..............................................und andere Lumineszenzen..............................................
Sonntag, 20. März 2011
Beim Putzen
"Heute ist der Tag der Poesie!"
"Dann fang´ gefälligst an zu reimen!"
"Reime alleine machen noch längst keine Poesie"
"Wem sagst du das"
"Irgendwie verstehe ich deinen barschen Einwurf jetzt nicht"
"Ich versuchte lediglich, dem Gespräch eine humoristische Note hinzuzufügen, indem ich durch gespielte Gereiztheit dich in die Lage zu versetzen hoffte, meinem Ansinnen...."
"Herrjeh, das Gespräch hatte ja noch gar nicht richtig begonnen. Es bedurfte noch überhaupt keiner Note, weder einer humoristischen noch einer gereizten. Wieso warten wir nicht einfach ab, wie es sich entwickelt?"
Beide Personen schweigen nun und widmen sich der Reinigung und Pflege ihrer Maschinenkanonen. Der süßliche Geruch von Waffenöl liegt in der Luft
"Gib´ mir mal bitte den Kuchen rüber. Aber tatsch´ ihn nicht mit deinen öligen Fingern an."
Während des Herüberreichens fallen ein paar Krümel auf den frisch geputzten und geölten Verschluss der BK-27
"So ein Mist! Liegt die Druckluft bei dir?"
Der Schlauch für die Druckluft wird über den Tisch geschoben, wobei er ein paar Bolzen und Schlitten durcheinanderbringt. Dabei meint die Person, die den Schlauch hinüberreicht:
"Ich habe heute meine erste Hummel dieses Jahres gesehen. Ein mordsfetter Brummer. Erst flog sie ziemlich ziellos durch die Gegend, als sie plötzlich geradewegs auf mein Gesicht zusteuerte. Glücklicherweise überlegte sie es sich wieder anders und bog vorher ab. Ich war sehr erleichtert. So ein Hummelaufschlag könnte einen direkt aus dem Gleichgewicht bringen."
"Ach je, die arme Hummel. Ist bestimmt nicht einfach, jetzt schon genügend Nahrung zu finden"
"Nun, es gibt schon eine Menge Krokusse, Schneeglöckchen und Märzenbecher. Auch die Weidenkätzchen stehen bereits in voller Blüte."
"Wieso eigentlich Gleichgewicht? Hast du auf einem Hochseil balanciert?"
"Wie sollte ich wohl an ein Hochseil gelangen? Nein, ich balancierte auf einem kleinen Ball, der auf einem Zaunpfahl lag. Sitzend. Mir tut jetzt noch der Hintern weh."
"Hm...wie dem auch sei. Während du auf deinem Hintern balanciert hast, überlegte ich, was man tun soll, wenn man seine Gedanken über etwas Fertiges schweifen lässt. Und zwar fertig nicht im Sinne von abgefuckt, sondern vollendet. Fertiggestellt. Wenn man über etwas Fertiges hinwegfliegt. Ein Industriegebiet z.B., mit Einkaufszentren."
"Ein schwieriges Thema."
"Ja, vor allem Industriegebiete sind sehr anstrengend. Jedenfalls, wenn man über sie nachdenkt, oder über sie hinwegfliegt. Gedanklich."
"Wegen der Schornsteine und dem Dreck?"
"Nein, sorry, ich habe mich etwas missverständlich ausgedrückt. Ich meine eigentlich diese Gewerbegebiete in ländlichen Mittelzentren, keine Schwerindustrie. Man fährt von einem Kaff ins nächste, und dazwischen, links und rechts der Straße, liegen diese Ansammlungen von Autohändlern, Tischlereien, Glasereien und des örtlichen Reifenservice. Dann noch ein Netto und ein Aldi. Meistens gibts auch noch einen Elektronikladen. Keinen Mediamarkt oder Saturn, eher was kleineres. Euronics zum Beispiel. Und ein dänisches Bettenlager."
"Übel"
Die eine Person lässt den Topbügel der Gau 2 einrasten und versetzt die Läufe in Rotation. Zufrieden fängt sie an, die Maschine in Ölpapier einzupacken. Auch die andere Person ist mit ihrer Bk-27 zufrieden. Ein winziger Flugrostfleck am Spannfederrohr muss allerdings noch entfernt werden
"Hast recht. Vor allem bei Sonnenschein fühlt man sich da immer wie hingekotzt. Ganz schlimm sind sonnige Sommersonntagmorgen in einem solchen Gewerbegebiet, womöglich noch mit Frühlingsglast in der Luft. Die Verortung an einen bestimmten Punkt der Erdoberfläche zerrt dann ganz besonders an den Nerven."
"Glast? Was hat das Gamma-Ray Large Area Space Telescope damit zu tun?"
"Nichts. Ich meinte Glast im Sinne von Helligkeit, Schein, Gefunkel"
"Achso"
Die Personen packen die Kanonen in die bereitstehenden Kisten und ziehen die Adressetiketten von den Folien.
"Hast du mir das Rezept von dem Kuchen?"
Mittwoch, 16. März 2011
Wenn´s regnet (X)
Namensuchmann legte sich auf den Rücken. Die unter dem schweren Regen blubbernde und prasselnde Wasseroberfläche reichte ihm bis an die Ohren. Die Augen musste er geschlossen halten, zu dick und dicht fielen die Regentropfen. Aber es war ja ohnehin stockfinster, also spielte es keine Rolle.
