Über mich

Montag, 11. Mai 2020

Sonntag, 10. Mai 2020

Donnerstag, 26. März 2020

Der Haremsplanet

Eine Einleitung. Ein Königreich für eine Einleitung!

"Einleitungen werden überbewertet. Es sei denn, es handelt sich um die Einleitung von Gülle in den nächsten Bach. Das wäre dann ein Fall für die Staatsanwaltschaft."

Guter Punkt. Gülle. Ich könnte Gülle in diesen Blog einleiten und warten, bis die Posts mit ihren hellen Bäuchen nach oben durchs Layout treiben. Wie bequem man sie sich dann greifen könnte. Endlich vorbei die Zeiten, wo man sie kaum erblickt hat und schon sind sie hinter dem nächstbesten, von Phrasen ummurmelten Wortgetüm verschwunden. Nur die Hand, die würde dann natürlich nach Gülle duften.

"´Ummurmelt`gefällt mir. Erinnert mich an Rilke: `Meine Stille ist die eines Steines, über den der Bach sein Murmeln zieht´."

Ich bin Rilke-Fan, na und? Ich mag auch Kafka. Diese beiden halten mich im Gleichgewicht, während vorne und hinter mir flüchtige Schatten aus den Wolken nach unten fallen. Manchmal rede ich mir ein, ich sähe darin die Konturen von schlanken Raubvogelschwingen im Sturzflug. Aber in Wahrheit sind es natürlich weit ausgebreitete, fuchtelnde Arme. Den Ton schalte ich bei diesen Visionen immer ab.

"Das ist sehr vernünftig. Aber worum geht´s eigentlich hier? Oben las ich etwas von einem Haremsplaneten. Das klingt doch zumindest frivol. Bin gespannt."

Ach nein, es geht nur um die Venus, den Planeten der Liebe. Er ist zur Zeit Abendstern und schon kurz nach Sonnenuntergang nicht zu übersehen, der hellste und erste Stern am Himmel. Man muss nicht einmal sagen, in welche Himmelsrichtung man schauen soll, man dreht sich einfach einmal um sich selbst, und irgendwann sieht man ihn (hoch im Südwesten).

Wegen ihres Glanzes war die Venus in fast allen Kulturen der Göttin der Liebe gewidmet.  Bei den Sumerern hieß sie Iuanna, bei den Babyloniern Ishtar, bei den Ägyptern Isis, bei den Arabern Al-Uzza, bei den Phöniziern Astarte, bei den Griechen Aphrodite und bei den Römern schließlich Venus. Die Germanen sahen in Venus die Göttin Freya, auch für Liebesdinge zuständig, und widmeten ihr den Freitag. Oder wer immer später für die Benennung der Wochentage zuständig war. Die Franzosen machten daraus ihren Vendredi.

Nur bei den Indern steht die Venus für einen männlichen Gott. Für Sukra, der Glänzende. 

"Warum wundert mich das jetzt nicht?"

Hüstel....also, die Venusoberfläche ist unter einer perfekten weissen Wolkenhülle verborgen. Kein noch so gutes Fernrohr kann sie durchdringen. Erst, seit man zahlreiche Sonden hingeschickt hat, welche mittels Radarabtastung die Oberfläche kartierten, weiß man mehr darüber. Es gibt Berge, Krater, erloschene Vulkane und Lavakanäle, eben alles, was man so als Planet braucht.

"Schön, da gab es ja dann eine Menge Namen zu verteilen." 

Genau. Es war ein Fest für Namensverteiler. Allerdings hat die IAU, die internationale Vereinigung der Astronomen, beschlossen, ausschließlich weibliche Namen zu verwenden. Entweder aus der Mythologie oder von verstorbenen Wissenschaftlerinnen und Künstlerinnen.

"Nun bin ich aber gespannt, wann die Kurve zum Haremsplaneten kommt."

Natürlich gilt auch hier: keine Regel ohne Ausnahme. Es gibt eine einzige Geländeformation, die zu Ehren eines Mannes benannt wurde, nämlich der Maxwell Montes, nach James Clark Maxwell, ein schottischer Physiker des 19. Jahrhunderts. Natürlich wurde ihm kein x-beliebiges Dreckseinschlagsloch gewidmet, sondern die höchste und mächtigste Gebirgsformation auf der Venus. So wie es sich gehört.

