Über mich

Freitag, 20. Dezember 2019

Jahre haben keine Hakenhände

In dem amerikanischen Filmklassiker „Charade“ kämpft Cary Grant auf dem Dach eines Hotels gegen Herman, seinen Widersacher, gespielt von dem hünenhaften George Kennedy. Nach einem gehörigen Schlagabtausch rutscht Kennedy auf dem Bauch, Füße voran, das Dach hinunter. Während er sich der Kante nähert, schaut er mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen zu Cary Grant hinauf (er wird nicht hinunterfallen, er bleibt mit seiner künstlichen Hakenhand an der Dachrinne hängen).

Genau so sehe ich das Ende dieses Jahres. Es rutscht immer schneller der Kante entgegen; nur einen Augenblick noch, dann wird es plötzlich ausser Sicht sein und für einen langen Herzschlag lang wird es plötzlich sehr still sein hier oben auf dem Dach mit der beim Kampf zerdepperten Leuchtreklame. Unwillkürlich werde ich den Atem anhalten und auf den Schrei warten. Den Angstschrei eines in die Vergangenheit fallenden Jahres, in einen Abgrund ohne Boden. 

Ich übertreibe. Noch nie hat ein Jahr geschrien beim Absturz, noch nie ist eines an der Dachrinne hängengeblieben wie Herman, denn Jahre haben keine künstlichen Hakenhände. Es gab Jahre, die verschwanden lautlos, und es gab Jahre, die jodelten wie eine irre Hellwig während des unaufhörlichen Falls in diesen Abgrund, der irgendwo dort unten, jenseits der Dachkante, beginnen musste. Es gab Jahre, die brüllten mir noch Gebete zu, und es gab Jahre, die schienen sich im letzten Augenblick noch zu fangen, nur um sich dann mit einem Extrasalto in hohem Bogen zu verabschieden. Jahre, die weinten. Jahre, die ungläubig starrten. Jahre, die vor dem eigentlichen Fall schon von einer Böe erfasst und einfach fortgeweht wurden. Jahre, die hinterließen eine breite Blutspur auf dem Dach, und Jahre, da stank es hinterher nach Urin.

In einem guten Zeitreisefilm versucht der Held, in die Vergangenheit zu reisen, um dort seine Geliebte vor einem sinnlosen Tod zu bewahren. Aber er kommt immer zu spät, egal was er tut, egal wie verzweifelt er an der Zeitkoordinatenmaschine herumbastelt. Etwas kommt immer dazwischen. Jeder Versuch endet mit einer Großaufnahme der gebrochenen Augen der Geliebten. 

Zeitsprünge sind fast so etwas wie Zeitreisen. Ein Jahr fällt über die Kante, mit riesigen, entsetzten Augen mich anstarrend. Ich warte eine Minute, lasse meinen Blick über das Gerüst der beim Kampf zerstörten Leuchtreklame schweifen und würde mir gerne eine Zigarette anstecken, wenn ich rauchen würde und Zigaretten dabei hätte. Aber ich rauche nie, und ich habe auch keinen Flachmann dabei mit einem guten Whisky. Wo war nochmal der Weg hinunter, die Treppe in die Welt, in die Hotelbar womöglich? Doch im nächsten Moment tobt schon der Kampf mit dem nächsten Jahr, wo kam das her? Fäuste fliegen, Eisenstangen werden geschwungen, treffen auf Knochen und Geländer. 

Dann ein entsetzter Blick, ungläubig, mit großen Augen mich fixierend, während es über die Kante rutscht. Bang Boom, große Augen. Jodeln. Die Nacht beginnt zu flackern, Jahre wie aus dem Maschinengewehr. Das Mündungsfeuer entzündet die Netzhaut, der Feinstaub der Patronen legt sich auf Gletscher und Lungenbläschen. 

Herman musste übrigens später im Film doch noch sterben, er war nämlich gar nicht der wahre Bösewicht, das war ein anderer, und Herman starb in der Badewanne.




Montag, 16. Dezember 2019

Auf der Lichtung nachts um halb eins

Die Kirche sah aus, als hätte ein Riese sie in höchster Eile aus dem Gebirge gerissen und schnell auf der Lichtung aufgetürmt.

Wovor fürchten sich Riesen?




Mittwoch, 16. Oktober 2019

Freitag, 4. Oktober 2019

Freitag, 23. August 2019

An der Uferpromenade

Soll ich reingehen und ein Bier trinken, Biergarten mein? Nur ein einziges?

Das Wetter ist eigentlich zu kühl für ein Bier. Einen Kaffee vielleicht? Nur einen einzigen?