Langsam kroch das Wasser unter seine Jacke, die bis jetzt so bewundernswert dicht gehalten hatte. Doch nun war auch die vorletzte trockene Stelle an seinem Körper, ein suppentellergroßer Fleck zwischen den Schulterblättern, patschnass. Die andere Stelle befand sich auf seiner Brust, nur Millimeter unter dem hämmernden Ansturm des Regens.
Wie hatte das nochmal alles angefangen? Er war mit dem Auto unterwegs gewesen und hatte eine Panne. Dann die Dunkelheit, der Regen, der seltsame Oldtimer mit seinem noch seltsameren Fahrer, der Unfall, das Wasser und der Noppenboden darunter, die seltsamen, linienartigen Erhebungen darauf, die Lichterscheinungen, der riesige Affe, der den Bentley durchsuchte...
Der Affe! Er schien eigentlich ganz zufrieden und mit der Durchsuchung des Bentleys vollständig ausgelastet zu sein, als Namensuchmann seinem Blick begegnet war. Es sei denn, und nun wurde es Namensuchmann etwas mulmig, es sei denn, er suchte etwas zu fressen. Doch Affen greifen keine Menschen an, wenn sie sich nicht bedroht fühlen. So oder so ähnlich wurde es jedenfalls immer wieder in diesen strunzlangweiligen Natursendungen im Fernsehen erzählt. Selbst fleischfressende Affen wie Schimpansen oder Paviane wagten sich nur an viel kleinere Beute heran als Namensuchmann eine war.
Etwas war passiert. Etwas hatte sich verändert.
Namensuchmann wusste nicht sofort, was es war. Er drehte den Kopf, wobei ihm Wasser in den einen Gehörgang hineinlief. Er schaute wieder nach oben und lauschte. Das Rauschen und Prasseln des Regens war leiser geworden, eindeutig. Oder hatter er sich nur an das Geräusch gewöhnt? Nein, es fielen längst nicht mehr so viele Tropfen auf sein Gesicht wie vor ein paar Momenten noch. Der Regen ließ eindeutig nach. Ohne einen logischen Zusammenhang hoffte Namensuchmann für einen kurzen Augenblick, es möge nun auch Licht einkehren in diese seltsame Welt, wenn schon der Regen aufhörte. Doch es blieb dunkel.
Etwas kitzelte Namensuchmann auf der Nase. Erschrocken und fast panisch wischte er über sein Gesicht, doch er konnte nicht feststellen, was es gewesen war. Er beschloss, dass man sich in ausgestreckter Rückenlage wohl kaum effektiv gegen einen Riesenaffen verteidigen konnte, der einem mit einem Palmwedel im Gesicht kitzelt. Eine andere Erklärung hatte er nicht.
Es war nun fast ganz still, das Prasseln hatte aufgehört. Namensuchmann hockte auf seinen Knien immer noch auf der Linie, die sich unter der nun glatten Wasseroberfläche dahinzog. Seiner Erinnerung nach befand er sich etwa zwei Meter vom Ende der Linie und einen Meter vom Abgrund entfernt. Sehen konnte er noch immer nichts. Er überlegte, dass er vermutlich selbst bei Tageslicht den Abgrund nicht würde erkennen können. Die Wasseroberfläche würde keinerlei Hinweis darauf geben, denn von einer Strömung war noch immer nichts zu spüren, und auch keinerlei Wellengang, der sich an der Unterwasserkannte hätte brechen und sie damit hätte verraten können.
Etwas kitzelte nun auf seiner Hand, mit der anderen schlug er danach. Es war sinnlos, und doch schaute er sich um, schaute nach oben. Etwas weiches landete auf seiner Stirn, dann auf seinem Kinn. Er wischte es ab, bekam jedoch nichts zu fassen. Er rief sich innerlich zur Ruhe auf, richtete sein Gesich nach oben, und wartete.
Nach einer kleinen Weile wich die Anspannung einem Anfall irrationaler Heiterkeit. Namensuchmann schüttelte langsam den Kopf und kicherte. Kicherte über die Welt, die sich diesen Streich mit ihm erlaubte, kicherte über sich selbst, dass ausgerechnet ihm derartiges widerfuhr, und kicherte über die Gelassenheit, die ihm von irgendwoher zuteil geworden war.
Er breitete seine Arme aus und drehte die Handflächen nach oben.
Dicke weiche Schneeflocken rieselten auf ihn nieder.
Montag, 14. März 2011
Schock im Frühling
Sonntag, 6. März 2011
Samstag, 5. März 2011
In der Anstalt
"O´zapft is!", rief der stämmige Mann in seiner weissen Pflegerkluft endlich. Mit drei geübten Schlägen hatte er den hölzernen Hahn seitlich über dem linken Ohr in den Kopf des Irren getrieben. Der gar nicht so unglücklich scheinende Irre war Herr Krautner, er wohnte seit nun schon 18 Jahren in der Einrichtung Kuschelrose, genaugenommen seit er an einem sonnigen Aprilmorgen mit zwei schweren Überseekoffern beim Pförtner vorgesprochen hatte mit der Frage, ob er für eine Weile seinen Vorgesetzten und seine Sekretärin im Pförtnerhäuschen unterstellen dürfe.