"Verstehe."


(Quelle: Hans Ulrich Keller, Kosmos Himmelsjahr 2020)




Montag, 23. März 2020

EDEKA

Namensuchmann wird immer langsamer, wie ein Spielzeugroboter, dessen Aufzugsfeder langsam erlahmt. Nicht zu schnell... laaaangsam langsamer werden. Metalangsam sozusagen. Und dabei nicht umfallen, das Gleichgewicht halten. Die Menschen um ihn herum werden unscharf, die Farben ihrer Klamotten beginnen zu verschwimmen und sich zu flirrenden Strichen langzuziehen. Sie beginnen zu summen. Aber sie summen keine Melodien, der Summton entsteht durch ihre schiere Geschwindigkeit relativ zu Namensuchmanns Stillstand. Stimmen, Sätze, Schritte und andere Geräusche werden zu stechmückenhaftem Sirren beschleunigt. 
Ein leises Knistern und Knacken macht sich bemerkbar. Das ist neu für Namensuchmann, soweit kam er noch nie. Das heißt, so laaaangsam wurde er noch nie. Mit äusserster Konzentration unter den Zeitfluss tauchen, sich absinken lassen, dabei durchsichtig werden und durchlässig. Fluffige Zeitflocken werden infolge der rasenden Relativgeschwindigkeit zu Gewehrkugeln, aber sie finden keinen Widerstand mehr, ja wundern sich nicht einmal, als sie wirkungslos durch Namensuchmann hindurchfliegen.
Um den fast perfekten Stillstand nicht zu stören, versucht Namensuchmann seinen Kopf virtuell zu drehen, versucht die Simulation einer Drehung, um seinen Ohren einen alternativen Hörwinkel zu ermöglichen. Sich bloß nicht wirklich bewegen, nicht die Annäherung an den absoluten Stillstand gefährden.  Doch was das Knistern und Knacken verursacht, kann er nicht erkennen, so sehr er sich zu konzentrieren versucht. Das große Knistern. Ist das das letzte Geräusch vor dem absoluten Stillstand, wenn die Relativgeschwindigkeit zur menschlichen Realität unendlich wird?
Der Markt ist längst geschlossen und verlassen, die leeren Gänge sind nur noch spärlich beleuchtet. Der kleine Engel sitzt auf den Schultern des riesigen Zombies und lenkt ihn sachte zum leeren Toilettenpapierregal. Dort halten sie kurz inne, dann hebt der Zombie seine schweren Arme und holt Namensuchmann aus dem obersten Fach. Niemand hatte ihn in seiner Bewegungslosigkeit bemerkt.

Dienstag, 3. März 2020

Namensuchmann fährt mit der DB

"Nein, sag das nicht", wisperte die Ameise.

"Es ist beschlossen", sagte Namensuchmann, "morgen..."

Ein lauter Knall wie ein Paukenschlag, nur tausendmal stärker, durchdrang die Welt. Sie erschauderte und zitterte wie ein kleines Reh im Angesicht des Mähdreschers. Die kleine Ameise blickte entsetzt in den Himmel, der glutrot und von schwarzen Schlieren durchzogen ebenfalls ruckte und zuckte. Es war ein Zittern und Rucken in der Welt, als ob sie etwas sehr schreckliches gesehen hätte und nun stumm zu schreien versuchte.

"Ihren Fahrschein bitte", sagte der gemütliche Schaffner und wartete geduldig, bis Namensuchmann von seiner Traumwelt heruntergestiegen war. Namensuchmann reichte ihm die kleine bedruckte Pappe. Sie war so hart und dick wie ein Metallplättchen. Da merkte Namensuchmann, dass er noch immer in einem Traum gefangen war. Solche Fahrkarten gab es schon seit vierzig Jahren nicht mehr. Oder waren es fünfzig? War er damals überhaupt schon auf der Welt? In der Pappfahrkartenzeit? Wie alt war er eigentlich genau? Es fühlte sich an, als wäre er schon immer in dieser Welt, als wäre er genau so alt wie die Welt selbst. Uralt.

