Über mich

Montag, 21. Februar 2011

Wenn´s regnet (IX)



Namensuchmann kroch so schnell voran, dass seine Knie das Wasser in dicken Platschern von unten gegen sein Gesicht schleuderten. Er bekam etliches davon in die Nase und verspürte plötzlich einen würgenden Hustenreiz. Auch seine Hände patschten wieder und wieder in das unsichtbare, dunkle Wasser, doch fanden sie immer wieder die Linienkante, die einzige Orientierung, die einzige Richtung in dieser richtungslosen Welt. Nur weg von dem Bentley, weg von dem unheimlichen, riesigen Affen, der mit diesem seltsamen Blick in seine Richtung geschaut hatte. Namensuchmann versuchte, diesen Blick einzuordnen, während er so schnell es ging durch das handbreit hohe Wasser vorankroch. Er war nicht feindselig gewesen, eher überrascht. Doch wieviel Zeit benötigt ein Tier, um die erste Überraschung zu überwinden und zu entscheiden, doch lieber feindselig zu schauen? Namensuchmann beschloss, beim ersten Anzeichen eines erneuten Helligkeitsausbruchs sich sofort aufzurichten und zurückzublicken. Sein Bauch verkrampfte sich bei der Vorstellung, den Affen dann womöglich ganz in seiner Nähe zu erblicken. Aber vielleicht war der ja damit zufrieden, dass Namensuchmann von dem Bentley wegkroch und ihm so seine Beute überhaupt nicht streitig machte. Vielleicht....

Namensuchmann griff ins Leere.

Das Wasser war natürlich immer noch da. Nur die erhabene Linie dicht unter der Oberfläche nicht mehr. Namensuchmann fiel vornüber, sein ganzer rechter Arm versank im Wasser, bis er mit der Brust auf dem Ende der Linie zu liegen kam. Sein Gesicht tauchte ins Wasser ein, er japste nach Luft, hustete und rappelte sich mühevoll wieder in eine stabile, kauernde Position. Sein Herz raste, es musste jeden Moment aus seiner Brust hervorbrechen. Seine Unterarme ruhten auf der Linie, seine Fäuste umklammerten deren Ende. Er konnte seine Stirn auf seine Fäuste legen, ohne dass sein Gesicht ins Wasser eintauchte. Ein würgendes, knurrendes Geräusch war alles, was er sich erlaubte. Doch das presste er mit so viel Wut und Schmach heraus, dass es in einer höheren Dimension vermutlich als Weltzerstörungsschrei vernommen werden konnte. Aber nicht hier. Nicht in dieser prasselnden Dunkelheit, in der irgendwo ein riesiger Affe lauerte. Und kein Licht mehr.

Nach einer kleinen Ewigkeit ließ Namensuchmann das Ende der Linie los und tastete deren Seitenkanten ab. Der Noppenboden, auf dem die Linie aufgelegen hatte, war nicht mehr da. Sie schien nun frei im Wasser zu schweben, etwa eine handbreit stark und ebenso weit unter der Wasseroberfläche. Die Unterseite der Linie war mit denselben Noppen besetzt wie ihre Oberseite. Namensuchmann tauchte so weit wie möglich seinen Arm in das schwarze Nass, doch konnte er keinen Grund ertasten. Das Wasser schien immer noch ohne jede Strömung, und das einzige Geräusch war das Pladdern unzähliger dicker Regentropfen. Unablässiges, monotones Prasseln. Von stampfenden, platschenden und näherkommenden Affenfüßen war nichts zu hören.

Das Ende der Linie war das Ende von Namensuchmanns neuer Welt. Es ging nicht weiter. Ins Unbekannte hinauszuschwimmen kam nicht in Frage. Es gab nicht die geringste Orientierung, er würde die Linie, die nun eher einem vom Wasser überspülten Steg glich, niemals wiederfinden und dann jämmerlich ersaufen. Blieb nur ausharren oder umkehren. Keine neuen Lichterscheinungen.