Zum alljährlichen Irrenanstich hatte sich wie jedes Mal ein illustres Völkchen versammelt, bestehend aus ortsansässigen Kreativen wie dem Werbetafelgestalter Blümcke, der Floristik- und Ikebanameisterin Weber und dem Rathausdichter Gonschek. Sogar der überregional bekannte Schriftsteller Herr Schaumbeiss stand in der bis hinaus in den Eingangsbereich sich erstreckenden Menschenschlange. Wegen des ausufernden Auftritts des Kinderchores vom nahen St. Stephanius-Kindergarten war man zeitlich etwas in Verzug geraten, weshalb sich unter den Wartenden bereits erster Unmut zu regen begann. Zwar wurde noch kein offener Protest vorgebracht, doch verschiedene mokante Bemerkungen über die verbesserungswürdige Organisation wurden in der Schlange der Wartenden bereits ausgetauscht, und zwar etwas lauter als nötig, sodass die Honoratioren vorne auf dem Podest es hören mussten.
Jeder in der Reihe war mit einem mehr oder minder großen Gefäß ausgestattet. Es dominierten Plastikkanister und große Mehrwegwasserflaschen. Herr Schaumbeiss hingegen hatte sich mit zwei leeren Senfeimern ausgerüstet, beide natürlich mit verschließbaren Deckeln, damit auf dem Heimweg nichts überschwappen konnte. Schaumbeiss beglückwünschte sich immer wieder aufs Neue für seine Voraussicht, mit der er sich beim letzten Schützenfest die beiden leeren Eimer gesichert hatte. Bei einem Eimer brauchte man keinen Trichter zum Befüllen, was die Verweildauer oben auf dem überfüllten und rempeligen Podest enorm verkürzte. Er was sich sicher, dass nächstes Jahr jeder andere auch mit Eimern ankommen würde.
Plötzlich war unzufriedenes Geraune zu hören, es kam von vorne, von dem Podest. Schaumbeiss reckte und streckte sich, um nach dem Grund zu spähen.
"Er ist leer!", rief der stämmige Pfleger ungläubig mehr zu sich selbst denn als Information für die Wartenden. Dr. Aegidius, der medizinische Anstaltsdirektor, trat von der Seite herzu und drehte an dem hölzernen Hahn, wobei sich Herr Krautners Kopf leicht mitbewegte. Doch ausser knatternder und pfutziger Luft trat nichts aus. Nicht der kleinste Tropfen.
Herr Krautner schaute erst zu Doktor Aegidius auf, dann zu dem stämmigen Pfleger und wieder zurück. Unsicher, ja fast schon schuldbewusst fragte er:
"Wann kommt´s? Bin voll"
"Da kommt gar nix", grummelte Doktor Aegidius, "du bist so leer wie die Schnapsflasche eines Alkis."
"Diese Geschichte droht eklatant in billigen Klamauk abzudriften!", ruft nun jemand aus dem Publikum, "dafür haben wir keinen Eintritt bezahlt. Wir wollen sprühenden Irrsinn, der aus Köpfen sprudelt!"
Der Regisseur, der in der hintersten Stuhlreihe gesessen hatte, erhob sich daraufhin zögernd und wedelte beschwichtigend mit den Händen.
"Aber meine Damen und Herren", rief er dem Publikum zu, das sich nun mehrheitlich abrupt zu ihm umdrehte. Auch die Unterhaltungen in der Warteschlange wurden unterbrochen, sogar das Geklapper der verschiedenen verschließbaren Behältnisse hörte für einen kurzen, aufmerksamen Moment auf.
"Ich kann Ihnen versichern, wir haben uns im Vorfeld schon die allergrößte Mühe gegeben, den schlimmsten Irren der ganzen Stadt aufzutreiben. Herr Krautner bestand sämtliche Begutachtungen mit Bestnote! Und am Script haben ein halbes dutzend Leute ein halbes Jahr lang..."
"Bestnote!", rief Herr Krautner dazwischen und wollte sich von seinem Stuhl erheben, doch der stämmige Pfleger drückte ihn wieder nach unten, "bester Irre der Stadt!"
Dr. Aegidius nickte unauffällig zwei weiteren Pflegern zu, die sich ganz hinten im Saal aufgehalten hatten. Nun sprangen sie den Regisseur von hinten an und hielten ihn auf seinem Stuhl fest. Der stämmige Pfleger auf dem Podest drehte Herrn Krautner den Hahn aus dem Kopf und verschloss die Öffnung mit einem dicken Korken. Herr Krautner sank in sich zusammen und begann hemmungslos zu schluchzen. "Bin voll! Bin voll voll!"
Bevor der Regisseur wusste wie ihm geschah, war der hölzerne Hahn an seiner linken Kopfseite angebracht. Zur Probe öffnete der stämmige Pfleger ihn ein wenig, woraufhin sich blauschimmernder Irrsinn auf den grauen Teppichboden ergoss.
"Ah...." erschallte es durch den ganzen Saal, "endlich!"
Sogleich formierte sich die Warteschlange neu, wodurch die Reihenfolge etwas durcheinandergeriet. Ärgerliches Murren war die Folge.
Freitag, 4. März 2011
Märzmoosung
Ich habe eine Joggingstrecke, die führt durch einen großen Wald. Auf der anderen Seite, auf freiem Feld, befindet sich eine kleine, grasbewachsene Anhöhe, zu der ein ausgefahrener Feldweg führt, vorbei an stoppeligen und umgebrochenen Äckern. Auf der Anhöhe steht ein Wasserpumphäuschen, das an drei Seiten und oben mit Erde angeschüttet und mit Gras und Moos bewachsen ist. Die ganze Szenerie erinnert frappierend an eine weibliche Brust mit einem bemoosten Nippel obenauf.
