann sein Liebeslied zu singen. Der kleine Engel wandte sich wieder seinem Zombie zu und sang sein eigenes Lied weiter, während er eine weiße verweste Hand des Untoten in seinen hielt. Das fahle Band der Milchstraße spannte sich quer über den  Nachthimmel, und auch ohne Mond war ein seltsam heller Schein um alle Dinge.




Donnerstag, 10. Mai 2012

Der kluge Hausmann weiß Rat




Frage: Kluger Hausmann, mein Problem mag Dir im Vergleich mit dem ganzen Unrecht auf der Welt vielleicht etwas albern und bedeutungslos erscheinen, aber ich weiß mir wirklich nicht mehr zu helfen.

Kluger Hausmann: Nur wenn wir unsere Probleme im Kleinen lösen, können wir auch die Probleme der Welt angehen. Wo drückt denn der Schuh?

...: Ach, seit mein kleiner Engel mit diesem riesigen Zombie angekommen ist halte ich es in meinem Haus kaum noch aus. Anfangs ging es ja noch recht gut, doch der Zombie stinkt bestialisch, und es wird immer schlimmer. Ich möchte ihn aber nur ungern entsorgen müssen oder fortjagen, der Engel hängt so sehr an ihm! Was soll ich nur tun?

Kluger Hausmann: Au weia, das ist ganz bestimmt arg gewöhnungsbedürftig, so ein Gestank. Um was für eine Art Zombie handelt es sich denn?

...: Hm?

Kluger Hausmann: Wenn ich einen brauchbaren Rat geben soll, muss ich natürlich wissen, um was für eine Art von Zombie es sich handelt. Ist es ein I-Zombie, ein L-Zombie oder ein S-Zombie?

...: Ich fürchte, ich kenne mich da nicht so gut aus. Wo ist denn der Unterschied?

Kluger Hausmann: Nun, es gibt die sogenannten Infektions-Zombies, die Lethal-Zombies und zu guter letzt auch noch die Simulanten-Zombies. Ein Infektions-Zombie ist im Grunde nichts anderes als ein kranker Mensch, der durch bakteriologische bzw. physiologische Zerfallsprozesse zu einem willen- und geistlosen Monstrum geworden ist. Bei einem solchen Zombie rührt der Gestank einzig und allein von mangelnder Körperhygiene her, denn seine Säfte und sein Gewebe sind noch am Leben. Ein Bad oder eine Dusche ab und zu, und das Problem dürfte gelöst sein.
Schwieriger  wird es allerdings, wenn Ihr Zombie ein sogenannter Lethal-Zombie ist. Denn das würde bedeuten, dass wir es im wahrsten Sinne des Wortes mit einer Leiche zu tun haben, die natürlich allen nur denkbaren Verwesungsprozessen unterworfen ist. Verliert Ihr Zombie denn Fleisch- oder Gewebestücke? Oder sind Ihnen schwerwiegende Verletzungen oder unverheilte Stümpfe von Gliedmaßen aufgefallen?

...: Nun, sein linkes Auge baumelt nur noch am Sehnerv neben seiner Nase und aus der leeren Höhle läuft ununterbrochen eine braungelbe stinkende Flüssigkeit. Und neulich, als ich auf der Leiter stand und er an mir vorüberging mit meinem Engel auf seinem Kopf, da konnte ich für einen kurzen Augenblick durch seinen Kopf hindurchgucken. Ich meine, ich konnte in das eine Ohr rein und zum anderen Ohr hinausschauen, als wäre gar nichts dazwischen. Das ist doch nicht normal, oder?

Kluger Hausmann: Hm, ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?

...: Ja, die Kopfhaut des Zombies ist mit etlichen Klammern an seinem Schädel festgetackert, allerdings mit einigem Faltenwurf, daher ist es mir überhaupt erst aufgefallen. Was hat das zu bedeuten?

Kluger Hausmann: Nun, das bedeutet vermutlich, dass der Zombie durch eine Kopfverletzung sein Gehirn verloren hat. Um ihn weiter benutzen zu können und um einer unauffälligen Ästhetik willen wurde der Schaden notdürftig mit einem Tacker wieder geflickt. Das kommt gar nicht so selten vor. Doch was Ihre Frage betrifft dürfte der Fall klar sein: Sie besitzen einen Lethal-Zombie. Wie Sie sich jetzt sicher schon denken können ist sein Gestank immanent, das heißt ein fundamentaler Aspekt seines Zombieseins, und dem ist leider nicht so leicht beizukommen. Falls Sie Ihrem Zombie weiterhin Zugang in Ihr Haus gewähren wollen werden Sie nicht umhin kommen, ihn luftdicht zu verpacken. Fürs erste können Sie es natürlich mit mehreren Lagen Frischhaltefolie versuchen. Diese muss aber sehr eng und fest gewickelt werden; ein Vorgang, der einige Zeit in Anspruch nimmt und auf den mancher Zombie zuweilen etwas unwirsch reagiert. Ich empfehle  daher einen Gang zum Fachhändler für Zombiebedarf. Dort gibt es luftdichte Zombiehüllen aus reissfestem Kevlargewebe in allen Variationen was Größe, Form und Färbung betrifft; neuerdings sogar mit Fruchtaroma.

...: Aber wie ernährt er sich dann, wenn er luftdicht verpackt ist? Und ist das überhaupt human?

Kluger Hausmann: Wir sollten nicht allzu viele unserer Vorstellungen auf Zombies übertragen. Empfindungen wie Platzangst oder Beklemmung infolge der Verpackung sind ihnen fremd. Schauen Sie sich nur Ihren eigenen Zombie an, er hat ja nicht mal mehr ein Gehirn. 

...: Ja, das stimmt natürlich. Aber irgendwie muss er doch seine Bewegungen koordinieren? Schließlich ist er recht gut zu Fuß, manchmal begleitet er mich sogar beim Joggen.