Namensuchmann drehte sich vorsichtig auf seinen Knien um. Die Linie war etwa einen halben Meter breit, doch ohne den Noppenboden zu beiden Seiten schienen gähnende Abgründe nach Namensuchmann zu greifen. Der prasselnde Regen erzeugte auf dem schwarzen unsichtbaren Wasser zumindest eine ferne Illusion von Oberfläche, doch Namensuchmann drehte sich der Magen um bei dem Gedanken, wie tief er wohl sinken würde, wenn er versehentlich von dem Steg herunterglitt und ihn die Kräfte verließen. Aber da war noch der Affe. Körperlich hatte Namensuchmann nicht die geringte Chance gegen ihn, falls es zum Kampf kommen sollte. Falls der Affe feindselig sein sollte. Falls er Hunger hatte...oder sein Revier verteidigen wollte...doch was war das für ein Revier? Wie sollte man auf einem stehenden Gewässer Duftmarken setzen? Namensuchmann wurde sich plötzlich klar, dass derartige Sophistereien im Moment zu nichts führten. Die einzige relevante Frage war, ob Namensuchmann sich dem Affen stellen sollte, falls es unausweichlich darauf hinauslaufen sollte, oder ob er sein Heil im Wasser suchen sollte. Ins Ungewisse schwimmen in der Hoffnung, dass der Affe nicht schwimmen konnte.


Namensuchmann fing langsam an, auf der Linie zurückzukriechen. Er wollte auf keinen Fall dem Bentley zu nahe kommen, er hoffte vielmehr, dass irgendwann der Noppenboden wieder aus der Tiefe aufsteigen würde. Nach etwa zwei Metern war es schon soweit. Plötzlich ertasteten seine Hände neben der Linie wieder die vertraute Gummioberfläche. Eine genauere Untersuchung ergab, dass die Noppenfläche urplötzlich senkrecht abfiel, während die daraufliegende Linie einfach noch zwei Meter über den unsichtbaren Abgrund hinausragte. Daraus ergaben sich zwei Möglichkeiten: Namensuchmann konnte entweder die Linie verlassen und an der Abbruchkante entlangkriechen, oder er konnte sich zurück zum Bentley begeben. Sein Magen meldete sich mit einem unangenehmen Druck bei dem Gedanken, in stockfinsterer Nacht an einem womöglich unergründlichen Abgrund entlangzukriechen. Der Druck in seinem Bauch entlud sich jedoch plötzlich in einem langanhaltenden Gurgeln und Blubbern. Namensuchmann hatte Hunger.

Und Durst.

Er richtete sein Gesicht nach oben und öffnete den Mund. Dicke kühle Tropfen fielen auf seine Zunge. Das Wasser schmeckte köstlich. Er neigte sein Gesicht nach unten und probierte einen Schluck des stehenden Wassers. Es war salzig. Namensuchmann hoffte, dass es nicht aufhörte zu regnen.



Samstag, 12. Februar 2011

Ausgrabung



Im vollen Bewußtsein des dicken Endes
aus dem Kontext heraus nach Verwertbarem suchen
z.B. ein Mann grub ein Loch
das war fast 2 Meter tief und 2 Meter lang und dabei
halb so breit.
Drunten angekommen packte er sein Vesper aus
Ein Wurstbrot und ein Käsebrot, beide mit Gürkchen
dazu heisser Kaffee aus der Thermoskanne.
Im rechteckigen Himmelsblau über ihm zwei gekreuzte
weiß leuchtende Kondensstreifen formten ein
perfektes Fensterkreuz
Eine Mitleidspause bestreiten, dazu guten Kaffee und
das Schweigen des Mergels
Nach dem letzten Bissen war die Wurmwerdung fast
abgeschlossen, eine lockere Stelle im Geschiebe schon
ausgeguckt.
Das hell geschwollene Fortpflanzungssegment bereitete
noch etwas Mühe, eine Größenanpassung des Wurmganges
war vonnöten.



PS: ein Hinterteil auf einem Plattenteller ist eine Arschrevolution!