Vergangenen Dienstag war es wieder soweit. Das Wetter passte perfekt: wolkenloser Himmel, im Westen sank die Sonne ihrem Untergang entgegen, ein böiger, eiskalter Ostwind fegte über die Felder und pfiff durch die kahlen Bäume. Seltsamerweise war die Fernsicht trotz des Windes dunstig, unwirklich gedämpft und ergraut wartete die Welt.
Die Wegstrecke bis zur Anhöhe reicht normalerweise gerade aus, um mich auch bei unangenehm kalten Tagen ordentlich aufzuheizen. Doch als ich von zu Hause aufgebrochen war, pfiff der Wind frontal durch meine winddichte Joggingjacke und trieb mir die Tränen aus den Augenwinkeln. Ich war ziemlich sicher, dass ich bald würde umkehren müssen, ich hatte bei der Auswahl meiner Kleidung den Wind sträflich unterschätzt. Ich zog wie im Winter die Jackenärmel über meine Hände und lief etwas schneller, um den Puls zu erhöhen. Als ich endlich den Wald erreicht hatte und der Wind nachließ, spürte ich wie sich wohlige Wärme in mir ausbreitete. Auf der anderen Seite des Waldes, auf dem Wegstück zur Anhöhe, hatte ich Rückenwind, was ihn weit weniger beissend erscheinen ließ. Bald hatte ich die Anhöhe erreicht und lief über das kurze, braun-grau erfrorene Gras zu meinem Moosnippel hinauf. Seine südwestliche Seite war sonnenbeschienen. Ich legte meine Hand auf das grüne Moos mit den vereinzelten, kurzen Grasstummeln dazwischen. Es fühlte sich warm an. Ich legte mich auf den Rücken und streckte alle Viere von mir. Wegen des Gefälles schien mir auch im Liegen die untergehende Sonne noch wärmend ins Gesicht. Über mir breitete sich die kahle Baumkrone des Bergahorns aus. Und immer noch pfiff und toste der eisige Nordost, brachte die unbelaubten Äste zum tanzen. Doch ich lag windgeschützt und warm.
Ich spreizte die Finger meiner Hände und fühlte das warme Moos. Ich spürte auch winzig kleine Zweigfragmente des Bergahorns. Ich krümmte meine Finger und ließ sie in das Moos eindringen um zu erkunden, wie tief diese trockene Wärme in den Boden hinunterreichte. Ich musste etwas krabbeln, um mir Zugang zu verschaffen, doch schließlich, als meine Finger bis zum zweiten Knöchel eingedrungen waren, wurde es erst feucht und dann kühl.
Über mir jaulte der Eiswind im kahlen Geäst, ich lag auf dem warmen Moos, die Abendsonne schien mir ins Gesicht, und meine Finger spürten die wartende Kraft des Frühlings in der Erde.
Warum jemals weiterlaufen?
Natürlich, es war nicht von Dauer. Es würde nicht von Dauer sein. Die Kälte würde obsiegen, früher oder später. Würde durch das Moos kriechen und mich frösteln lassen. Der Zauber war kurz und kostbar, ich zog meine Finger aus der Erde hervor und nahm den Zauber und lief so schnell ich konnte.
Montag, 21. Februar 2011
Wenn´s regnet (IX)
Namensuchmann kroch so schnell voran, dass seine Knie das Wasser in dicken Platschern von unten gegen sein Gesicht schleuderten. Er bekam etliches davon in die Nase und verspürte plötzlich einen würgenden Hustenreiz. Auch seine Hände patschten wieder und wieder in das unsichtbare, dunkle Wasser, doch fanden sie immer wieder die Linienkante, die einzige Orientierung, die einzige Richtung in dieser richtungslosen Welt. Nur weg von dem Bentley, weg von dem unheimlichen, riesigen Affen, der mit diesem seltsamen Blick in seine Richtung geschaut hatte. Namensuchmann versuchte, diesen Blick einzuordnen, während er so schnell es ging durch das handbreit hohe Wasser vorankroch. Er war nicht feindselig gewesen, eher überrascht. Doch wieviel Zeit benötigt ein Tier, um die erste Überraschung zu überwinden und zu entscheiden, doch lieber feindselig zu schauen? Namensuchmann beschloss, beim ersten Anzeichen eines erneuten Helligkeitsausbruchs sich sofort aufzurichten und zurückzublicken. Sein Bauch verkrampfte sich bei der Vorstellung, den Affen dann womöglich ganz in seiner Nähe zu erblicken. Aber vielleicht war der ja damit zufrieden, dass Namensuchmann von dem Bentley wegkroch und ihm so seine Beute überhaupt nicht streitig machte. Vielleicht....
Namensuchmann griff ins Leere.
Das Wasser war natürlich immer noch da. Nur die erhabene Linie dicht unter der Oberfläche nicht mehr. Namensuchmann fiel vornüber, sein ganzer rechter Arm versank im Wasser, bis er mit der Brust auf dem Ende der Linie zu liegen kam. Sein Gesicht tauchte ins Wasser ein, er japste nach Luft, hustete und rappelte sich mühevoll wieder in eine stabile, kauernde Position. Sein Herz raste, es musste jeden Moment aus seiner Brust hervorbrechen. Seine Unterarme ruhten auf der Linie, seine Fäuste umklammerten deren Ende. Er konnte seine Stirn auf seine Fäuste legen, ohne dass sein Gesicht ins Wasser eintauchte. Ein würgendes, knurrendes Geräusch war alles, was er sich erlaubte. Doch das presste er mit so viel Wut und Schmach heraus, dass es in einer höheren Dimension vermutlich als Weltzerstörungsschrei vernommen werden konnte. Aber nicht hier. Nicht in dieser prasselnden Dunkelheit, in der irgendwo ein riesiger Affe lauerte. Und kein Licht mehr.