Kluger Hausmann: Das trifft sich ja hervorragend. Jede Zombiehülle verfügt nämlich über ein Ventil, über welches von Zeit zu Zeit der entstehende Überdruck durch die Verwesungsgase abgelassen werden muss. Das können Sie ja dann draußen in freier Natur erledigen.

...: Aber die Ernährung?

Kluger Hausmann: Zombies brauchen viel weniger Nahrung als gemeinhin angenommen wird. Tatsächlich benötigen sie praktisch überhaupt keine Zufuhr von Nährstoffen. Ihre sprichwörtliche Gier nach Gehirnen und frischem menschlichen Gewebe ist lediglich ein Reflex, hervorgerufen durch eine Art Hintergrundrauschen ihrer Verbindung in eine parallele Raumzeit, wo sich stets ein spiegelbildlich an Demenz erkranktes Alien befindet.

(Der Fragesteller beginnt sich nun unwohl auf seinem Stuhl zu winden und schaut demonstrativ auf seine Armbanduhr)

...: Äh...ja, vielen Dank! Ich würde das wirklich noch gerne vertiefen, aber ich habe leider gleich noch einen Termin am anderen Ende der Stadt. Sie haben mir sehr geholfen, Kluger Hausmann.

(geht ab)

Kluger Hausmann: Gerne! (die Stimme erhebend und dem Besucher nachrufend): Und nächstes Mal erkläre ich Ihnen noch, was es mit den Simulantenzombies auf sich hat!





Sonntag, 8. April 2012

Dräuung




Ich lasse Brotkrumen fallen auf meinem Weg, doch sie sind so winzig, dass durch Quanteneffekte ihre Konturen im Rauschen der Umgebungsatome verschwimmen. A propos Rauschen:
In das Rauschen der Ausfallstraße eingewirkt die Gedanken der Autofahrer, wie Buchstaben einer fremden Sprache über den Lärmteppich hüpfend, dabei winzige Gischt produzierend. Muss man den Kosmos mit Informationen beschweren, wäre es nicht besser diesen Ballast einfach abzuwerfen? Droben dräuen die Informationswolken, unheilschwanger grau und zum Bersten prall, speckig glänzend. Doch ich vergaß, in meinem Erdloch einen Abfluss einzubauen. Fieberhaft und fast panisch grabe ich meine schrundigen und blutigen Finger in den Morast, schiebe den Auswurf nach draußen, wo Zombie und Engel ihn mir abnehmen und weitertransportieren. Wohin, weiß ich nicht, darüber haben wir nicht geredet. Im Grunde habe ich die beiden nicht mal angewiesen, mir beim Bau des Abflusses zu helfen, aber sie scheinen gemerkt zu haben, dass es mir irgendwie wichtig ist und prompt kamen sie angetorkelt als sie sahen wie ich den klumpigen Matsch aus meinem Loch hervorschob mit immer größerer Mühe. Denn der Haufen wurde immer größer und der Dreck rutschte fast genau so schnell wieder zu mir ins Loch wie ich ihn rausschob. Die Nagezähne schon sehr stattlich, die Vermullung bald abgeschlossen.




Sonntag, 6. November 2011

Novemberhimmel


Der Nebel hing grau-weißlich oben am Himmel. Er war aber nicht gut beieinander heute, er musste sich auf den höchsten Waldkuppen abstützen und sank dort bedenklich tief zwischen die dunkelgrünbraunen Herbstbäume. Ich ließ mich davon nicht abhalten und lief trotzdem los, schön dünn angezogen, sodass ich auf den ersten zwei Kilometern etwas fröstelte. Das war genau richtig so. Denn zog ich mich dicker an, war mir zwar anfangs nicht kalt, dafür schwitzte ich dann gegen Ende der Joggingroute wie ein Schwein nach einem Boxkampf.
Der Engel und sein Zombie waren schon unterwegs; sie waren klar im Vorteil, was die Vorbereitungen für so einen kleinen Jogginglauf am Nachmittag betraf. Der Engel schien ohnehin nie Kleidung zu tragen, seine fluidale Körperkonsistenz war gleichzeitig auch eine Art Gewand, das nahtlos in seine Flügel überzugehen schien. Über die Atmungsaktivität einer solchen Konstruktion konnte ich nur spekulieren. Und ausserdem wusste ich ja nicht einmal, ob Engel überhaupt schwitzen. Noch nie war mir ein entsprechender Geruch an ihm aufgefallen.
Ob Zombies schwitzen weiß ich allerdings auch nicht, aber sie stinken bestialisch. Gott sei Dank nicht nach Schweiß, sondern eher nach Aas und Kloake. Doch selbst wenn Zombies schwitzen würden, meine Funktionskleidung würde ihm eh nicht passen, da er mindestens eineinhalb Köpfe größer ist als ich und ungefähr doppelt so breit.

Von Dehnübungen schienen meine Hausgäste auch nicht viel zu halten. Zombiemuskeln scheinen gegen Zerrungen gefeit zu sein. Es konnte sein, dass der Zombie den ganzen Tag völlig regungslos unter der Treppe saß. Dann sprang ihm der Engel von oben in den Nacken, und los gings im Galopp, erst am Friedhof vorbei und dann in den weitläufigen Wald. So auch heute. Von null auf 30 km/h in drei Sekunden. Sie waren schon zur Türe draußen, als ich den Tropfenfänger im hohen Bogen durch die Luft fliegen sah. Engel machte ihn immer ab, wenn er mit Zombie nach draußen ging, um ihn nicht allzuoft waschen zu müssen. Er hatte durchaus meine missbilligenden Blicke bemerkt, als er des öfteren den unappetitlich verfärbten Tropfenfänger zu meiner Wäsche in die Maschine gesteckt hatte. Irgendwann hatten wir uns dann darauf geeinigt, dass er das Ding nur noch zur 60°-Wäsche in die Maschine wirft und nicht mehr zu meinen empfindlichen 40°-Sachen.