Dienstag, 25. Januar 2011

Wenn´s regnet (VIII)



Namensuchmann sah seinen Schatten. Und zwar so unvermittelt, dass er sich im ersten Moment gar nicht der Tragweite dieser Beobachtung bewusst wurde. Die Dunkelheit war vollkommen gewesen. Doch die völlige Abwesenheit selbst des kleinsten Lichtscheins wurde seltsamerweise vom Prasseln des Regens etwas gemildert. Lautlose Dunkelheit wäre unerträglich gewesen, zur Blindheit wäre noch Taubheit gekommen, eine Taubheit der Welt. Doch die Regentropfen plätscherten auf die unsichtbar dunkle Wasserfläche und hämmerten auf Namensuchmanns Rücken und Kopf, während er auf der leicht erhabenen Linie entlangkroch. Seine Hände fuhren an den beiden Linienkanten abwechselnd einige Zentimeter nach vorne, dann folgten abwechselnd die Knie. Er wusste, dass die Linie selbst nur zwei fingerbreit hoch war, trotzdem war Namensuchmann der Gedanke unangenehm, von ihr herunterzufallen, oder vielmehr zu rutschen. Der Noppenboden war derselbe, ob auf der Linie oder daneben, doch die Linie war fassbar, berechenbar, im Gegensatz zu allem, was sich daneben befinden mochte. Womöglich lauerte nicht weit entfernt ein Abgrund, über den das Wasser in die Tiefe rauschte, doch das war im Prasseln des Regens nicht zu beurteilen. Namensuchmann hob eine Hand leicht an, sodass sie keinen Bodenkontakt mehr hatte, sich aber immer noch unterhalb der Wasseroberfläche befand. Es war keinerlei Strömung festzustellen. Er wollte weiterkriechen, als er plötzlich einen runden schwarzen Umriss vor sich auf dem von schweren Tropfen aufgewühlten Wasser bemerkte. Es war der Schatten seines Kopfes. Schatten! Licht! Namensuchmann versuchte, seinen Kopf soweit nach oben zu drehen, wie es seine Haltung auf allen Vieren zuließ. Er wagte nicht, die Hände von den Linienkanten zu nehmen aus Angst, das Gleichgewicht zu verlieren und von der Linie herunterzufallen. Er konnte die Lichtquelle nicht erkennen. Ihm fiel ein, wie bescheuert seine Angst war, von einer zwei fingerbreit hohen Linie herunterzufallen und richtete seinen Oberkörper ganz auf, blieb aber auf den Knien. Die Welt war wieder dunkel. Doch zum Prasseln des Regens hatte sich ein unterschwelliges Grollen gesellt, fast wie Donner, aber nur fast. Es war ein regelmäßig pulsierendes Grollen, ein dumpfes Knattern, es hatte nichts gemein mit dem polternden Getöse eines natürlichen Donners. Dann war es verklungen. Namensuchmann beschloss, vorerst nicht weiterzukriechen, sondern auf einen eventuellen zweiten Lichtausbruch zu warten. Er schaute nach oben, nach hinten, wieder nach vorne. In jeder Richtung Dunkelheit, während ihm Sturzbäche von Wasser vom Kopf troffen. Der Kragen seiner Jacke war dicht geschlossen, darunter war er seltsamerweise immer noch trocken. Dann wurde es wieder hell. Nicht sehr hell, nicht taghell, die Schwärze änderte sich lediglich von einem tiefen Schwarz zu einem etwas helleren Grau. Auch die Helligkeit schien kaum merklich zu pulsieren. In der Ferne, wo eigentlich ein Horizont hätte sein müssen, erkannte Namensuchmann einen senkrecht aufsteigenden Mast; doch die Entfernung war unmöglich abzuschätzen. Er war dünn, doch aberwitzig hoch. Seltsam hoch. Unmöglich hoch. Dann wieder Dunkelheit. Es durchlief Namensuchmann wie ein Schock. Er musste sich unbedingt umdrehen, nach rückwärts schauen, wo sich der Bentley befinden musste. Vielleicht konnte er beim nächsten Lichtausbruch den Fahrer erkennen, entweder bewusstlos auf dem Boden liegend oder orientierungslos herumirrend. Namensuchmann drehte sich vorsichtig um, immer noch auf Knien und auf seinen Fersen hockend. Dann wartete er. Jegliches Zeitgefühl hatte ihn längst verlassen. Schwarz und unsichtbar prasselte der Regen. Sein linker Fuß begann unangenehm zu kribbeln. Wie lange sollte er dasitzen und in die schwarze Leere blicken in der Hoffnung auf einen neuerlichen Lichtausbruch? Die Helligkeit hatte beim zweiten Ereignis mindestens fünf Sekunden angehalten. Zeit genug eigentlich, sich während des Kriechens schnell aufzurichten und sich umzuwenden. Namensuchmann beschloss, sich wieder der ursprünglichen Richtung zuzuwenden und weiterzukriechen. Natürlich wurde es hell, kaum dass er seinen Kriechrhythmus wieder aufgenommen hatte. Er fuhr hoch und wendete sich um. Am nicht vorhandenen Horizont stand wie zuvor schon der irrwitzige Mast, ohne jegliche Oberflächenstruktur, wie ein vollkommenes Rohr in einem leicht helleren Grau als die Umgebung. Das Licht begann schon wieder knatternd zu verblassen, als tatsächlich der Bentley in Sicht kam, unwirklich nah und seltsam farblos, nur in fahles Grau getaucht. Vom Fahrer war keine Spur zu sehen. Doch am Heck des Wagens stand ein riesiger Affe, groß wie ein Gorilla, aber im Aussehen eher einem Pavian ähnlich. Er schien etwas auf der Rückbank zu suchen, ohne Hast, und schaute eher gelangweilt kurz in den fahlgrau erleuchteten Himmel, als wäre er selbst überrascht von der Helligkeit. Doch das Licht verblasste schnell, ohne dass Namensuchmann die Quelle hätte identifizieren können. Kurz bevor die absolute Dunkelheit wiederhergestellt war, hatte Namensuchmann den Eindruck, dass der Affe in seine Richtung blickte. Namensuchmann wandte sich wieder seiner Linie zu. Er kroch durch die absolute Dunkelheit so schnell, wie er noch nie in seinem Leben gekrochen war.