Nach einer kleinen Ewigkeit ließ Namensuchmann das Ende der Linie los und tastete deren Seitenkanten ab. Der Noppenboden, auf dem die Linie aufgelegen hatte, war nicht mehr da. Sie schien nun frei im Wasser zu schweben, etwa eine handbreit stark und ebenso weit unter der Wasseroberfläche. Die Unterseite der Linie war mit denselben Noppen besetzt wie ihre Oberseite. Namensuchmann tauchte so weit wie möglich seinen Arm in das schwarze Nass, doch konnte er keinen Grund ertasten. Das Wasser schien immer noch ohne jede Strömung, und das einzige Geräusch war das Pladdern unzähliger dicker Regentropfen. Unablässiges, monotones Prasseln. Von stampfenden, platschenden und näherkommenden Affenfüßen war nichts zu hören.
Das Ende der Linie war das Ende von Namensuchmanns neuer Welt. Es ging nicht weiter. Ins Unbekannte hinauszuschwimmen kam nicht in Frage. Es gab nicht die geringste Orientierung, er würde die Linie, die nun eher einem vom Wasser überspülten Steg glich, niemals wiederfinden und dann jämmerlich ersaufen. Blieb nur ausharren oder umkehren. Keine neuen Lichterscheinungen.
Namensuchmann drehte sich vorsichtig auf seinen Knien um. Die Linie war etwa einen halben Meter breit, doch ohne den Noppenboden zu beiden Seiten schienen gähnende Abgründe nach Namensuchmann zu greifen. Der prasselnde Regen erzeugte auf dem schwarzen unsichtbaren Wasser zumindest eine ferne Illusion von Oberfläche, doch Namensuchmann drehte sich der Magen um bei dem Gedanken, wie tief er wohl sinken würde, wenn er versehentlich von dem Steg herunterglitt und ihn die Kräfte verließen. Aber da war noch der Affe. Körperlich hatte Namensuchmann nicht die geringte Chance gegen ihn, falls es zum Kampf kommen sollte. Falls der Affe feindselig sein sollte. Falls er Hunger hatte...oder sein Revier verteidigen wollte...doch was war das für ein Revier? Wie sollte man auf einem stehenden Gewässer Duftmarken setzen? Namensuchmann wurde sich plötzlich klar, dass derartige Sophistereien im Moment zu nichts führten. Die einzige relevante Frage war, ob Namensuchmann sich dem Affen stellen sollte, falls es unausweichlich darauf hinauslaufen sollte, oder ob er sein Heil im Wasser suchen sollte. Ins Ungewisse schwimmen in der Hoffnung, dass der Affe nicht schwimmen konnte.
Namensuchmann fing langsam an, auf der Linie zurückzukriechen. Er wollte auf keinen Fall dem Bentley zu nahe kommen, er hoffte vielmehr, dass irgendwann der Noppenboden wieder aus der Tiefe aufsteigen würde. Nach etwa zwei Metern war es schon soweit. Plötzlich ertasteten seine Hände neben der Linie wieder die vertraute Gummioberfläche. Eine genauere Untersuchung ergab, dass die Noppenfläche urplötzlich senkrecht abfiel, während die daraufliegende Linie einfach noch zwei Meter über den unsichtbaren Abgrund hinausragte. Daraus ergaben sich zwei Möglichkeiten: Namensuchmann konnte entweder die Linie verlassen und an der Abbruchkante entlangkriechen, oder er konnte sich zurück zum Bentley begeben. Sein Magen meldete sich mit einem unangenehmen Druck bei dem Gedanken, in stockfinsterer Nacht an einem womöglich unergründlichen Abgrund entlangzukriechen. Der Druck in seinem Bauch entlud sich jedoch plötzlich in einem langanhaltenden Gurgeln und Blubbern. Namensuchmann hatte Hunger.
Und Durst.
Er richtete sein Gesicht nach oben und öffnete den Mund. Dicke kühle Tropfen fielen auf seine Zunge. Das Wasser schmeckte köstlich. Er neigte sein Gesicht nach unten und probierte einen Schluck des stehenden Wassers. Es war salzig. Namensuchmann hoffte, dass es nicht aufhörte zu regnen.
Samstag, 12. Februar 2011
Ausgrabung
Im vollen Bewußtsein des dicken Endes
aus dem Kontext heraus nach Verwertbarem suchen
z.B. ein Mann grub ein Loch
das war fast 2 Meter tief und 2 Meter lang und dabei
halb so breit.
Drunten angekommen packte er sein Vesper aus
Ein Wurstbrot und ein Käsebrot, beide mit Gürkchen
dazu heisser Kaffee aus der Thermoskanne.
Im rechteckigen Himmelsblau über ihm zwei gekreuzte
weiß leuchtende Kondensstreifen formten ein
perfektes Fensterkreuz
Eine Mitleidspause bestreiten, dazu guten Kaffee und
das Schweigen des Mergels
Nach dem letzten Bissen war die Wurmwerdung fast
abgeschlossen, eine lockere Stelle im Geschiebe schon
ausgeguckt.
Das hell geschwollene Fortpflanzungssegment bereitete
noch etwas Mühe, eine Größenanpassung des Wurmganges
war vonnöten.