Der gemütliche Schaffner blieb. Und wartete geduldig. In den sechs Sekunden, die Namensuchmann brauchen wird, um ihm sein Handy mit dem Code hinzuhalten, war noch mehr als genug Zeit um weiterzuträumen.

Namensuchmann erinnerte sich an einen bilderbuchmäßigen, sonnigen Herbstnachmittag unter den Trauerweiden am Fluß. Eine Bank stand in der warmen Nachmittagssonne, darauf lag Namensuchmann und träumte, während Menschen unten am Ufer auf ihren Decken lagen und ab und zu ins Wasser wateten um eine kleine Runde am Ufer entlang zu schwimmen.

Das Nebengleis blitzte wie blankgewienert in der Sonne. Stahl. Unbegreifliche Mengen von Stahl, abgebaut, transportiert, erhitzt, verhüttet, geschmiedet, wieder transportiert und verlegt. Auf Betonschwellen, die wieder abgebaut, transportiert, gemahlen, erhitzt, gebrannt, mit Wasser vermischt, geformt und wieder transportiert und verlegt werden mussten. Doch wozu? Um Fleisch von einem Ort zu einem anderen zu transportieren? Namensuchmann schüttelte sich. Er dachte lieber an den Sand, der bei Notbremsungen vor den Zugrädern auf die Schienen gestreut wird um die Reibung zu erhöhen. Wie groß war der entsprechende Vorratsbehälter? Ließ man den Sand herausrieseln oder wurde er gesprüht? Gepustet? Was befand sich unter den Gleisen? Gab es da noch Wurzeln? Wo waren nun die Menschen, die all das vollbracht hatten vor fünfzig Jahren? Oder hundert?

Noch zwei Sekunden, ein Instant-Traum hat noch Platz. Eine Ameise, von ihrem Stock getrennt, blickt ängstlich in den Himmel. Was war ihr widerfahren? Wo waren die anderen? Was hatte Namensuchmann zu ihr gesagt? Morgen, da wird es geschehen. Noch eine Sekunde.

Eine Sekunde, in der nichts geschieht. Fast, als stünde die Welt still. Der gemütliche Schaffner wartet auf Namensuchmanns Handy, um den Code zu scannen. Doch vorher ruckelt und klemmt die Zeit, verhakt sich, Teile fallen übereinander, blockieren die nachfolgenden. Ein Erstarren und Gefrieren greift knackend und knisternd um sich. 

Die Ameise und Namensuchmann sehen sich an. Fast ist es wie ein Erkennen.


 

Freitag, 20. Dezember 2019

Jahre haben keine Hakenhände

In dem amerikanischen Filmklassiker „Charade“ kämpft Cary Grant auf dem Dach eines Hotels gegen Herman, seinen Widersacher, gespielt von dem hünenhaften George Kennedy. Nach einem gehörigen Schlagabtausch rutscht Kennedy auf dem Bauch, Füße voran, das Dach hinunter. Während er sich der Kante nähert, schaut er mit einer Mischung aus Wut und Entsetzen zu Cary Grant hinauf (er wird nicht hinunterfallen, er bleibt mit seiner künstlichen Hakenhand an der Dachrinne hängen).

Genau so sehe ich das Ende dieses Jahres. Es rutscht immer schneller der Kante entgegen; nur einen Augenblick noch, dann wird es plötzlich ausser Sicht sein und für einen langen Herzschlag lang wird es plötzlich sehr still sein hier oben auf dem Dach mit der beim Kampf zerdepperten Leuchtreklame. Unwillkürlich werde ich den Atem anhalten und auf den Schrei warten. Den Angstschrei eines in die Vergangenheit fallenden Jahres, in einen Abgrund ohne Boden. 