Donnerstag, 20. Januar 2011

Bilderrätsel

Natürlich ist das ein Hinterteil auf einem Plattenteller. Gesucht ist aber der Begriff, der sich dahinter verbirgt!

Montag, 17. Januar 2011

Che Guevara im Weltall


Ich liebe Astronomen. Gerade neulich wieder hätte ich am liebsten einen geknuddelt, allerdings befand er sich nicht in Reichweite, ich las lediglich eine kleine Geschichte von ihm über die Schwierigkeiten, mit denen die Sterngucker während der vergangenen Jahrhunderte zu kämpfen hatten bei ihrem Bestreben, die Entfernungen der Sterne zur Erde zu bestimmen.

Ich las also so vor mich hin, als ich auf folgenden Satz stieß:

"Als Spiegelbild der Erdrevolution müssen die Sterne pro Jahr eine vollständige Ellipse beschreiben, die umso kleiner ausfällt, je weiter der Stern entfernt ist...."

Mich hat es fast zerrissen! Erdrevolution! Auf die Idee, so nonchalant und ohne großes Aufheben ein solches Kompositum in einen eigentlich ganz harmlosen Text einzubauen, muss man erstmal kommen. Das Wort passt natürlich perfekt. Schließlich stammt Revolution etymologisch vom lateinischen revolvere ab, was soviel wie umdrehen, umwälzen bedeutet. Und nichts anderes war gemeint als die jährliche Bewegung der Erde um die Sonne.
Manch einer wäre vielleicht versucht gewesen, so einen Coup extra noch ein wenig zu akzentuieren, womöglich durch einen Smiley hinter dem Wort. Oder gar einem kursiv angefügten hihi, schamhaft in Klammern gesetzt. Aber nein. Ohne Vorwarnung und ohne jede begleitende Erklärung kommt dieses herrliche Wort einfach so aus dem Nichts und prangt plötzlich vor einem auf dem Papier. Erdrevolution.
Es dauerte lange, bis ich mich wieder gefangen hatte. Ich las den Absatz nochmal und nochmal und war jedes Mal voll freudiger Erwartung, als ich mich lesend dem Wort näherte. Noch ein Satz...noch ein halber....jetzt, nach diesem Wort.... Erdrevolution! Fast kugelte ich mich auf Boden, trampelte mit den Füßen, haute auf den Tisch, wischte mir Rotz und Lachtränen weg.
Im Grunde möchte ich dereinst, wenn ich das Zeitliche gesegnet habe, verbrannt und die Asche soll in alle Winde zerstreut werden, doch das hätte den Nachteil, dass ich auf einen Grabstein verzichten müsste. Nun jedoch überlege ich, mir zumindest ein Urnengrab vormerken zu lassen mit einem kleinen doch würdigen Grabstein, auf dem nur ein Wort stehen soll: Erdrevolution
Das hätte sogar noch den positiven Nebeneffekt, dass einige Besucher den Friedhof mit mehr Synapsen verlassen würden als sie ihn betreten haben. Ein letzter altruistischer Dienst an der Menschheit meinerseits.