Trotz des Hochnebels, der normalerweise einen windstillen Tag kennzeichnet, wehte eine ganz leichte Brise, die ganz sachte die gelbbraun-knusprigen Blätter an den Bäumen zum Herunterfallen überreden wollte. Ich lief meine übliche Waldrunde und dann aus purem Übermut noch einen Extraabstecher auf einem gewundenen Feldweg entlang eines schönes Waldrandes. Die Buchenäste mit ihren braunen kleinen Blättern hingen weit über. Stellte man sich mit dem Rücken zum Wald und schaute über die Landschaft, sah man ein dreigeteiltes Tableau: unten die grünen Wiesen, Wälder und vereinzelte Häuser, in der Mitte ein Querstreifen grauen Nebelhimmels, und darüber das überhängende Buchenlaubdach. An einer besonders schönen Stelle gibt es eine Bank für ruhebedürftige Spaziergänger, dort stieß ich auf meine beiden bereits erwähnten Mit- bzw. Vorausläufer, sie saßen einträchtig nebeneinander und schienen etwas am Himmel zu beobachten. Bei dem einen trüben Auge des Zombies war es natürlich schwer zu sagen, ob er wirklich etwas beobachtete oder nur zufällig in die entsprechende Richtung schaute. Doch der Engel schien wirklich fasziniert zu sein von dem was er sah, nicht einmal eine Ecke seines ätherischen Gewandes bewegte sich, seine Miene war pure Verzückung.

Ich hielt inne und blickte in die Richtung, in die meine beiden Freunde schauten. Unterhalb des überhängenden Blätterdaches tanzte ein einzelnes, braunes Buchenblatt im Wind. Es fiel nicht nach unten, sondern drehte sich und hüpfte in der leichten Brise frei vor dem dahinterliegenden grauen Nebelhimmel. Ich setzte mich zu den beiden auf die Bank, der Engel zwischen mir und dem Zombie.
Das Blatt rotierte wie wild auf der Stelle, völlig frei schwebend zwischen Himmel und Erde. Dann kamm es zum Stillstand, hielt kurz inne, ehe es drei bedächtige Hüpfer zur Seite machte. Dann stieg es langsam einige Zentimeter nach oben, um in einer sanften Wellenbewegung wieder nach unten zu sinken. Dann begann es wieder zu rotieren, immer in derselben Drehrichtung. Dann eine gemächliche Bewegung zur Seite, eine kurze Ruhephase, wieder ein paar Hüpfer, dann wieder schnelles Rotieren. Es war ein ausgelassener Tanz der Schwerelosigkeit, ein Freudenfest der Ausgelassenheit an diesem trüben Nebeltag.

Ich wusste natürlich, dass das Blatt an einem unsichtbaren Spinnenfaden hing, der sich irgendwo oben in den überhängenden Ästen verfangen hatte. Aber diese Erkenntnis tat der geradezu hypnotisierenden Wirkung dieses Tanzes keinen Abbruch. Ich wünschte, ich hätte eine Videokamera zur Hand gehabt. Ich hätte sie auf ein Stativ geschraubt und vier Stunden lang den Tanz des Buchenblattes vor grauweißem Himmel aufgezeichnet. Später dann hätte ich den Film an die weiße Wand einer angesagten Galerie projiziert. Aber so, dass er auch von draußen, von den vorbeieilenden Passanten hätte gesehen werden können. Die könnten dann verweilen und aus Zombie- bzw. Engelaugen auf das tanzende Blatt an der Wand gucken.

Wir saßen andächtig und schweigend auf der Bank. Das nassgraue Wetter sorgte dafür, dass wir nicht von Spaziergängern gestört wurden. Nach etwa einer halben Stunde war meine Laufhitze soweit abgeklungen, dass ich leicht zu frösteln begann. Es war aber ohnehin viel besser, wenn ich aufbrach bevor das Blatt wirklich zu Boden fiel, denn dieser Anblick hätte mich arg betrübt. Es war seltsam beruhigend zu beobachten, wie der Wind immer neue Blätter daran vorbei zur Erde taumeln ließ, das Zauberblatt aber weiterhin seinen fröhlichen Herbsttanz aufführte. Auf meinem Weg nach Hause hatte ich dieses Bild vor Augen: mein Engel und der Zombie einträchtig und wie hypnotisiert auf der Bank sitzend, das in der Luft gaukelnde Blatt bewundernd. Und mir fiel eine weitere Geschichte ein, die sich vor etwa 15 Jahren zugetragen hatte.

Ich befand mich mit meinem damals etwa sechsjährigen Neffen in unserer Reparaturgrube und schraubte irgendetwas an meinem Auto herum. In der Ecke der Grube hatte sich eine Hühnerfeder unserer federfüßigen Zwerghühner an einem unsichtbaren Spinnenfaden verfangen und rotierte wie wild in einem unfühlbaren Luftzug. Mein Neffe bemerkte die Feder und meinte:

"Schau mal, eine Kunstfeder"

Ich musste natürlich den Klugscheißer herauskehren und sagte:

"Das ist keine Kunstfeder, das ist eine echte Feder!"

Darauf begab es sich, dass die Welt ein kleines Stück lustiger und angenehmer wurde, denn mein sechsjähriger Neffe meinte daraufhin:

"Ja. Aber wie sie da hängt, das ist reine Kunst!"



