Donnerstag, 15. März 2012

Feierabend



Der Tag landete mit einem doppelten Rittberger vor meinen Füßen. Bevor er sich wieder aufrappeln konnte war ich schon über ihm und drückte ihm mein Knie ins Kreuz.

"Gibst du auf?" brüllte ich vornübergebeugt in sein Ohr.

"Nein, niemals!", keuchte er zurück. "Es sei denn du erzählst mir jetzt eine Story übers Brötchen holen in dieser seltsamen Backstube die du als deine Lieblingsbäckerei bezeichnest. Aber ohne zwischendurch zu jodeln"

"Was..." wollte ich gerade fragen und löste vor Verblüffung über das ungewöhnliche Begehr des unter mir wimmernden Tages ein wenig meinen Klammergriff. Das genügte dem Tag jedoch schon um sich herauszuwinden, aufzuspringen und in einer Wolke aus Staub und Asche davonzurennen. Ich hustete und fluchte und vollführte ohne zu Zögern eine Reihe von dreifachen Toeloops, doch von dem Tag war nichts mehr zu sehen. Der Staub und Dreck, den er bei seiner Flucht aufgewirbelt hatte, begann schon wieder in kräuselnden Spiralen dem Erdboden entgegenzusinken. Ein schönes Bild, dachte ich mir im Fluge und beschloss, es noch eine Weile auf mich wirken zu lassen.



Dienstag, 13. März 2012

Nach oben schauen


Heute kommen sich Jupiter und Venus am Abendhimmel am nächsten. Wer in den letzten Abenden bei klarem Himmel draußen war, kann die beiden Planeten am Westhimmel nicht übersehen haben. Der hellere der beiden ist Venus, der Abendstern. Ein Schwesterplanet der Erde, fast so groß, aber mit einer Atmosphäre aus Kohlendioxid und Schwefelsäure gesegnet die schwerer ist als alle irdischen Ozeane zusammen. Dazu eine Oberflächentemperatur von fast 500° Celsius. Eine Höllenwelt, strahlend weiß gleissend am Abendhimmel. Daneben Jupiter, viel größer als Venus, ein Monsterplanet, aber viel weiter weg, daher nicht ganz so hell strahlend. Ab morgen wird der Abstand zwischen den beiden am irdischen Abendhimmel wieder zunehmen, was schön zu beobachten sein wird.


Knapp darunter balkenförmige Gedankenstrukturen, an denen sich die Glücksmomente abseilen wie Frühlingsspinnen von der Wäscheleine. Oder wie Eliteeinheiten von ihren einschwebenden Helikoptern. Zwischen den verschwommenen Balken sowas wie blauer Himmel, oder Sehnsucht, oder Vakuum, völlig unbeeindruckt von den grobstolligen Sohlen und dem Kampfgebrüll.

Ich fand´s krautig in deinem Bett.

Hä? Was soll denn das bedeuten? Hatte doch extra die Bettwäsche gewechselt.

Asche. Sand. Vulkanismus und Feuer. Alles vereint zu infernalischen Mustern auf einem nackten Körper. Mondlicht, und das nicht zu knapp. Schlingpflanzen haben unter der Bettdecke nichts verloren.

Ich drehe und wickle mich. Ist dir das nicht recht?

Meine Hand berührt eine seufzende Stelle, mit Getöse bersten Balken und Gestein. Wie alles wegstrebt vom Hier ist schon äusserst seltsam. Wie ein Schlag mit einem verdorrten Ast ein Blick in die Zukunft. Doch zu weit geschaut, ein Elementarteilchen pro Kubiklichtjahr kann nicht mehr viel erzählen.

Freitag, 9. März 2012

Alternative Szenen der Weltliteratur, mit Entenscheisse nachgestellt

Heute: Besuch einer neugierigen Giraffe beim Kleinen Prinzen auf seinem Asteroiden. (Rechts im Hintergrund die kleine Magellansche Wolke, die in Wirklichkeit allerdings nicht aussieht wie ein Wurm mit Brille)


Dienstag, 6. März 2012

Abspann



Erbarmungslos, Unforgiven, ist ein Western von und mit Clint Eastwood. Er hat den Film 1992 nicht nur produziert, sondern führte auch Regie und spielte die Hauptrolle. In den Kategorien Bester Film, beste Regie und beste männliche Nebenrolle gab es sogar Oscars. Natürlich wird in dem Film tüchtig geballert und gestorben, aber was ihn so ganz aussergewöhnlich macht sind nicht die Oscars oder die gebrochene Ironie des Westerngenres, sondern ein Moment absoluter Schönheit, ein Moment von
Satori.