Irgendwann dann konnte ich mich wieder auf den Text konzentrieren und wurde sogleich in das Jammertal bohrender Minderwertigkeitskomplexe gestossen. Es ging um den italienischen Priester, Astronom und Mathematiker Guiseppe Piazzi. Der entdeckte im Jahre 1792, dass der Stern 61 Cyg eine sehr starke Eigenbewegung aufweist. Nun muss man wissen, dass die Sterne am Himmel natürlich nicht alle einen Eigennamen haben wie Wega oder Aldebaran. Also ging man daran, den hellsten Stern eines Sternbildes mit einem griechischen alpha und dem Genitiv des Sternbildes zu benennen. Jeder kennt vermutlich alpha Centauri. Das ist der hellste Stern im Sternbild Zentaur. Der zweithellste Stern ist dann beta Centauri usw. Irgendwann ist man aber durch mit dem griechischen Alphabet und hat noch jede Menge Sterne über. Die werden dann einfach durchnummeriert, wodurch man beispielsweise im Sternbild Schwan (Cygnus) irgendwann beim Stern Nr. 61 ankommt. Und der Genitiv von Cygnus lautet Cygni.
Wer sich bei den heutigen Lichtverhältnissen das Sternbild Schwan anschaut, wird Schwierigkeiten haben, überhaupt 24 Sterne für das griechische Alphabet zusammenzubekommen, geschweige denn weitere fünf Dutzend bis man bei 61 Cyg angekommen ist, einem Sternchen fünfter Größenklasse. Das heisst, es ist bei idealen Sichtbedingungen mit bloßem Auge gerade noch zu sehen. (es steht zwar geschrieben, dass auch Sterne der sechsten Größenklasse ohne Hilfsmittel noch gesehen werden können, aber das gilt nur in der Theorie). Fünfte Größenklasse ist absolute Grenze, selbst bei Neumond im Hochgebirge.
Unserem Herrn Piazzi war dieses kleine, unscheinbare Sternchen aber offensichtlich nicht unscheinbar genug, um es nicht ein wenig zu vermessen. Kann ja nicht schaden.

Wie lange Herr Piazzi sich das kleine Sternchen (und vermutlich viele andere) nun anschaute, ist nicht überliefert. Im Jahre 1792 war es dann aber soweit. Er hatte herausgefunden, dass 61 Cyg seine Position relativ zu den anderen Sternen um monströse 5´´ pro Jahr veränderte. 5 Bogensekunden! Pro Jahr!
Nun ergeben 60 Bogensekunden eine Bogenminute (´), 60 Bogenminuten ergeben ein Winkelgrad. Sonne und Mond erscheinen uns am Himmel mit einem Durchmesser von ca. einem halben Grad, d.h. 30´(Bogenminuten). Will man sich am Himmel also den Abstand einer Bogensekunde veranschaulichen, nehme man den Vollmond und teile seinen Durchmesser in 1800 Teile. Um fünf Teile davon bewegt sich 61 Cyg pro Jahr voran. Oder anders ausgedrückt: in dreihundertsechzig Jahren durchmisst 61 Cyg einen Vollmonddurchmesser.
Und das hat Herr Piazzi mit einem Instrument herausgefunden, das heute kaum noch als Kinderspielzeug durchgehen würde, dessen Linse optisch mit einem Colaflaschenboden konkurieren müsste. Vor fast 220 Jahren! Herrgott nochmal, was hat er sich nur dabei gedacht?