Samstag, 22. Oktober 2011

Tropfenfänger



"Komm, lass uns einkaufen gehen, ich möchte Menschen anlächeln"


Ich blickte vom Bildschirm meines Laptops auf. Mein Engel hatte wieder einmal den Zombie völlig geräuschlos durch die Tür und hinter meinen Stuhl bugsiert. Unter der leeren Augenhöhle des Untoten klemmte ein altertümlicher Tropfenfänger, mit einem dünnen Gummiband am Kopf fixiert. Ich war beeindruckt. Nun erklärte sich der Umstand, warum seit einiger Zeit keine stinkenden Tropfen gelbroten Leichensaftes mehr im Haus zu finden waren. Mein Engel schien eine rudimentäre Form von Verantwortungsgefühl für seine Reitgelegenheit zu entwickeln.
Doch kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, rieb der Engel leicht an den Schläfen des Zombies, worauf dieser sich langsam nach vorne beugte. Im Nacken des Zombies sitzend näherte der Engel sich so dem Bildschirm. Er schien Interesse daran zu haben, was ich da am Computer gerade so trieb. Ich lehnte mich zurück und gewährte ihm großzügig Einblick. Zu sehen war die Eingabemaske des Blogs, an dem ich seit einiger Zeit schrieb. Der Engel beugte sich über den Kopf des Zombies, den er nun mit seinen Armen umschlungen hielt. Flüchtig hatte ich dabei den Eindruck, dass der Engel sich nicht festhalten musste, um nicht abzustürzen, sondern um nicht davonzuschweben.
So nahe wie jetzt waren sich unsere Gesichter schon lange nicht mehr. Während der Engel aufmerksam las, was ich soeben geschrieben hatte, betrachtete ich eingehend sein Profil. Seine Lippen bewegten sich leicht im Rhythmus des Textes, auch wenn er nicht laut las, und ich konnte vereinzelt Worte erkennen, die ich vor ein paar Minuten erst in die Tastatur getippt hatte. Das Profil des Engels war mir seltsam vertraut, und schon so manches Mal glaubte ich eine leichte doch unleugbare Ähnlichkeit mit mir zu erkennen. Allerdings war die leicht durchsichtige Konsistenz des Engels natürlich für so manche optische Täuschung gut. Aber nicht in diesem Augenblick. Das leicht bläuliche Licht des Monitors schien genau die richtige Wellenlänge zu haben, um die Moleküle im Gesicht des Engels in Resonanz bringen. Da ich ihn nur von der Seite betrachtete, ohne selbst vom Monitor geblendet zu werden, konnte ich zum ersten Mal kleine Fältchen unter und neben den Engelsaugen erkennen. Auf den ersten Blick hielt ich sie für Lachfältchen, doch ich schaute genauer hin. Es waren nicht wirkliche Lachfältchen, obwohl sie eine Art gelassene Heiterkeit ausstrahlten. Doch da war noch etwas anderes um diese Augen, die so konzentriert meinen Text lasen. Ja, da war eindeutig auch Traurigkeit. Und Sehnsucht. Ich versuchte, genauer hinzuschauen. Ganz kurz wendete der Engel sein Gesicht vom Bildschirm ab und blickte in meine Richtung, doch was er sah, schien ihn zu beruhigen und er wendete seine Aufmerksamkeit wieder meinem Text zu.
Ich beugte mich eine Winzigkeit vor, um besser sehen zu können. Diesmal wendete der Engel nicht seinen Kopf, sondern ließ nur für einen kurzen Moment seine Augen in meine Richtung huschen. Ich sah nun die stille Heiterkeit in seinen Augen und den Fältchen darum herum, und ich sah die Traurigkeit und die Sehnsucht.
Seltsam, dachte ich bei mir. Ich wusste nicht, ob er schon immer so ausgesehen hatte, oder ob er nur so schnell gealtert war in meiner Gegenwart. Oder es lag ganz einfach daran, dass ich ihn noch nie so nah und bei so günstiger Beleuchtung gesehen hatte.
Jetzt rieb der Engel leicht an den Schläfen des Zombies, der die ganze Zeit völlig still und regungslos in dieser unbequemen Beugehaltung verharrt hatte. Langsam richtete er sich wieder auf, der Engel wurde wieder emporgehoben. Während er Höhe gewann, schaute er mir kurz in die Augen und lächelte.
"Ich möchte jetzt hinausgehen!", rief er plötzlich und deutete durch das Fenster nach draußen. Eben war es noch grau und nebelverhangen gewesen, doch über unserem kleinen Stelldichein war es Winter geworden. Die Landschaft war weiß zugedeckt, und die Sonne funkelte auf Millionen Schneekristallen. Der Zombie wendete sich um und das ungleiche Paar stürmte hinaus. Ich hinterher. Draußen das gleissende Winterlicht war überhaupt nicht kalt.



Sonntag, 28. August 2011

Sonntagabend


Mein Joggingwald hat einen sehr dichten Waldrand. Der Feldweg, der zum Waldweg wird, führt geradewegs hinein wie ein Tunnel in eine Bergwand. Zu Spätsommer- und Frühherbstzeiten geht die Sonne exakt so unter, dass sie knapp über dem Horizont stehend diesen grünen, schweigsamen Tunnel der Länge nach ausleuchtet mit ihrem rotgoldenen Abendlicht. Laufe ich hinein, eilt mein dutzende Meter langer Schatten mir voraus.
Ich war heute schon auf dem Rückweg, meine Augen waren weit und dem Dunkel des Waldes geöffnet. Ich bog um eine letzte Kurve, als mich die tiefstehende Sonne frontal traf, obwohl ich noch hundert Meter tief im Wald war. Das Licht flutete fast lärmend gegen mich an. Sofort spürte ich den physischen Widerstand. Hinter mir schlug mein kämpfender Schatten feurige Lichtschwerter in die Dunkelheit. Ich hatte keine Chance, das Licht war stärker, ich lief auf der Stelle. Doch nur kurz. Denn sogleich fing die Erde an, sich unter meinen Füßen durchzudrehen wie das Laufband eines Heimtrainers. Auf diese Weise kam ich nun doch voran, obwohl ich de facto stillstand im Licht. Das Maisfeld wanderte gleichförmig an mir vorüber, dann die alten Obstbäume am Rande der Straße. Die Schafe in der Koppel konzentrierten sich, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren in der plötzlich veränderten Erddrehung. Ich fragte mich, ob ich nicht einfach stillstehen sollte und warten, bis die Sonne untergegangen wäre. Doch da kam schon mein Haus und mein Balkon in Sicht. Auf dem Balkon stand der Zombie, mein Engel auf seinem Kopf. Unter Anleitung des Geflügelten streckte der Zombie mir seinen Arm entgegen, der aufgrund der Fäulnis bedeutend länger war als ein normaler menschlicher Arm. So konnte ich ihn problemlos greifen, als der Balkon, das Haus und alles an mir vorüberzog. Ich schwang mich hoch, halb von dem Zombie gezogen, halb mit dem Schwung meines Laufes, und kurz beglückwünschten wir uns zu unserem Husarenstück. Ich war zu Hause, bewegte mich nicht mehr, die Erde ging wieder ihren gewohnten Gang.