Ich übertreibe. Noch nie hat ein Jahr geschrien beim Absturz, noch nie ist eines an der Dachrinne hängengeblieben wie Herman, denn Jahre haben keine künstlichen Hakenhände. Es gab Jahre, die verschwanden lautlos, und es gab Jahre, die jodelten wie eine irre Hellwig während des unaufhörlichen Falls in diesen Abgrund, der irgendwo dort unten, jenseits der Dachkante, beginnen musste. Es gab Jahre, die brüllten mir noch Gebete zu, und es gab Jahre, die schienen sich im letzten Augenblick noch zu fangen, nur um sich dann mit einem Extrasalto in hohem Bogen zu verabschieden. Jahre, die weinten. Jahre, die ungläubig starrten. Jahre, die vor dem eigentlichen Fall schon von einer Böe erfasst und einfach fortgeweht wurden. Jahre, die hinterließen eine breite Blutspur auf dem Dach, und Jahre, da stank es hinterher nach Urin.

In einem guten Zeitreisefilm versucht der Held, in die Vergangenheit zu reisen, um dort seine Geliebte vor einem sinnlosen Tod zu bewahren. Aber er kommt immer zu spät, egal was er tut, egal wie verzweifelt er an der Zeitkoordinatenmaschine herumbastelt. Etwas kommt immer dazwischen. Jeder Versuch endet mit einer Großaufnahme der gebrochenen Augen der Geliebten. 

Zeitsprünge sind fast so etwas wie Zeitreisen. Ein Jahr fällt über die Kante, mit riesigen, entsetzten Augen mich anstarrend. Ich warte eine Minute, lasse meinen Blick über das Gerüst der beim Kampf zerstörten Leuchtreklame schweifen und würde mir gerne eine Zigarette anstecken, wenn ich rauchen würde und Zigaretten dabei hätte. Aber ich rauche nie, und ich habe auch keinen Flachmann dabei mit einem guten Whisky. Wo war nochmal der Weg hinunter, die Treppe in die Welt, in die Hotelbar womöglich? Doch im nächsten Moment tobt schon der Kampf mit dem nächsten Jahr, wo kam das her? Fäuste fliegen, Eisenstangen werden geschwungen, treffen auf Knochen und Geländer. 

Dann ein entsetzter Blick, ungläubig, mit großen Augen mich fixierend, während es über die Kante rutscht. Bang Boom, große Augen. Jodeln. Die Nacht beginnt zu flackern, Jahre wie aus dem Maschinengewehr. Das Mündungsfeuer entzündet die Netzhaut, der Feinstaub der Patronen legt sich auf Gletscher und Lungenbläschen. 

Herman musste übrigens später im Film doch noch sterben, er war nämlich gar nicht der wahre Bösewicht, das war ein anderer, und Herman starb in der Badewanne.




Montag, 16. Dezember 2019

Auf der Lichtung nachts um halb eins

Die Kirche sah aus, als hätte ein Riese sie in höchster Eile aus dem Gebirge gerissen und schnell auf der Lichtung aufgetürmt.

Wovor fürchten sich Riesen?




Mittwoch, 16. Oktober 2019

Freitag, 4. Oktober 2019

Freitag, 23. August 2019

An der Uferpromenade

Soll ich reingehen und ein Bier trinken, Biergarten mein? Nur ein einziges?

Das Wetter ist eigentlich zu kühl für ein Bier. Einen Kaffee vielleicht? Nur einen einzigen?

Vielleicht am Tisch dieser geheimnisvollen Frau, so adrett und gepflegt in ihren Lumpenkleidern?

Sie ist nur schön, sie birgt nicht mehr oder größere Geheimnisse als jeder von uns.

Vielleicht am Tisch dieser schönen Frau in Lumpenkleidern?

Vielleicht ist das Wenige, das sie birgt, immer noch zu viel für dich. Denn du birgst nichts, auf das du vertrauen könntest, wenn es hart auf hart kommt.

Ich ziehe mir meine Jacke an, denn ich habe nun schon Gänsehaut von der kühlen Brise. Zumindest denke ich daran, meine Jacke aus dem Rucksack zu holen und anzuziehen. Doch sie ist so dünn, ohne jedes Futter, sie würde nichts gegen die Kühle nützen, also wozu die Mühe?

Vielleicht wäre die Lumpenfrau, die Schöne, beeindruckt von deiner Lumpenjacke. Sie käme vermutlich sofort zu dir gelaufen und sänke vor dir auf die Knie um dir in deiner Jacke zu huldigen.