Es war natürlich naheliegend, dass ein sich schnell bewegender Stern der Erde näher ist als ein langsamerer. Schließlich bewegt sich auch ein Jogger im Vordergrund schneller als ein Flugzeug am Himmel. Es verwundert also nicht, dass Friedrich Wilhelm Bessel im Jahre 1838 an 61 Cyg zum allerersten Mal einen Parallaxenwinkel messen und damit die Entfernung von der Erde berechnen konnte. Für den Parallaxenwinkel misst man den Winkel des Sterns zur Sonne. Mit dem Erdbahnradius als Basislinie und dem Parallaxenwinkel ist der Rest nur noch einfache Trigonometrie. Dieses Verfahren funktioniert allerdings nur bei den allernächsten Sternen. Es ist eine Genauigkeit bei den Messungen vonnöten, die einem schon wieder die Ehrfurchtsröte ins Gesicht treibt.



(Quelle: Kosmos Himmelsjahr 2011)

Sonntag, 2. Januar 2011

Erde in Sonnennähe



Am 3. Januar ist es mal wieder soweit: die Erde durchläuft ihren sonnennächsten Bahnpunkt des Jahres. Der Abstand zur Sonne beträgt an diesem Tag zwar immer noch gute 147 Millionen Kilometer, doch das sind immerhin 5 Mio weniger als am 4. Juli, wenn der Abstand mit 152 Mio Kilometern sein jährliches Maximum erreicht. Grund dafür ist natürlich, dass die Erde auf ihrer Bahn um die Sonne keinen Kreis beschreibt, sondern eine Ellipse. Diese ist allerdings nicht so ausgeprägt, wie man sich Ellipsen gemeinhin vorstellt. Hätte man die Erde in ein gigantisches Tintenfass getaucht und würde sie auf einem Blatt Papier um die Sonne rollen lassen, wäre ihre Bahn kaum von einem Kreis zu unterscheiden. Man kann sich zur Veranschaulichung aber auch vorstellen, die Erde hinterließe alle 1 Mio Km einen Magmapupser auf ihrer Bahn, sodass ein Alien von weitem den Eindruck einer rotglühenden Perlenkette hätte. Nach einem Jahr, also nach einem kompletten Erdumlauf, wäre die Perlenkette geschlossen und die Erde leergepupst. Der Alien denkt sich dann: "Diese Perlenkette, die in Wahrheit ja eigentlich eine Magmaklumpenkette ist, sieht fast vollkommen kreisförmig aus. Aber da ich ein Alien bin und interstellare Raumfahrt betreibe, kenne ich natürlich das erste Keplersche Gesetz, das da besagt: `Planetenbahnen sind Ellipsen, in deren einen Brennpunkt die Sonne steht´. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für Ärsche, wenn auch in einem arg verkleinerten Maßstab. Allerdings nur, wenn der Arsch nicht über einen Eigenantrieb verfügt, der selbstverständlich....."
Doch hier verlassen wir die Überlegungen unseres Aliens und wenden uns wieder der Erde zu, die ohne ihr flatuliertes Stützgerüst natürlich unweigerlich in sich zusammenfällt und fürderhin ihr Dasein als wackerer kleiner Asteroid fristen muss. Kartoffelförmig verformt, im Idealfall vielleicht sogar hantelförmig, könnte dieser Asteroid optisch durchaus als kosmischer Verschluss unserer Magmaklumpenkette durchgehen.
Dass die Erde ausgerechnet dann der Sonne am nächsten kommt, wenn bei uns in Deutschland Winter herrscht, ist natürlich nur auf den ersten Blick ein Widerspruch. Denn Winter ist es nur deshalb, weil die Sonne aufgrund der gekippten Erdachse viel tiefer über den Himmel wandert als im Sommer, wenn sie zu Mittag fast senkrecht über unseren Köpfen steht.




Mittwoch, 15. Dezember 2010

Geschafft!



Die Nachmittage werden wieder länger! Genauer: die Sonne geht ab heute jeden Tag etwas später unter, wir haben jeden Tag etwas länger Tageslicht.
Natürlich bedeutet das nicht, dass die Tage insgesamt schon wieder länger werden, denn die Wintersonnenwende und damit der kürzeste Tag des Jahres ist erst am 22. Dezember. Das ist gleichzeitig auch der Tag des astronomischen Winteranfangs.
Die Lösung ist ganz einfach: die Sonne geht morgens bis zum Jahresende immer später auf. Der nachmittägliche Zugewinn an Tageslicht wird dadurch relativiert. Beide Effekte aufsummiert ergeben am 22. 12. dann die geringste Tageslänge.