Sonntagmorgen


Mein Engel zieht ein seltsam gewirktes Gewebe von meinem Gesicht. Es ist nicht genau erkennbar wo es endet und wo es anfängt. Trotzdem beginnt er, es gewissenhaft zusammenzufalten. Doch erst, als er das schimmernde Päckchen unter seinem Gewand verschwinden lässt bemerke ich, dass es anscheinend aus demselben Stoff gewebt wurde.
Ich blinzele mit meinen Augen. Der Schwarm winziger Begebenheiten, eigentlich mehr eine Wolke aus glitzernden Momenten, kreist und schwebt über meinem Bett. Manchmal torkelt ein Teilchen aus der Wolke und fällt geruhsam und in der Morgensonne blinkend auf mein Gesicht, wo es sich sogleich auflöst wie ein Rauhreifkörnchen auf der Zunge. Je mehr dieser Teilchen auf mich herabschweben, desto mehr fühlen sie sich wie Sonntagmorgen an. Draußen blauer Himmel.

Ich höre leises Motorengebrumm. Weit entfernt, weit oben. Viel näher raschelt der kühle Morgenwind in den Blättern. Die Welt gleisst und schimmert. Licht und Wind durchdringen sich ungehindert. Ich könnte hinausgehen und mich dem in den Weg stellen, oder mich am Durchdringen beteiligen. Das Licht spüren, das mein Innerstes durchquert und dabei daran denken, dass Photonen keine Zeit kennen. In der Nacht sah ich hoch am Osthimmel Jupiter. Sog sein Licht in mich auf, das von einer Sonne kam, die tief unter mir auf der anderen Seite der Erde stand. Doch blickt man in den Nachthimmel, dringen auch Photonen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle auf die Netzhaut. Man sieht sie nicht, und doch finden sie ihren Weg durch das Auge in unseren Körper. Lichtteilchen, die seit dem Urknall durch Raum und Zeit reisten und nun als Energiequanten in meinem Körper schimmern, aber nur für Engelsaugen.

Mein Engel sitzt jetzt am Fußende auf meinem Bett und blickt versonnen nach oben in die glitzernde Wolke. Ich könnte ihn jetzt anfassen, denke ich, unternehme aber keinerlei Anstrengung, dem Gedanken eine Tat folgen zu lassen. Es ist Sonntagmorgen und die Welt ruht gleissend und gedankendurchwebt im Herbstlicht. Wieder entferntes Motorengebrumm hoch am Himmel. Es stört nicht, es steckt lediglich Entfernungen ab, die auf mich herniedersinken wie ein abgeschnittenes weiches Band, sich zu endlosen Schlingen und Biegungen auffaltend.

Ich sollte aufstehen und den Entenstall öffnen. Schranze und Marie warten bestimmt schon ungeduldig unter ihren eigenen Augenblickswolken. Im Widerschein ihrer stets lächelnden Gesichter die blinkend niedersinkenden Ausreisserteilchen, wie winzige silberne Spiegelchen Strahl für Strahl verschickend. Ich bewege unter der Bettdecke meinen Fuß. Mein Engel senkt langsam seinen Blick und schaut nun zu mir mit seiner undeutbaren Miene. Er scheint zu warten. Ich hebe etwas meinen Kopf und schnüffle unauffällig in der Luft. Es riecht leicht nach den violetten Distelblüten, über die sich die Hummeln hermachen hinterm Haus. Ich vermute daher, auch Hummelhintern duften nach Distelblüten.



Donnerstag, 28. Juli 2011

Nächtlicher Besuch

"Schmales Löffelchen mein
schlüpfst in meinen Mund hinein
angetan mit süßem Honig
derweil droben im Gehirn
ein riesiger Balken schwebt
über altbekannter Landschaft."

"Weg!", schreie ich, noch im Halbschlaf versunken,
und vollführe eine wirsche Abwehrbewegung mit meinem
linken Arm. Der kleine Engel fliegt und flattert unkontrolliert
in die gegenüberliegende obere Zimmerecke und rutscht dann
langsam an der Wand hinab, ehe er sich wieder etwas fängt
und auf die Kommode hüpft.
"Du sollst das lassen!", füge ich noch hinzu und versuche
herauszufinden, wie spät es ist. Mein elektronischer Wecker
steht auf dem Kopf, bzw. auf seiner Vorderseite, damit sein helles
Display nachts keine Stechmücken anlockt. Ich lange mühsam nach
dem uralten Ding und drehe es so, dass ich die Anzeige lesen kann.
4 Uhr 13. Ich stelle den Wecker wieder auf den Kopf und schaue
zu dem Engel hinüber. Ich muss ein paar Mal blinzeln, bis ich meine
Augen scharf gestellt habe und in dem fahlen Zwielicht die kleine
Gestalt erkennen kann. Der Engel hat einen seiner Flügel vor seinen
kleinen Körper geklappt und dreht und biegt nun an einer unsichtbaren
Verstärkungsrippe herum.
Geschieht ihm recht, denke ich mir. Ich bin ratlos, wie ich ihm diese
Marotte austreiben soll, ohne ihm richtig weh zu tun. Seit einiger
Zeit nämlich hat er es sich zur Aufgabe gemacht, des nachts an
mein Bett zu schleichen um mir dann irgendwelche, vermutlich
selbst erfundene, Gedichte ins Ohr zu raunen. Ich wache dann auf
mit einem feuchtwarmen Ohr und erschrecke mich jedesmal fast
zu Tode.

