Über mich

Mittwoch, 12. Juni 2013

Gehversuch



Die Nacht war leise, fast lautlos. Das einzige Geräusch war das fast flatternde Lodern der Flammen. Der Wind schlug wie mit einer Riesenfaust das kleine Feuer mal in diese Richtung, dann wieder in die andere. Doch die kleine Sandkuhle, in der Namensuchmann es entfacht hatte, bot genügend Schutz sodass es nicht erlosch. Der weiße Sand leuchtete matt im Sternenlicht, doch ob Wüste oder Strand, das wusste Namensuchmann zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Am Himmel, nahe des Ochsentreibers, war der kleine gleissende Punkt der fernen Erde zu erkennen. 
Namensuchmann starrte in die Flammen und spürte ihre Wärme an seinen nackten Füßen. Der Wind war kühl und roch nach Zeit, die zu lange an einer rauhen Stelle der Gegenwart hängengeblieben war. Wenn die Sterne vor ihrem nachtschwarzen Hintergrund zu tanzen begangen schaute er auf und versuchte, den Kurs des vorbeifliegenden Schiffes zu erahnen. Sie waren durchsichtig, die Schiffe der Aliens, man sah sie nur, wenn man nicht direkt hinsah, sondern knapp daran vorbei. Wieder eines, lautlos, und es flog in Richtung Erde. Namensuchmann zog seine Jacke enger um sich und grub seine Zehen etwas weiter in den warmen Sand. In der Kühltasche war noch Bier, abgefüllt in richtigen Flaschen aus braunem Glas. Namensuchmann öffnete den Kronkorken und schnippte ihn über den Rand der Sandfläche, wo er in einem hohen, aufsteigenden Bogen ausser Sicht taumelte. Er prostete dem kleiner werdenden Alienschiff hinterher und leerte die Flasche fast mit einem Zug.

Sonntag, 26. Mai 2013

Meine Güte, voll erwischt

Vielen Dank an die unermüdlichen Besucher, die immer mal wieder in diesen Blog reingeschaut haben. Die Erklärung für die lange Pause ist einfach: eine ungewöhnliche, in ihrer Intensität seit Jahrzehnten nicht mehr registrierte Windteufelaktivität.

Zur Erinnerung bzw. zum Nachlesen:

 http://mondlichter.blogspot.de/2009/01/der-kluge-hausmann-wei-rat.html

Vermutungen, wonach die Ursache in einer globalen Katastrophe auf Epsilon Eridani zu suchen ist entbehren jedoch jeder Grundlage und sind reine Spekulation.

Im Moment scheint die Seuche jedenfalls auf dem Rückzug zu sein und mit einiger Zuversicht darf ich sagen, bald wieder öfters zu posten!

Moves


Dienstag, 26. März 2013

Sternschnuppen unter meinen Füßen



Namensuchmann trat aus der Haustüre, hielt sich aber noch am Türrahmen fest denn die Nacht war riesig. Sie erfüllte einen Raum, so dunkel und groß, dass die Sterne darin wie verlorener Goldstaub in einer Waschpfanne glitzerten. Ein Schrei wäre wohl möglich gewesen, aber die Gefahr, dass auch er sich ins Gigantische aufblähen würde war Namensuchmann zu groß. Er dachte an die Trompeten von Jericho, die mit ihrem Lärm die Stadtmauern zum Einsturz gebracht hatten. Was vermochte dann ein Schrei anrichten, wenn er in diesen aberwitzigen dunklen Raum entlassen würde? 
Der Sog war auszuhalten und nicht stärker als Namensuchmanns Gewicht. Er ließ also den Türrahmen los und stieg die Haustreppe hinunter. Er merkte ganz genau, dass er nicht mehr sein gewohntes Gewicht auf die Stufen brachte. Der harte Beton der Treppe fühlte sich wie weicher Gummi an.
Auf dem Kies der Zufahrt beugte er ein Knie und berührte mit der flachen Hand den Boden. Die Welt erzitterte sachte, wie in Verzückung, und verschwand.