Man sitzt und schaut, und plötzlich zieht sich alles glatt, die Gegenwart ist nicht länger eine faltige Verwerfung zwischen gestern und morgen. Die Enge unseres eindimensionalen Zeitstrahls weitet sich auf zu einer Ebene ohne besondere Richtung. Man kann sich hinlegen, egal wie, auch quer zu Zukunft oder Vergangenheit, man kann nach oben blicken oder unten, man kann an Abendrot denken und Wind und den Nachhall von etwas das heilig ist und duftend.
Dieser Moment der Schönheit findet sich allerdings erst im Abspann des Films. Im Kino dürften ihn die wenigsten bemerkt haben, und selbst ein gestandener Abspannsitzenbleiber wird ihn leicht verpassen inmitten der Mantelanzieher und Sitzreihendrängler. In mich kam dieser Moment erst nur langsam eingeschlichen, anfangs unbemerkt, und doch ahnte ich sofort, dass irgendetwas passiert sein musste, dass irgendetwas anders geworden war. Ein Gefühl unverstellter, reiner Leere, bar jeden Ballastes, bar jeder Störung, unendlich Platz bietend ohne Zwang zur Befüllung.

Zu sehen ist ein weiter Horizont unter einem wolkig-blauen Abendhimmel. Das letzte Licht des Tages hat sich zurückgezogen zu einem schmalen rötlichen Streifen über dem Horizont. Aus dem dunklen Vordergrund ragt scherenschnittartig ein altes, windschiefes Farmhaus in die Höhe, kaum mehr als ein Schuppen. Rechts dahinter, direkt dem Horizont entwachsend, ein kahler Baum und drei Grabsteine, vor denen eine aufrechte Gestalt steht. Es ist William Munny, ein gealterter und ehemals berüchtigter Revolverheld, der vor dem Grab seiner Frau steht.
Das Bild wäre völlig statisch, wäre da nicht die Wäsche, die an einer gespannten Leine hängend im Abendwind flattert. Abendwind! Die herrlichste Manifestation bewegter Luft. Normalerweise erlahmt die Kraft des Windes wenn die Sonne untergeht und ihre Wärmestrahlen keine Thermiken und Turbulenzen mehr erzeugen. Weht der Wind aber trotzdem weiter oder frischt sogar noch auf, dann weiß man, dass etwas ganz Besonderes im Gange sein muss. Dann heißt es hinausgehen und lauschen und etwas berühren das wichtig ist.

Musikalisch untermalt wird die Szene von einer einzigen Gitarre (Ukulele?), die nur ein paar wenige Griffe zu einer melancholischen Melodie arrangiert.

Dann plötzlich ist die Gestalt unter dem Baum verschwunden und mit ihr die Wäsche samt Wäscheleine. Es ist zu vermuten, dass William Munny nun unter der Erde liegt bei seiner Frau, und mit ihm ist jede Dynamik aus der Welt gewichen. Sie ist zu einem Stillleben geworden, einem Gemälde gefrorener Zeit. Da sich nichts menschliches mehr bewegt in dem Bild, weiß man nicht, wieviel Zeit bis zu diesem Stillstand vergangen ist. Es könnten Jahre sein, Jahrzehnte, doch das spielt keine Rolle. Das Jetzt wurde glattgestrichen, die Grenze zwischen gestern und morgen ist nicht mehr wichtig. Die Wäsche flatterte auf und ab wie die Kurve eines EEGs auf einem medizinischen Monitor. Dann bewegt sich nichts mehr, selbst das Licht des Abendrots scheint stehengeblieben zu sein. Einzig die vorsichtig angeschlagenen Saiten der Gitarre scheinen davon unberührt, sie nehmen keinerlei Notiz von der Veränderung. Aber das ist ja schon lange klar; Musik die trägt über alle Zeiten.

Ein paar Takte sind hier zu hören:


Der Ausschnitt ist leider arg kurz, dafür flattert die Wäsche schön im Wind.

Hier kann man etwas länger zuhören, allerdings nur bei Standbild:


(Bitte bei 0:30 abbrechen, da es danach in einem unerträglichen Maße künstlich aufgepeppt und verschmalzt wird)


Sonntag, 4. März 2012

Supermarkt

Es war mal wieder an der Zeit, an den Netto-Markt zu denken in dem Mischgebiet. Halb Gewerbe-, halb Wohngebiet. Fußläufig zu erreichen. Doch sogleich war mir nach einem schwarzen Quadrat zumute, das genauso dringend mal wieder gedacht werden wollte. Leicht erhaben, als ob man es jederzeit vom Papier kratzen könnte.
Über dem Netto, in westlicher Richtung, in der heraufziehenden Nacht zwei gleissend helle Sterne. Links oben Jupiter, rechts unten Venus, der Abendstern. Nicht zu übersehen dieses Duo.




Der Netto ist natürlich geschlossen, denn es ist Sonntag. Und nicht nur das. Es ist auch spät abends, plötzlich, ohne mein Zutun. Einen Fuß vor den anderen setzend versuche ich Vogelstimmen zu imitieren, doch aus meiner Kehle kommen nur Liebesschwüre; ungerichtet, ungewollt, mit breiter Streuung quer durch meine Erinnerungen. Jupiter und Venus sind verschwunden, untergegangen zwischen rotgrauen Satteldächern und Hausgiebeln, unter denen verschwommen gelebt wird.
Wie schön sind die Dinge, wenn sie plötzlich verschwinden. Ihr Echo hinterlässt ein Erschauern, ein leises Sehnen, das zieht und summt und winzige Teilchen von mir fortträgt in einem nichtendenwollenden Strom. Ausgedünnt bietet man selbst dem stärksten Orkan kaum noch Widerstand, wütend tobt er von dannen, anderes zu entzweien.