Vielleicht am Tisch dieser geheimnisvollen Frau, so adrett und gepflegt in ihren Lumpenkleidern?

Sie ist nur schön, sie birgt nicht mehr oder größere Geheimnisse als jeder von uns.

Vielleicht am Tisch dieser schönen Frau in Lumpenkleidern?

Vielleicht ist das Wenige, das sie birgt, immer noch zu viel für dich. Denn du birgst nichts, auf das du vertrauen könntest, wenn es hart auf hart kommt.

Ich ziehe mir meine Jacke an, denn ich habe nun schon Gänsehaut von der kühlen Brise. Zumindest denke ich daran, meine Jacke aus dem Rucksack zu holen und anzuziehen. Doch sie ist so dünn, ohne jedes Futter, sie würde nichts gegen die Kühle nützen, also wozu die Mühe?

Vielleicht wäre die Lumpenfrau, die Schöne, beeindruckt von deiner Lumpenjacke. Sie käme vermutlich sofort zu dir gelaufen und sänke vor dir auf die Knie um dir in deiner Jacke zu huldigen.

Doch im Augenblick jedenfalls wird sie von ihrem Prinzen in schimmernder Dolce & Gabbana - Rüstung abgeholt und schwebt von dannen.

Ich setze mich an den Lumpentisch, auf ihren Stuhl, der noch warm ist. Aber ich weiß nicht, soll ich ein Bier nehmen oder doch lieber einen Kaffee?






Sonntag, 18. August 2019

Flußgedanken

Die Tage werden im Dutzend weggelebt und dann, zu handlichen Paketen geschnürt, in nach Mottenkugeln duftende Regale gestellt. Man kann auch Mauern damit bauen. Hierfür presst man immer zehn Tage zu einem handlichen Mauerstein. Je luftiger und leerer die verwendeten Tage, desto kleiner ist der Wärmeleitkoeffizient des fertigen Steins, das heißt, desto besser ist später die Isolationswirkung der Mauer gegen unerwünschte Energieverluste.

„Sei doch nicht immer so negativ“, brüllt das Gesicht in der Wand. Früher trug es einen großen Rauschebart, doch den schlug ich irgendwann mit Hammer und Meißel ab. Ich war allerdings nicht sonderlich akkurat, jetzt sieht es aus wie Jürgen Prochnow oder Charles Bukowski.

„Sag doch mal was Witziges!“

Ich suche nach dem lustigen Reim, den ich mir aus dem Land mitgebracht hatte, in welchem jedes Wort tausende von Tonnen wiegt. Schon kurze Sätze bringen Erdplatten zum Abtauchen und verursachen ihr eigenes Mikrowetter. Doch ich fand nur noch eine kleine Mulde, der Reim hatte sich längst auf den Weg ins Erdinnere gemacht.

Die Liebe - oder war es ihre kleine Schwester, die Trauer? - die da auf dem riesigen Schubverband liegend auf dem Fluß vorüberzog, ließ träge, fast wie betäubt, ihre langen, dünnen, weißen und blaugeäderten Arme ins trübe Wasser baumeln. Vermutlich schleiften ihre Hände unten über den Flußgrund, allerlei Müll und Schrott aufsammelnd. Aber der sonore Ton des Schiffsdiesels in Verbindung mit dem wohlig blubbernden Auspuff zeugte von genug Kraft und Vortrieb, um trotzdem erfolgreich gegen die Strömung vorwärts zu kommen. In der Ferne lag die Biegung, wo der Fluß hinter einem malerischen Felsen verschwand.
Der Schubverband mit dem riesigen, bleichen Körper hatte nun etwas zu kämpfen, bis er um die Kurve herum war. Ein langer, verknorpelter Fuß war auf der Ferse nach außen gekippt und nun schrammte eine gigantische Große Zehe am Fels entlang. Steinbrocken lösten sich und polterten zuerst auf die Uferstraße und platschten dann ins Wasser. Menschen auf dem Weg zum Klosterbiergarten filmten das Spektakel mit ihren Smartphones und machten Selfies mit Viktoryzeichen.
Es war wohl die Liebe, und nicht die Trauer. Ihr gefesselter Blick traf mich in allerletzter Sekunde, bevor ihre müden Augen, groß wie Mülleimer, hinter der Biegung verschwanden. Noch immer waberten die Abgasschwaden in der Luft.