Ich merke, dass die Luft im Zimmer trotz der offenen Balkontür nicht
die beste ist. Ja man könnte sogar sagen, es stinkt im Zimmer. Mir
schwant Böses. Ich beuge mich mit dem Oberkörper aus dem Bett nach
unten und schaue in die Düsternis unter meiner Schlafstatt, doch es
ist zu dunkel, ich kann nichts erkennen.

"Grmpfl, schrnch"

Als er sich bewegt, sehe ich den Zombie. Er hat kaum Platz in dem flachen Zwischenraum zwischen Fußboden und Lattenrost, doch das scheint ihn nicht weiter zu stören. Er liegt in Embryonalhaltung auf der Seite, sein baumelndes Auge ruht auf dem Fußboden. Soweit ich es erkennen kann, blickt es sogar in meine Richtung. Ich hoffe inständig, dass er nicht allzu viel Leichenflüssigkeit unter meinem Bett verliert. Ich richte mich wieder auf.

"Schaff dieses Ding hier raus!", rufe ich dem Engel auf der Kommode zu, "Du weißt, dass er im Haus nichts verloren hat!"

Ich bin einigermaßen erstaunt, als der Engel unverzüglich zu mir herüber-
flattert und zu dem Zombie unter das Bett kriecht. Nach einigem hin und
her und etwas Gerüttel und Geknurre kommen beide unter dem Bett hervor, der Engel bereits auf der Schulter des Zombies sich festklammernd. Schwankend wie ein Beduine auf einem sich erhebenden Kamel schwebt der Engel empor, sachte den Zombie an den Haaren ziehend. Schlurfend verlassen die beiden das Zimmer.

Ich liege wach und habe Durst. Ich weiß, auf dem Nachttisch neben dem Wecker steht das volle Wasserglas. Doch um es zu erreichen, müsste ich mich mindestens auf einen Ellbogen stützen und dann hinüberlangen. Eine Anstrengung, die genau bedacht und abgewogen sein will. Köstliches, kaltes Wasser. Wie angenehm es wäre, jetzt davon zu trinken. Wenn ich mich nur nicht bewegen müsste dafür. Wird es möglich sein, wieder einzuschlafen ohne den Durst gestillt zu haben? Ich könnte es zumindest versuchen. Nicht an plätscherndes Quellwasser denken. Nicht daran denken, wie das Wasser die trockene Kehle hinunterrinnen würde. Erneut schätze ich die Entfernung ab. Es führt kein Weg daran vorbei, ich werde mich halb aufrichten müssen. Ich könnte das Glas vielleicht im Liegen herüberholen, aber spätestens zum trinken müsste ich mich etwas aufrichten.

Während ich noch mein Hirn zermartere, ob ich nun trinken soll oder nicht, fliegt plötzlich die Zimmertür wieder auf. Im Rahmen steht der Zombie, der Engel immer noch auf seiner Schulter. In seiner Linken hält der Zombie meinen Putzeimer, in der Rechten einen Putzlappen. Wie ein geübter Kamelreiter schwankend und balancierend zwingt der Engel den Zombie auf die Knie, wobei ein nicht unbeträchtlicher Teil des Putzwassers aus dem Eimer schwappt. Ich seufze. Der Zombie nähert sich auf allen Vieren meinem Bett, wobei er den Eimer immer ein kleines Stück des Weges weiterschiebt. Es ruckelt, als der Zombie halb unter dem Bett verschwindet und anfängt zu putzen, immer angeleitet von dem Engel, der nun neben dem Bett steht.

"Ich habe solchen Durst", sage ich müde und schläfrig, doch mehr zu mir selbst denn als Aufforderung an irgendjemanden. Doch der Engel ist mit einem flatternden Hüpfer auf dem Bett, greift nach dem Wasserglas und hält es mir an die Lippen, wobei er mir sacht den Kopf stützt. Ich trinke fast das ganze Glas aus und hebe dann etwas die Hand. Der Engel versteht und stellt das Glas auf den Nachttisch zurück. Der Zombie ist fertig mit Leichensaftputzen, und beide verschwinden wieder durch die Tür in den noch dunklen Flur dahinter.

Es geschehen noch Zeichen und Wunder, denke ich mir wohlig und schlummere wieder ein, wirren Träumen entgegen.