PS: ein Hinterteil auf einem Plattenteller ist eine Arschrevolution!
Dienstag, 25. Januar 2011
Wenn´s regnet (VIII)
Namensuchmann sah seinen Schatten. Und zwar so unvermittelt, dass er sich im ersten Moment gar nicht der Tragweite dieser Beobachtung bewusst wurde. Die Dunkelheit war vollkommen gewesen. Doch die völlige Abwesenheit selbst des kleinsten Lichtscheins wurde seltsamerweise vom Prasseln des Regens etwas gemildert. Lautlose Dunkelheit wäre unerträglich gewesen, zur Blindheit wäre noch Taubheit gekommen, eine Taubheit der Welt. Doch die Regentropfen plätscherten auf die unsichtbar dunkle Wasserfläche und hämmerten auf Namensuchmanns Rücken und Kopf, während er auf der leicht erhabenen Linie entlangkroch. Seine Hände fuhren an den beiden Linienkanten abwechselnd einige Zentimeter nach vorne, dann folgten abwechselnd die Knie. Er wusste, dass die Linie selbst nur zwei fingerbreit hoch war, trotzdem war Namensuchmann der Gedanke unangenehm, von ihr herunterzufallen, oder vielmehr zu rutschen. Der Noppenboden war derselbe, ob auf der Linie oder daneben, doch die Linie war fassbar, berechenbar, im Gegensatz zu allem, was sich daneben befinden mochte. Womöglich lauerte nicht weit entfernt ein Abgrund, über den das Wasser in die Tiefe rauschte, doch das war im Prasseln des Regens nicht zu beurteilen. Namensuchmann hob eine Hand leicht an, sodass sie keinen Bodenkontakt mehr hatte, sich aber immer noch unterhalb der Wasseroberfläche befand. Es war keinerlei Strömung festzustellen. Er wollte weiterkriechen, als er plötzlich einen runden schwarzen Umriss vor sich auf dem von schweren Tropfen aufgewühlten Wasser bemerkte. Es war der Schatten seines Kopfes. Schatten! Licht! Namensuchmann versuchte, seinen Kopf soweit nach oben zu drehen, wie es seine Haltung auf allen Vieren zuließ. Er wagte nicht, die Hände von den Linienkanten zu nehmen aus Angst, das Gleichgewicht zu verlieren und von der Linie herunterzufallen. Er konnte die Lichtquelle nicht erkennen. Ihm fiel ein, wie bescheuert seine Angst war, von einer zwei fingerbreit hohen Linie herunterzufallen und richtete seinen Oberkörper ganz auf, blieb aber auf den Knien. Die Welt war wieder dunkel. Doch zum Prasseln des Regens hatte sich ein unterschwelliges Grollen gesellt, fast wie Donner, aber nur fast. Es war ein regelmäßig pulsierendes Grollen, ein dumpfes Knattern, es hatte nichts gemein mit dem polternden Getöse eines natürlichen Donners. Dann war es verklungen. Namensuchmann beschloss, vorerst nicht weiterzukriechen, sondern auf einen eventuellen zweiten Lichtausbruch zu warten. Er schaute nach oben, nach hinten, wieder nach vorne. In jeder Richtung Dunkelheit, während ihm Sturzbäche von Wasser vom Kopf troffen. Der Kragen seiner Jacke war dicht geschlossen, darunter war er seltsamerweise immer noch trocken. Dann wurde es wieder hell. Nicht sehr hell, nicht taghell, die Schwärze änderte sich lediglich von einem tiefen Schwarz zu einem etwas helleren Grau. Auch die Helligkeit schien kaum merklich zu pulsieren. In der Ferne, wo eigentlich ein Horizont hätte sein müssen, erkannte Namensuchmann einen senkrecht aufsteigenden Mast; doch die Entfernung war unmöglich abzuschätzen. Er war dünn, doch aberwitzig hoch. Seltsam hoch. Unmöglich hoch. Dann wieder Dunkelheit. Es durchlief Namensuchmann wie ein Schock. Er musste sich unbedingt umdrehen, nach rückwärts schauen, wo sich der Bentley befinden musste. Vielleicht konnte er beim nächsten Lichtausbruch den Fahrer erkennen, entweder bewusstlos auf dem Boden liegend oder orientierungslos herumirrend. Namensuchmann drehte sich vorsichtig um, immer noch auf Knien und auf seinen Fersen hockend. Dann wartete er. Jegliches Zeitgefühl hatte ihn längst verlassen. Schwarz und unsichtbar prasselte der Regen. Sein linker Fuß begann unangenehm zu kribbeln. Wie lange sollte er dasitzen und in die schwarze Leere blicken in der Hoffnung auf einen neuerlichen Lichtausbruch? Die Helligkeit hatte beim zweiten Ereignis mindestens fünf Sekunden angehalten. Zeit genug eigentlich, sich während des Kriechens schnell aufzurichten und sich umzuwenden. Namensuchmann beschloss, sich wieder der ursprünglichen Richtung zuzuwenden und weiterzukriechen. Natürlich wurde es hell, kaum dass er seinen Kriechrhythmus wieder aufgenommen hatte. Er fuhr hoch und wendete sich um. Am nicht vorhandenen Horizont stand wie zuvor schon der irrwitzige Mast, ohne jegliche Oberflächenstruktur, wie ein vollkommenes Rohr in einem leicht helleren Grau als die Umgebung. Das Licht begann schon wieder knatternd zu verblassen, als tatsächlich der Bentley in Sicht kam, unwirklich nah und seltsam farblos, nur in fahles Grau getaucht. Vom Fahrer war keine Spur zu sehen. Doch am Heck des Wagens stand ein riesiger Affe, groß wie ein Gorilla, aber im Aussehen eher einem Pavian ähnlich. Er schien etwas auf der Rückbank zu suchen, ohne Hast, und schaute eher gelangweilt kurz in den fahlgrau erleuchteten Himmel, als wäre er selbst überrascht von der Helligkeit. Doch das Licht verblasste schnell, ohne dass Namensuchmann die Quelle hätte identifizieren können. Kurz bevor die absolute Dunkelheit wiederhergestellt war, hatte Namensuchmann den Eindruck, dass der Affe in seine Richtung blickte. Namensuchmann wandte sich wieder seiner Linie zu. Er kroch durch die absolute Dunkelheit so schnell, wie er noch nie in seinem Leben gekrochen war.