„Da ist schon viel Schönes dabei“, meinte das pockennarbige Gesicht an der Wand gönnerhaft, „nur der Vergleich mit dem Mülleimer hätte nicht sein müssen. Müll und Liebe in einem Satz, das werden viele nicht verstehen.“

„Aber dass die Liebe lange, dünne, weiße und blaugeäderte Arme hat, die über die Bordwand ins Wasser hängen und deren Hände über den Flußgrund schleifen und sich alte Fahrradfelgen wie Eheringe auf die Finger schieben, das verstehen die Leute?“

„Ja klar, warum nicht?“



Freitag, 16. August 2019

Personen der Zeitgeschichte, schreiend im Weltall

Heute: Julia Klöckner (beim Versuch, das Universum mit Gülle vollzupumpen)


Sonntag, 28. Juli 2019

Fundstücke aus der Zeitmaschine

2013

Zeit wie Reißzwecken, die in einen Ventilator gestreut werden. Im Luftstrom wird einem das Fleisch vom Gesicht gerissen, die Knochen blank gerubbelt. Zombiefleisch das fliegt in nassen Placken in die Vergangenheit, dabei Engelsstaub aufnehmend wie ein Schnitzel die Panade, es glitzert und funkelt, bis nur noch schwache Reflexe in der dunklen Vergangenheit zu erahnen sind.

Das Flugabwehrgeschütz feuert und streut  angekokelte Patronenhülsen auf das herbstliche Blumenbeet wie Kümmel auf einen Flammkuchen. Der Schütze trägt eine Coco Chanel-Umhängetasche und Badelatschen von ADIDAS. Tiefdunkelblauer Himmel, blaue Stunde, Sterne, die müde sind vom Scheinen.

Das Schmatzen von Füßen in nassen Schuhen lässt mich aufhorchen. Es ist ein Kind, das sich über das Hochwasser freut. Schöne, weite Welt. Ich träume vom Half-Dome und Cumulus-Wolken. Er schlürft meine Sehnsucht wie ein Bettelmönch seine Graupensupppe.

Und doch bin ich nicht darauf hereingefallen, ich ging sehenden Auges den Pfad des Irrsinns und war befremdlich erregt.
Dann ruhte ich mich aus und sagte nichts. Jedes Wort wog tausend Tonnen an diesem seltsamen Ort, an dem die Zeit Tango zu tanzen schien mit diesem Typ aus dem Zug nach Basel, der, obschon gut gekleidet, keinen Fahrschein zu haben schien. Die Scheibe des Zugabteils schmierig von meiner Stirn.

Die Sterne, müde des ewigen Scheinens, fallen einer nach dem anderen vom schwarzen Himmel und verglimmen zu meinen Füßen. Ich muss aufpassen, nicht darauf zu treten und setze vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Manche Sterne liegen zu Kissen gehäuft oder zu kleinen Dünen zusammengeschoben von diesem klaren Nachtwind. Mir wird schwindelig von diesem vergehenden Glühen unter meinen Füßen, über mir ist nun alles dunkel und schwarz. Die Welt hat sich gedreht, die Dinge fliegen fort von hier.

Samstag, 27. Juli 2019

Cartoons, die man nicht verstehen muss

Heute: Planet und Mond im Weltall (schreiend). Mit Umlaufbahn, und Augen, die wegen des Vakuums im Weltraum heraustreten, oder so. Und Haare.


Montag, 15. Juli 2019

Lustige Tänze, aufgeführt auf einer Atombombe

Heute: Sirtaki (schreiend im Weltall)



Mittwoch, 10. Juli 2019

Aufwind

Ich trat hinaus und stand auf einer winzigen, staubigen Straße, die sich, Serpentine für Serpentine, entlang meines Rückgrats in Richtung Stammhirn wand. Die Kurven waren mit niedrigen, weißen Mäuerchen gesichert, und tief unten rollten schäumend die Wellen auf den Strand. Mondlicht. Kein Verkehr. Weit am dunkel schimmernden Horizont, im Nachtdunst kaum zu erkennen, tauchte eine riesige Hand in das verwunderte Meer, langsam, als wollte sie die Temperatur prüfen. Machte sich hohl, schöpfte Wasser, als wollte jemand davon trinken. Aber oben nur Sterninseln und Sterne, die manchmal zur Seite hüpften. 

Nein, Engel mein, das ist nur ein kleiner Luftzug, ein Windhauch nur, er wird Dich aber trotzdem tragen wie zehn Fäuste von Riesen. 

Donnerstag, 4. Juli 2019

Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, schreiend im Weltall

Heute: Angela Merkel (beim Versuch, ihren rechten großen Zeh zum Präsidenten des Universums zu ernennen).