Freitag, 24. Juni 2011

Horrorjoggen


Heute brauchte ich für meine kurze Joggingstrecke statt 35 Minuten volle zwei Stunden. Na ja, eigentlich war ich ja gewarnt. Es war kurz vor Sonnenuntergang, blauer Himmel mit vereinzelten Alto- und Stratocumuluswolken, dazu eine leichte Westbrise, welche die Apfel- und Birnbäume an der Strecke zum Rascheln brachte. Der Hinweg in den Wald verlief noch ohne besondere Vorkommnisse, und im Wald selbst läuft es sich ja sowieso immer völlig undramatisch. Die hohen Bäume schlucken sowohl Licht wie Wind und schaffen eine immergleiche Atmosphäre der Kontinuität. Als ich jedoch auf dem Rückweg den Wald wieder verließ und nun in Richtung der untergehenden Sonne lief, erwischte es mich voll. Eine große dunkle Wolkenbank in Form einer Diddelmaus mit Kamelhöcker türmte sich im Westen auf, daneben ein rundes Wolkengebilde wie ein ausgefranster Fußball. Darüber fegten die Stratocumuli davon und wurden vom Wind über mich hinweggetrieben. Die Sonne hatte eine Lücke gefunden, durch welche sie ungehindert hindurchscheinen konnte, wobei sie die Ränder der dunklen Wolken gleissend hell erleuchtete. Der Wind zauste an meinem Laufshirt, das hohe Gras zu beiden Seiten der Strecke raschelte und wogte, und zu allem Überfluss zirpte sich eine ganze Armee von Grillenjunggesellen einen Wolf. Das war zuviel für mich, meine Schritte wurden immer langsamer und zögerlicher, bis ich völlig stillstand und mich mit offenem Mund gaffend langsam und taumelnd um mich selbst drehte. Bald fühlte ich diesen Ansturm pittoresken Postkartenkitsches wie eine Zentnerlast auf mich niedersinken, immer weiter wurde ich nach unten auf die glücklicherweise sehr wenig befahrene Straße gedrückt. Eine Windböe rauschte über mich hinweg, mein schweißnasses Gesicht kühlend.
Ich schleppte mich auf meinen Ellbogen voran, doch der Druck auf meine Beine war zu groß, sie scheuerten schmerzhaft über den Asphalt. Dann verschwand die Sonne hinter der Diddelmaus, und die Wolkenränder strahlten noch heller als zuvor. Dazu blitzten nun Lichtschwerter durch jede Lücke als versuchten sie, die vom Wind entführten Wolkenfetzen auf der Flucht aufzuspießen. Es war sinnlos, ich drehte mich auf den Rücken und keuchte unter dem Ansturm dieser Naturdramatik. Ein großer schwarzer Käfer auf seiner Reise über die Straße musste einen kleinen Umweg um meinen Kopf gehen. Der Asphalt war warm, der Himmel blau, und die Grillen spielten ihre Serenade.

Ein älteres Ehepaar kam trippelnd vorbei, sie mit Nordic-Walking-Stöcken ausgerüstet. Neugierig und mitfühlend sahen sie auf mich herunter, sie schienen von den Naturgewalten völlig unberührt. Der Wind versuchte kurz, sie etwas aufzurütteln und zwirbelte an ihren weissen Haaren, doch ohne Erfolg.

"Was ist mit Ihnen? Geht es Ihnen nicht gut?" fragte mich der ältere Herr.

"Verpisst euch, geht weiter!" konnte ich mit Mühe doch mit einigem Nachdruck hervorpressen.

Sie schauten sich erst entsetzt, dann empört an, dann musterten sie mich erneut und schüttelten ihre Köpfe.

"Haut endlich ab!" brüllte ich, und endlich schienen sie verstanden zu haben.

"Das kann man aber auch netter sagen!", meinte die ältere Dame im Weggehen, "man meint es ja nur gut."

Da musste ich ihr insgeheim sogar zustimmen, doch nach einer Entschuldigung war mir im Moment nicht zumute. Ich drehte mich wieder auf den Bauch und versuchte erneut, kriechend etwas Weg zurückzulegen, doch ohne Erfolg. Der Druck schien sogar noch zuzunehmen. Mein Kopf wurde auf die Straße gepresst und ich verlor das Bewusstsein.

Die Welt schaukelte hin und her. Die Dämmerung war fortgeschritten, der Himmel nicht mehr strahlend blau, sondern dunkel, fast schwarz. Etwas stank furchtbar. Ich befand mich nicht mehr auf der Straße. Ich blickte nach oben und sah über mir das eine Auge meines Zombies baumeln. Auf seinem Kopf saß der Engel und lenkte ihn mit sachtem Klopfen gegen die Schläfen. Ich drehte meinen Kopf etwas zur Seite, um zu sehen, wohin die Reise ging. Mein Zombie trug mich offensichtlich nach Hause. Unter dem regelmäßigen trapp-trapp seines eigentümlich ausladenden Laufstils sank ich in wohligen Schlaf.


Montag, 6. Juni 2011

Höhere Wesen



"Der Leichnam schien äusserlich unverändert, und doch schwebte er langsam immer höher, als wäre er nur eine mit Helium gefüllte ultraleichte Hülle."


"Nun schreib´ doch mal was Schönes! Von Blumen z.B., oder von der Liebe!"

Ich erschrak fast zu Tode. Schräg hinter mir stand mein Zombie. Ich hatte das Fenster geöffnet, der Durchzug wehte seinen Aasgestank von mir fort, daher hatte ich ihn nicht bemerkt. Auf seinem Kopf, und halb auf der Schulter, saß der Engel. Er hatte die Gestalt und die Proportionen eines Erwachsenen, war aber höchstens 80 Zentimeter groß. Alles an ihm war irgendwie durchscheinend cremefarben, mit rötlichen Schlieren, die sich in seinem Inneren zu seltsamen Mustern zusammenfanden und dort, wo man sein Herz vermutete, einen dichten Knoten bildeten. Seine gefiederten, ebenfalls durchscheinenden Flügel waren jedoch frei von den roten Schlieren. Man konnte nicht sagen, dass er nackt war, aber auch nicht, dass er irgendwelche Kleidung trug. Seine Oberfläche schien seltsam indifferent. Wo man in einem Augenblick eine nackte Schulter wähnte, fältelte sich im nächsten Moment ein seidiger Umhang. Mein Zombie hatte nur noch ein komplettes Auge, das andere hing am Sehnerv etwa auf Höhe seines linken Nasenflügels. Aus der Augenhöhle tropfte eine wässrige Flüssigkeit auf meine Schulter.