Dienstag, 14. Dezember 2010

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Samstag, 4. Dezember 2010

Venus am Morgen

Mittlerweile dürfte jeder meiner sechs Leser wissen, dass unser innerer Nachbarplanet, die Venus, mal Abend-, mal Morgenstern ist. Ihre Entfernung zur Sonne beträgt nur etwa 2/3 der Distanz Erde-Sonne, ihre Bahn verläuft also innerhalb der Erdbahn. Dazu ist sie aus himmelsmechanischen Gründen auch noch schneller unterwegs, sodass sie die Erde immerzu "innen" überholt.
Wie ich bereits im September schrieb, war das am 29. Oktober mal wieder der Fall. Venus befand sich genau zwischen Erde und Sonne und konnte natürlich nicht beobachtet werden. Mittlerweile hat sie sich aber weiterbewegt und es ist ein ansehnlicher Winkel entstanden zwischen den Sichtachsen Erde-Sonne und Erde-Venus, wie in nachfolgender Skizze für den 7. Dezember zu sehen ist. (leider habe ich vergessen, den Winkel einzuzeichnen. Die gestrichelte Linie markiert den größtmöglichen Sichtwinkel, der am 8. Januar 2011 erreicht wird)





Für einen Beobachter auf der Erde (Nordhalbkugel) befindet sich Venus "rechts" der Sonne, eilt ihr also am irdischen Himmel voraus und geht folglich morgens vor ihr am Osthorizont auf. Wer dieser Tage also in der Morgendämmerung nach Osten blickt, kann Venus nicht übersehen. Sie ist der hellste Stern am Himmel und in der zunehmenden Helligkeit lange der einzige, der noch zu sehen ist.
Nach dem 8. Januar wird der Winkel wieder kleiner, bis Venus am 16. August nächsten Jahres von der Erde aus betrachtet genau hinter der Sonne stehen wird. Aber davon das nächste Mal mehr.

Montag, 29. November 2010

P A U S E

Bis 3. 12. 2010

Als kleines Intermezzo und um die Zeit zu verkürzen:


Sonntag, 28. November 2010

Der Taschentempel

"Über dem ganzen Tag ein Firniss von Undenkbarkeiten. Es geht im Prinzip um die Verfolgung der Kontinuität. Auf der planen Oberseite ein Ausbreiten und Räkeln. Der riesige Abfluss jedoch verborgen im glänzenden Tempel der Zuversicht."

"Oh, hm... jetzt mal der Reihe nach. Wieviel nochmal soll das kosten?"

"Zwei Euro fuffzig. Es sei denn, Sie sind am Hintern tätowiert. Das mag ich nicht besonders"

"Was hat das denn damit zu tun?"

"Sie sind also am Hintern tätowiert?"

"Aber nein, ich mein´ ja nur"

"Ziehen Sie Ihren Rock herunter, ich muss das überprüfen"

Die Person dreht sich um, zieht ihren Rock bis unter die Gesäßbacken und sagt über die Schulter:

"Zufrieden?"

"Die Unterwäsche auch. Unter diesen Liebestötern kann sich ja das ganze Alte Testament als Bildergeschichte verbergen"

Die Person lässt ihren Rock los, der jedoch aufgrund seiner Elastizität nicht weiter nach unten rutscht, und pellt ihre Liebestöter bis unter ihre Hinterbacken.

"Glauben Sie mir jetzt endlich, dass ich kein Arschgeweih trage?"

"Ok, danke. Ich muss eben vorsichtig sein. Man kann nie wissen heutzutage"

Die Person bringt ihre Kleidung wieder in Ordnung und zählt dann zwei Euro fünfzig aus ihrer Geldbörse in die Münzschale, die auf dem nassen Pflaster steht. Die andere Person, die einen halben Meter hinter der Schale sitzt, neigt sich zur Seite, als ob sie sich eines Darmwindes entledigen müsste. Doch sie nestelt lediglich in der Gesäßtasche ihrer Hose, um endlich einen kleinen, metallenen Gegenstand hervorzuziehen.

"Bitteschön", sagt sie und reicht den Gegenstand nach oben, "Sie sind nun stolze Besitzerin eines multifunktionalen Taschentempels der dreizehnten Dynastie"


Die Person packt den Taschentempel in ihre Handtasche und schickt sich an zu gehen.