Mittwoch, 6. März 2013

Nur mal so



Die beiden Türflügel stehen weit offen. Doch unter der gläsernen Schwelle sind funkelnde Galaxien gefangen, die sich langsam zu drehen scheinen. Dazwischen Sternschnuppen, die aus der Tiefe emporfliegen aber spurlos verschwinden, ehe sie von unten gegen die Schwelle stoßen. Sollte ich einfach drüberhüpfen? In den Raum dahinter springen? Oder lieber ganz sachte auf die Galaxien treten? Es wäre möglich. Nur mit Socken, ohne Schuhe, dann müsste es möglich sein. Sternenkribbeln unter den Fußsohlen. Wärme vielleicht, von den Gedanken ganzer Zivilisationen aus unendlich fernen Zeiten. Ich schaue hinein in den warmen Raum jenseits der Sternenschwelle. Ein Feuer prasselt in einem großen, gemauerten Kamin, dahinter ein raumhohes Fenster. Dahinter Schnee und Wälder und Berge.Ich sage mein Gedicht auf.


Sonntag, 17. Februar 2013

Sand und Schnee



Der Schnee fällt von den Ästen; weiße Gischtgestalten, funkelnd und glitzernd im Sonnenlicht, fliehen aus den Bäumen wie Gespenster auf der Suche nach Frieden.

Gleichzeitig diese Lichtbrühe im Hirn, die über eine schräge Wüste schwappt und Übelkeit verursacht, mit Motels im Hintergrund und Kakteen. Hinter den Kakteen, etwas abseits, ein alter Stromliniencaravan. Davor zwei Pfosten mit einer unbehängten Wäscheleine. Ich wünschte, ich könnte dort sitzen und Bier aus Riesendosen süffeln, in  Cowboystiefeln mit schiefem Absatz, um meine Füße in die Erde zu stemmen gegen das Abrutschen. Die leeren Bierdosen könnte man einfach so ins Nichts schnippen, oder sie über den Rand dieser schrägen Welt rollen lassen.

Das Geräusch des Sandes, wenn er aus der Welt rieselt und im Nichts verschwindet, das trockene Rascheln der heimatlosen Tumbleweed-Büsche, wenn sie sich überlegen, vor dem Rand nochmal aufzuhoppsen oder gleich in hohem Bogen ins Nichts zu segeln, das alles schmeichelt meinen Ohren.



Freitag, 18. Januar 2013

Schnee, aber nicht heute



Und der Himmel atmete leise, kaum vernehmbar,
unter seinem Hauch träumte ich ein Leben, doch 
niemals träumte ich von dir.



Donnerstag, 20. Dezember 2012

Ein Morgen wie jeder andere



"Dies ist eine schöne Art zu schreiben; ich glaube, das wird meine neue Handschrift", notierte Namensuchmann oben auf die letzte Seite seines Notizbuches.

"A night filled with space", singt Van Morrison in "Real real gone".

Eine Nacht gefüllt mit so viel Raum, dass er noch halb für den nächsten Tag reicht und mit der genau hierfür abgemessenen Menge Zeit drückte unbarmherzig auf Namensuchmanns Körper wie eine dicke Katze, die sich nachts ins Zimmer schleicht und sich wohlig füßelnd auf ihrem schlafenden Menschen zusammenrollt.
Namensuchmann  wälzte sich auf die Seite, fegte die Nacht von sich herunter und versuchte, sich zu erinnern. Das war nicht leicht, denn die Frau, die neben ihm in den Kissen lag war ihm gänzlich unbekannt. Doch schön war sie, sehr sogar, und duftete nach Salz und Tang. Ihre Haut war so schimmernd glatt und vollkommen, dass Namensuchmann unvermittelt anfing wie von Sinnen zu schreien. Schweiß brach ihm aus allen Poren und wie ein Baby musste er immer wieder inne halten um Luft für den nächsten Schrei zu sammeln. Die ersten Speichelfäden trieften ihm aus den Mundwinkeln, doch das alles spürte er nicht. Was er spürte war das unsägliche Verlangen, sich die Augen aus den Höhlen zu reissen, sie auf seiner Brust auszudrücken und den Inhalt großflächig auf der Haut zu verreiben. 
Die plötzliche Schwärze war absolut, und gleichzeitig schien auch jede Luft aus dem Raum verschwunden zu sein. Weiteres Atem holen unmöglich, und keine Moleküle mehr,  um den Schall zu transportieren. Dafür Schneeflocken auf nackter Haut wie eisige Nadelstiche, pervers kalter Fels zwischen und unter seinen Fingern. Unendlicher Raum verhüllt von unendlicher Schwärze. Nackte Knie auf etwas hartem, kantigem wie Eis weit unter dem Gefrierpunkt. Augen fest zudrücken und an etwas Schönes denken, überlegte sich Namensuchmann mit der Gelassenheit eines Zen-Meisters nach fünf Flaschen Weihnachtsfestbier. Eine milde Frühlingsbrise auf vor Wärme britzelnder Haut schien schließlich ein gutes Zeichen zu sein die Augen oder was von ihnen übrig war wieder zu öffnen.
Licht.
Er konnte sehen. Seine Augäpfel waren noch an Ort und Stelle, da wo sie hingehörten. Rund um Namensuchmann herum einige schneebedeckte Gipfel, in der Sonne glänzend. Drunten Täler, bunte Wälder, es war vermutlich Herbst, dort unten. Eine Aussicht wie von einem Kitschkalender, Namensuchmann begann zu würgen und hätte sich vermutlich übergeben, wenn er in demselben Moment nicht urplötzlich von diesen absurd lauten Trommelschlägen getroffen worden wäre. Lärm gegen Brechreiz, wer hätte das gedacht. Allerdings wusste er nicht, wann er zuletzt etwas gegessen hatte, zum kotzen hätte er also eh nichts im Magen gehabt. Wumm-Wumm-Wumm-bummbumm. 
Immerhin trug er noch seine Shorts, und in der Oberschenkeltasche fand er tatsächlich sein kürzlich neuerworbenes Galaxy. Das GPS meinte, der felsige Zacken, auf dem er sich befand gehörte zum Jungfraujoch. Er rief die Trommelschiff-App auf. Gestern noch kreuzte es vor Portugal, doch laut Anzeige hatte es mittlerweile den Golf von Biscaya fast durchquert in nördlicher Richtung. Glücklicherweise war die App bereits auf ihn konfiguriert. Unter den harten Schallschlägen wäre es schwierig gewesen, Angaben wie Geschlecht, Schuhgröße, Lieblingsfarbe, Blutgruppe, bevorzugte Biersorte oder Lieblingsstern einzugeben. So brauchte er nur auf "Text anzeigen" zu tippen und konnte nachlesen, was das Trommelschiff ihm zu sagen hatte:

"NIEMALS MÜDE GEHEN OHNE ERROR"

Namensuchmann drückte auf "auto aufzeichnen" und hielt sich die Ohren zu.





 

Montag, 26. November 2012

Das Trommelschiff



Es müsste ein großer alter Kahn sein, von ursprünglich schwarzer Farbe, doch nun vom Salzwasser und Rost zerfressen. Ohne die üblichen Aufbauten wie Brücke oder Promenadendeck, allerhöchstens wäre ein großer phallischer Schornstein in der Mitte erlaubt. Um den Schornstein herum vier riesige, viereckige  Blechlautsprecher. So groß, dass sie das optische Erscheinungsbild des Schiffes völlig aus dem Gleichgewicht bringen; monströse Lautsprecher, ebenso rostzerfressen und schrundig wie der Schiffsrumpf selbst. Aus ihrem tiefsten Inneren erschallen teils monotone, teils unregelmäßig stolpernde Trommelschläge, als schlüge ein betrunkener Affe den Angriffstakt um das Meer und die Erde selbst zu rammen. Man würde den unheimlichen Lärm sogar noch hören, wenn das Trommelschiff hundert Meilen von der Küste entfernt vorüberzieht. Würden die Schläge jedoch lauter hätte man wegen der enormen Distanz noch Tage Zeit, ins Landesinnere zu fliehen. Es wäre nicht ratsam, dem Trommelschiff beim Anlegen zuzusehen.


Montag, 5. November 2012

Schreibreiz



Sie hatte sich im Schlaf herumgedreht und lag jetzt halb auf der Seite, ihr nackter Rücken dem gekippten Fenster zugewandt, Taille und Hüfte zu einer samtenen Welle erstarrt. Namensuchmann versuchte die Bettdecke über sie zu ziehen, doch sie war viel zu schwer für ihn.  Also beugte er sich über sie und wob ihr  ein wärmendes Flies aus geflüsterten Worten und sehnsuchtsvollen Gedanken auf ihre Haut. 

Drunten, am Strand, brandete das mondschwangere Meer wie in Zeitlupe gegen die Kaimauern, lautlos. Auf einem Wellenkamm, der es aufgrund der Zeitdilatation vermutlich niemals bis ans Ufer schaffen wird, kippelte eine dicke alte Geschichte, von Seetang und Seepocken überwuchert. Sternenlicht, in den roten Spektralbereich verschoben, schimmerte durch das fadenscheinige Gerüst aus Grammatik, Syntax, Blut und Schweiß. Zwischen den Galaxien und Galaxienhaufen gibt es riesige, vollkommen leere Blasen im Raum, die sogenannten Voids. Sie sind jedoch nicht vollkommen leer, denn dahinein sind die unerzählten, unerinnerten und unerfundenen Geschichten gepackt.