Doch im Augenblick jedenfalls wird sie von ihrem Prinzen in schimmernder Dolce & Gabbana - Rüstung abgeholt und schwebt von dannen.

Ich setze mich an den Lumpentisch, auf ihren Stuhl, der noch warm ist. Aber ich weiß nicht, soll ich ein Bier nehmen oder doch lieber einen Kaffee?






Sonntag, 18. August 2019

Flußgedanken

Die Tage werden im Dutzend weggelebt und dann, zu handlichen Paketen geschnürt, in nach Mottenkugeln duftende Regale gestellt. Man kann auch Mauern damit bauen. Hierfür presst man immer zehn Tage zu einem handlichen Mauerstein. Je luftiger und leerer die verwendeten Tage, desto kleiner ist der Wärmeleitkoeffizient des fertigen Steins, das heißt, desto besser ist später die Isolationswirkung der Mauer gegen unerwünschte Energieverluste.

„Sei doch nicht immer so negativ“, brüllt das Gesicht in der Wand. Früher trug es einen großen Rauschebart, doch den schlug ich irgendwann mit Hammer und Meißel ab. Ich war allerdings nicht sonderlich akkurat, jetzt sieht es aus wie Jürgen Prochnow oder Charles Bukowski.

„Sag doch mal was Witziges!“

Ich suche nach dem lustigen Reim, den ich mir aus dem Land mitgebracht hatte, in welchem jedes Wort tausende von Tonnen wiegt. Schon kurze Sätze bringen Erdplatten zum Abtauchen und verursachen ihr eigenes Mikrowetter. Doch ich fand nur noch eine kleine Mulde, der Reim hatte sich längst auf den Weg ins Erdinnere gemacht.

Die Liebe - oder war es ihre kleine Schwester, die Trauer? - die da auf dem riesigen Schubverband liegend auf dem Fluß vorüberzog, ließ träge, fast wie betäubt, ihre langen, dünnen, weißen und blaugeäderten Arme ins trübe Wasser baumeln. Vermutlich schleiften ihre Hände unten über den Flußgrund, allerlei Müll und Schrott aufsammelnd. Aber der sonore Ton des Schiffsdiesels in Verbindung mit dem wohlig blubbernden Auspuff zeugte von genug Kraft und Vortrieb, um trotzdem erfolgreich gegen die Strömung vorwärts zu kommen. In der Ferne lag die Biegung, wo der Fluß hinter einem malerischen Felsen verschwand.
Der Schubverband mit dem riesigen, bleichen Körper hatte nun etwas zu kämpfen, bis er um die Kurve herum war. Ein langer, verknorpelter Fuß war auf der Ferse nach außen gekippt und nun schrammte eine gigantische Große Zehe am Fels entlang. Steinbrocken lösten sich und polterten zuerst auf die Uferstraße und platschten dann ins Wasser. Menschen auf dem Weg zum Klosterbiergarten filmten das Spektakel mit ihren Smartphones und machten Selfies mit Viktoryzeichen.
Es war wohl die Liebe, und nicht die Trauer. Ihr gefesselter Blick traf mich in allerletzter Sekunde, bevor ihre müden Augen, groß wie Mülleimer, hinter der Biegung verschwanden. Noch immer waberten die Abgasschwaden in der Luft.

„Da ist schon viel Schönes dabei“, meinte das pockennarbige Gesicht an der Wand gönnerhaft, „nur der Vergleich mit dem Mülleimer hätte nicht sein müssen. Müll und Liebe in einem Satz, das werden viele nicht verstehen.“

„Aber dass die Liebe lange, dünne, weiße und blaugeäderte Arme hat, die über die Bordwand ins Wasser hängen und deren Hände über den Flußgrund schleifen und sich alte Fahrradfelgen wie Eheringe auf die Finger schieben, das verstehen die Leute?“

„Ja klar, warum nicht?“



Freitag, 16. August 2019

Personen der Zeitgeschichte, schreiend im Weltall

Heute: Julia Klöckner (beim Versuch, das Universum mit Gülle vollzupumpen)