"Boah...scheiße....", entfuhr es mir und ich schob den Zombie auf Armlänge von mir weg. Nicht auszudenken, wenn er mir die Tastatur volltropfte.

"Wie hältst du es nur Tag und Nacht auf diesem Ding aus?" fragte ich den Engel.

"Was für ein Ding?"

"Na....dieses....Ding!", sagte ich barsch und deutete ungeniert auf den Zombie, "wie kannst du nur darauf sitzen?"

Der Engel schaute an sich herunter, doch schien nichts Außergewöhnliches zu bemerken.

"Was meinst du?"


"Herrjeh", rief ich und wendete mich wieder meinem Computer zu, um weiterzuschreiben.

"Schreib´ doch mal was über die Liebe!", meinte der Engel wieder.

"Wieso ich? Schreib´ du doch was darüber, du kennst dich damit doch viel besser aus"


"Ich? Wieso ich?"

"Ich dachte, Engel bestehen aus nichts anderem als Liebe. Konzentrierte Zuneigung, kondensierte Weisheit, gestaltgewordener Frieden."


"So ein Unsinn"


"Na ja, das sagt man doch so. Was seid ihr denn sonst? Protoplastische Wirbel in Menschengestalt? Geistige Fata Morganas?"


"Eher eine Mischung aus beidem"


"Nee, im Ernst?"


"Grmpf....grölz.....mmmrrrrooar"


"Was hat er denn? Hunger?"


"Zombies haben keinen Hunger. Sie sehnen sich jedoch nach Leben, wie wir alle, doch in ihrem Inneren gähnt ein abgrundtiefer Schlund völliger Leere, den sie dann und wann zu stopfen trachten mit Material, das irgendwann lebte oder, besser noch, immer noch lebt. Eine Verhaltensweise, die natürlich gesellschaftlich keinesfalls auf Gegenliebe stösst."


Ich ließ mir mein Erstaunen nicht anmerken. Es war das erste Mal gewesen, dass der Engel die Existenz des Zombies erwähnte; gerade so, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Der Zombie schwankte nun wieder etwas vor, fing sich jedoch wieder, bevor er mir allzu nahe kam. Der Engel begann, die Schläfen des Zombies zu massieren und mit seinen filigranen Händen den dicken stinkenden Kopf leicht hin- und herzudrehen. Der grunzende Zombie drehte sich langsam in Richtung Zimmertür, und gemessenen Schrittes bewegte das seltsame Duo sich nach draußen. Es war Abend geworden, ein leichter Wind wehte durch die Baumwipfel, in breitbeinigem Trab ritt der Engel den Zombie in den Sonnenuntergang.


Donnerstag, 2. Juni 2011

Vatertagsjoggen



"NICHT ERSCHRECKEN!....HAAALLOOO....HUUHUUUU.....NICHT ERSCHRECKEN"

Ich rief mir praktisch schon 100 Meter vorher die Seele aus dem Leib. Auf dem Hinweg war ich nicht so vorsichtig gewesen. Da war die ganze Schafherde mitsamt allen Lämmern wie von Taranteln gestochen hochgeschreckt, als mich meine Joggingroute an ihrem Gatter vorbeiführte. Das war mir gar nicht recht gewesen, sie hatten so schön und friedlich unter den schattigen Bäumen am Wegesrand gedöst. Jetzt, eine halbe Stunde später, hatten sie es sich gerade wieder an derselben Stelle bequem gemacht.

"HUHUUU....NICHT ERSCHRECKEN....ALLES OK!"

Es schien zu fruchten. Sie hoben lediglich müde ihre Köpfe und glotzten mir entgegen. Die Kleinen waren etwas neugieriger und aufgeweckter, doch niemand rannte davon. Selbst, als ich in nur zwei Metern Entfernung an ihnen vorbeirannte blieb alles ruhig.

Puuuh...nochmal gutgegangen, dachte ich.

Ich war erst ein paar dutzend Meter weitergerannt, da hörte ich hinter mir doch wieder dieses erschreckte Getrappel, wenn 50 Schafe plötzlich den Hügel hinaufrennen. Ich drehte mich also im Laufen um und sah den grüngelben Zombie, der mich schon seit geraumer Zeit überallhin begleitete, wie er mit seinem typischen, stolpernden doch zugleich raumgreifenden Schritt hinter mir herkam. In seinen Händen hatte er ein halbgroßes Schaf, von dem er gerade einen ordentlichen Bissen abriss. Seine Laufkoordination schien in keinster Weise darunter zu leiden.

So ein gottverdammter Mist, so ein Arschloch!, dachte ich bei mir. Aber es hatte ja keinen Zweck, er war für jede Art von Konversation oder Kommunikation völlig unempfänglich. Also sagte ich zu dem kleinen Engel, der seit kurzem auf Kopf und Schultern des Zombies zu wohnen schien: "Konntest du nicht aufpassen? Du hättest doch etwas tun können, verhindern können, dass er das arme Schaf reisst! Wozu sitzt du denn all die Zeit dort oben?"

"Erstens bin ich für deinen Zombie nicht verantwortlich, ich sitze nur zufällig auf ihm! Und zweitens war das Schaf sowieso schon tot, hast du das denn nicht gesehen? Er hätte doch gar kein gesundes Vieh erwischt, so tollpatschig, wie er nun mal ist."

Das machte die ganze Sache natürlich nicht appetitlicher, aber zumindest musste ich mir nicht vorwerfen, am Tod eines Schafes mitschuldig zu sein. Ich trabte etwas zur Seite, um an meinem Zombie vorbei nach hinten zum Zaun schauen zu können. Er war auf mindestens fünf Meter Länge niedergewalzt. Ich hoffte, dass der Bauer nicht ausgerechnet in diesem Augenblick mit seinem Wasseranhänger aufkreuzen würde.