Donnerstag, 20. Januar 2011
Bilderrätsel
Montag, 17. Januar 2011
Che Guevara im Weltall
Ich liebe Astronomen. Gerade neulich wieder hätte ich am liebsten einen geknuddelt, allerdings befand er sich nicht in Reichweite, ich las lediglich eine kleine Geschichte von ihm über die Schwierigkeiten, mit denen die Sterngucker während der vergangenen Jahrhunderte zu kämpfen hatten bei ihrem Bestreben, die Entfernungen der Sterne zur Erde zu bestimmen.
Ich las also so vor mich hin, als ich auf folgenden Satz stieß:
"Als Spiegelbild der Erdrevolution müssen die Sterne pro Jahr eine vollständige Ellipse beschreiben, die umso kleiner ausfällt, je weiter der Stern entfernt ist...."
Mich hat es fast zerrissen! Erdrevolution! Auf die Idee, so nonchalant und ohne großes Aufheben ein solches Kompositum in einen eigentlich ganz harmlosen Text einzubauen, muss man erstmal kommen. Das Wort passt natürlich perfekt. Schließlich stammt Revolution etymologisch vom lateinischen revolvere ab, was soviel wie umdrehen, umwälzen bedeutet. Und nichts anderes war gemeint als die jährliche Bewegung der Erde um die Sonne.
Manch einer wäre vielleicht versucht gewesen, so einen Coup extra noch ein wenig zu akzentuieren, womöglich durch einen Smiley hinter dem Wort. Oder gar einem kursiv angefügten hihi, schamhaft in Klammern gesetzt. Aber nein. Ohne Vorwarnung und ohne jede begleitende Erklärung kommt dieses herrliche Wort einfach so aus dem Nichts und prangt plötzlich vor einem auf dem Papier. Erdrevolution.
Es dauerte lange, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich las den Absatz nochmal und nochmal und war jedes Mal voll freudiger Erwartung, als ich mich lesend dem Wort näherte. Noch ein Satz...noch ein halber....jetzt, nach diesem Wort.... Erdrevolution! Fast kugelte ich mich auf Boden, trampelte mit den Füßen, haute auf den Tisch, wischte mir Rotz und Lachtränen weg.
Im Grunde möchte ich dereinst, wenn ich das Zeitliche gesegnet habe, verbrannt und die Asche soll in alle Winde zerstreut werden, doch das hätte den Nachteil, dass ich auf einen Grabstein verzichten müsste. Nun jedoch überlege ich, mir zumindest ein Urnengrab vormerken zu lassen mit einem kleinen doch würdigen Grabstein, auf dem nur ein Wort stehen soll: Erdrevolution
Das hätte sogar noch den positiven Nebeneffekt, dass einige Besucher den Friedhof mit mehr Synapsen verlassen würden als sie ihn betreten haben. Ein letzter altruistischer Dienst an der Menschheit meinerseits.
Irgendwann dann konnte ich mich wieder auf den Text konzentrieren und wurde sogleich in das Jammertal bohrender Minderwertigkeitskomplexe gestossen. Es ging um den italienischen Priester, Astronom und Mathematiker Guiseppe Piazzi. Der entdeckte im Jahre 1792, dass der Stern 61 Cyg eine sehr starke Eigenbewegung aufweist. Nun muss man wissen, dass die Sterne am Himmel natürlich nicht alle einen Eigennamen haben wie Wega oder Aldebaran. Also ging man daran, den hellsten Stern eines Sternbildes mit einem griechischen alpha und dem Genitiv des Sternbildes zu benennen. Jeder kennt vermutlich alpha Centauri. Das ist der hellste Stern im Sternbild Zentaur. Der zweithellste Stern ist dann beta Centauri usw. Irgendwann ist man aber durch mit dem griechischen Alphabet und hat noch jede Menge Sterne über. Die werden dann einfach durchnummeriert, wodurch man beispielsweise im Sternbild Schwan (Cygnus) irgendwann beim Stern Nr. 61 ankommt. Und der Genitiv von Cygnus lautet Cygni.
Wer sich bei den heutigen Lichtverhältnissen das Sternbild Schwan anschaut, wird Schwierigkeiten haben, überhaupt 24 Sterne für das griechische Alphabet zusammenzubekommen, geschweige denn weitere fünf Dutzend bis man bei 61 Cyg angekommen ist, einem Sternchen fünfter Größenklasse. Das heisst, es ist bei idealen Sichtbedingungen mit bloßem Auge gerade noch zu sehen. (es steht zwar geschrieben, dass auch Sterne der sechsten Größenklasse ohne Hilfsmittel noch gesehen werden können, aber das gilt nur in der Theorie). Fünfte Größenklasse ist absolute Grenze, selbst bei Neumond im Hochgebirge.