Dienstag, 30. Oktober 2012

Samstag, 22. September 2012

Eine Art Sehnsucht



Ich sehe über Seen, die sich vor meinen Augen wölben und winden. Was wäre, wenn sie jetzt hier wäre? Würde das Wasser in den Himmel strömen und Fische und Wasserleichen sich gegen Sterne und Mond abzeichnen? Worte fetzen mir aus dem Mund, ein Liebeslied, das müsste gehen.

Komm´ doch, Liebeslied, komm´ und töte mich. Quäle mich und fahre mit mir in sieben Höllen, oder in den nächsten Baumarkt an einem Samstagnachmittag.

Bück´ dich, mein Liebeslied und weine nicht. Streck´ dich, mein Liebeslied und öffne dich, quäle mich, reite mich.

Mal mir Blitze auf die Steine und Namen und reite auf meinem Liebeslied zu Obi und Netto. Vorbei an Plastikgartenstühlen und Liegen auf dürrem Rasen und Betonpflaster das immer noch schwingt von deinen Schritten. Verstreut liegen rote Vogelbeeren. Hast du die zertreten vor Jahr und Tag?

Ein Geräusch wie leiser Singsang, der fast unbemerkt, von Sternenlicht getragen, in Namensuchmanns Zimmer drang. So müssen Engel singen. Engel! Er hatte schon eine gewisse Zeitlang nicht mehr an seinen Engel gedacht. Der Gesang kam von draußen, aus sternkalter Nacht. Melodisch, und doch einschläfernd monoton. Trotzdem war er aufgewacht. Was zeigte die Uhr? Der Wecker stand mal wieder auf sein Display gekippt, die grünen Leuchtziffern waren zu hell für Namensuchmanns Nächte. 

"Wird der Friedhof unter uns zu wandern und zu fließen beginnen?", fragte sein Engel und schaute von dem lang im nachtnassen Gras hingestreckten Zombie auf. In seinem Blick lag eine Art Sehnsucht. Anstatt nach einer Antwort zu suchen, die er ohnehin niemals finden würde, begann Namensuchmann sein Liebeslied zu singen. Der kleine Engel wandte sich wieder seinem Zombie zu und sang sein eigenes Lied weiter, während er eine weiße verweste Hand des Untoten in seinen hielt. Das fahle Band der Milchstraße spannte sich quer über den  Nachthimmel, und auch ohne Mond war ein seltsam heller Schein um alle Dinge.




Samstag, 8. September 2012

Weg



Ich bin nicht sonderlich geschickt im Schauen, das mir stets weit gefächert von den Augen strömt. In düsteren Nuancen mich suhlen und den Bierschaum auf der Haut zu einem feuchten Film verreiben, darin bin ich gut!

"Ich trinke eher selten Bier, und noch seltener verirrt sich Bierschaum auf meine Haut!"

Die Schreie der Verirrten sind jetzt nur noch schwach zu hören. Eine bestimmte Richtung ist schon gar nicht mehr auszumachen. Dafür Motorenlärm der Motorboote. Direkt von vorn.

Wellenglucksen zu unseren Füßen, über unseren Köpfen zwirbelt sich Himmelsblau in ferne Höhen.

Kühler Sonnenschatten, fast fröstelnd schon. 

"Weshalb haben wir eigentlich nicht geheiratet?"

"Die Parkplätze waren alle belegt. Oder abgesperrt, mit rotweißem Plastikband, wegen irgendeiner Demo, ich glaube, gegen Schmetterlinge."

Dort in der Ferne, im Dunst, immer noch dieselbe Welt. Ich bin dort gewesen, am anderen Ende, schaute verkehrt herum und fand es klasse. Doch nun lassen die weißen Segel meine Schuhe noch dreckiger erscheinen. Der See mit seinem Wasser könnte sie reinigen und waschen. Er wollte sie schon immer sauber sehen, hat sich stets bemüht, doch seit einiger Zeit ist er nur noch stoischer Beobachter. Er wartet. Seine Geduld fast schon enervierend, und doch so tröstlich. Ich schlage die Stola dieses stummen Trostes um meine nackten, narbenübersäten Schultern und möchte etwas sagen. Doch der See plätschert mir ein leises "pssssst" in die Sinne.