Unserem Herrn Piazzi war dieses kleine, unscheinbare Sternchen aber offensichtlich nicht unscheinbar genug, um es nicht ein wenig zu vermessen. Kann ja nicht schaden.
Wie lange Herr Piazzi sich das kleine Sternchen (und vermutlich viele andere) nun anschaute, ist nicht überliefert. Im Jahre 1792 war es dann aber soweit. Er hatte herausgefunden, dass 61 Cyg seine Position relativ zu den anderen Sternen um monströse 5´´ pro Jahr veränderte. 5 Bogensekunden! Pro Jahr!
Nun ergeben 60 Bogensekunden eine Bogenminute (´), 60 Bogenminuten ergeben ein Winkelgrad. Sonne und Mond erscheinen uns am Himmel mit einem Durchmesser von ca. einem halben Grad, d.h. 30´(Bogenminuten). Will man sich am Himmel also den Abstand einer Bogensekunde veranschaulichen, nehme man den Vollmond und teile seinen Durchmesser in 1800 Teile. Um fünf Teile davon bewegt sich 61 Cyg pro Jahr voran. Oder anders ausgedrückt: in dreihundertsechzig Jahren durchmisst 61 Cyg einen Vollmonddurchmesser.
Und das hat Herr Piazzi mit einem Instrument herausgefunden, das heute kaum noch als Kinderspielzeug durchgehen würde, dessen Linse optisch mit einem Colaflaschenboden konkurieren müsste. Vor fast 220 Jahren! Herrgott nochmal, was hat er sich nur dabei gedacht?
Es war natürlich naheliegend, dass ein sich schnell bewegender Stern der Erde näher ist als ein langsamerer. Schließlich bewegt sich auch ein Jogger im Vordergrund schneller als ein Flugzeug am Himmel. Es verwundert also nicht, dass Friedrich Wilhelm Bessel im Jahre 1838 an 61 Cyg zum allerersten Mal einen Parallaxenwinkel messen und damit die Entfernung von der Erde berechnen konnte. Für den Parallaxenwinkel misst man den Winkel des Sterns zur Sonne. Mit dem Erdbahnradius als Basislinie und dem Parallaxenwinkel ist der Rest nur noch einfache Trigonometrie. Dieses Verfahren funktioniert allerdings nur bei den allernächsten Sternen. Es ist eine Genauigkeit bei den Messungen vonnöten, die einem schon wieder die Ehrfurchtsröte ins Gesicht treibt.
(Quelle: Kosmos Himmelsjahr 2011)
Sonntag, 2. Januar 2011
Erde in Sonnennähe
Am 3. Januar ist es mal wieder soweit: die Erde durchläuft ihren sonnennächsten Bahnpunkt des Jahres. Der Abstand zur Sonne beträgt an diesem Tag zwar immer noch gute 147 Millionen Kilometer, doch das sind immerhin 5 Mio weniger als am 4. Juli, wenn der Abstand mit 152 Mio Kilometern sein jährliches Maximum erreicht. Grund dafür ist natürlich, dass die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne keinen Kreis beschreibt, sondern eine Ellipse. Diese ist allerdings nicht so ausgeprägt, wie man sich Ellipsen gemeinhin vorstellt. Hätte man die Erde in ein gigantisches Tintenfass getaucht und würde sie auf einem Blatt Papier um die Sonne rollen lassen, wäre ihre Bahn kaum von einem Kreis zu unterscheiden. Man kann sich zur Veranschaulichung aber auch vorstellen, die Erde hinterließe alle 1 Mio Km einen Magmapupser auf ihrer Bahn, sodass ein Alien von weitem den Eindruck einer rotglühenden Perlenkette hätte. Nach einem Jahr, also nach einem kompletten Erdumlauf, wäre die Perlenkette geschlossen und die Erde leergepupst. Der Alien denkt sich dann: "Diese Perlenkette, die in Wahrheit ja eigentlich eine Magmaklumpenkette ist, sieht fast vollkommen kreisförmig aus. Aber da ich ein Alien bin und interstellare Raumfahrt betreibe, kenne ich natürlich das erste Keplersche Gesetz, das da besagt: `Planetenbahnen sind Ellipsen, in deren einen Brennpunkt die Sonne steht´. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für Ärsche, wenn auch in einem arg verkleinerten Maßstab. Allerdings nur, wenn der Arsch nicht über einen Eigenantrieb verfügt, der selbstverständlich....."
Doch hier verlassen wir die Überlegungen unseres Aliens und wenden uns wieder der Erde zu, die ohne ihr flatuliertes Stützgerüst natürlich unweigerlich in sich zusammenfällt und fürderhin ihr Dasein als wackerer kleiner Asteroid fristen muss. Kartoffelförmig verformt, im Idealfall vielleicht sogar hantelförmig, könnte dieser Asteroid optisch durchaus als kosmischer Verschluss unserer Magmaklumpenkette durchgehen.
Dass die Erde ausgerechnet dann der Sonne am nächsten kommt, wenn bei uns in Deutschland Winter herrscht, ist natürlich nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Denn Winter ist es nur deshalb, weil die Sonne aufgrund der gekippten Erdachse viel tiefer über den Himmel wandert als im Sommer, wenn sie zu Mittag fast senkrecht über unseren Köpfen steht.
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