Sonntag, 26. Februar 2012

Erwartung (Na sowas VII)




"Ist das der Abendstern, da oben?", fragte Karla und deutete fast senkrecht in den Himmel. Der rechte Jackenschoß wurde durch die Bewegung etwas emporgehoben und entblößte ihren Oberschenkel.


Ich lag immer noch auf dem Rücken und musste meinen Kopf überhaupt nicht bewegen, um in die Richtung zu schauen, in die sie deutete.

"Nein", sagte ich, "das ist Jupiter. So weit von der Sonne weg kann der Abendstern, also Venus, sich niemals aufhalten."

"Warum denn das?"

"Die Venus ist ja viel näher dran an der Sonne als die Erde. Stell dir einen großen Parkplatz vor mit einem Lagerfeuer in der Mitte, das ist die Sonne. Du selber, als Erde, wanderst in hundertfünfzig Meter Entfernung im Kreis um das Feuer. Dabei beobachtest du einen verrückten Indianer, der mit einer Friedenspfeife und einer Flasche Old Turkey ebenfalls im Kreis um das Feuer tanzt, aber viel näher dran, also auf einer viel kleineren Kreisbahn."

"Warum ein Indianer? Es könnte sich doch auch um einen Hausmeister oder einen Pädagogen handeln!"

"Ja, sicher. Aber der Parkplatz ist gigantisch. So große Parkplätze gibt es nur um diese Riesenmalls herum wie man sie in Amerika antrifft. Ich vermute, ich habe die Begriffe Amerika, Mall, Horizont und Feuer aus derselben Kiste geholt, in der auch das Wort Indianer noch drinnen war. Der ist dann einfach mit rausgeflutscht."

"Das ergibt einen gewissen Sinn."

Oha, dachte ich da bei mir. Hat sie nun den Anglizismus ´Sinn machen` absichtlich vermieden? Und wenn ja, warum? Weil es ihr ein inneres Bedürfnis war, oder um mich zu beeindrucken? Aber weshalb sollte sie mich beeindrucken wollen? Ich drehte den Kopf etwas zur Seite, um einen besseren Blick auf ihre Beine zu haben. Sie waren muskulös, aber nicht übermäßig. Leicht gebräunt. Etwas schimmerte darauf. Das war mir vorher nicht aufgefallen, als das Licht noch heller gewesen war. Winzige, kaum wahrnehmbare Reflexe. Ich verdrehte mich etwas, um in meiner liegenden Position einen größeren Überblick zu bekommen. Das Licht war jetzt sehr diffus, der Himmel dunkel und nur über dem westlichen Horizont war noch ein rötliches Glimmen wahrzunehmen. Ich richtete meinen Oberkörper auf und stützte mich auf einen Ellbogen. Jetzt war es klar. In dem Maße, wie der Himmel dunkler wurde, gewann die gefrorene Zeitschale unter uns an Helligkeit. Meine Augen waren durch das Hochschauen an die Schwärze des Himmels gewöhnt, jetzt wurde ich fast geblendet von dem strahlenden Weiß des erstarrten Atompilzes. Die mäandernden Fluktuationen des Zeithorizonts waren es, welche die Reflexionen auf den kaum sichtbaren blonden Härchen auf Karlas Beinen verursachten. Sie waren so fein und hell, dass ich ihre Beine unwillkürlich für rasiert gehalten hatte.
Nach etwa einer Minute kam ich wieder zu mir und merkte, dass sie mich anschaute. Ich wendete beschämt den Blick ab von ihren Beinen, obwohl ich genaugenommen nicht den Eindruck hatte, dass es sie störte. Ich legte mich wieder lang auf den Rücken.

"Was ist denn nun mit dem Indianer und dem Parkplatz?", fragte sie.

"Achso, ja, also Venus, der Abendstern, ist der Indianer, der viel näher um das Feuer tanzt als du. Wenn du zu ihm hinschaust, wirst du ihn aus deiner Perspektive also immer links vom Feuer sehen oder rechts davon oder irgendwo dazwischen. Aber niemals hinter dir, wenn du zum Feuer siehst. Du wirst ihn also niemals um Mitternacht über dir sehen, wenn du sozusagen mit dem Rücken zur Sonne stehst, die dann ja grade auf der anderen Seite der Erdkugel scheint."

"Das klingt logisch", meinte Karla, "dann ist für einen Beobachter auf der Erde der Winkelabstand des Abendsterns von der Sonne also vorgegeben durch seinen Bahnradius. Wie groß ist dieser maximale Winkel bei der Venus?"

Ich war beeindruckt. So schnell hatte das noch keiner verstanden, dem ich diesen Sachverhalt zu erklären versuchte.

"Die maximale Elongation bei der Venus beträgt 47°", sagte ich. "Das heißt, ist der Winkelabstand zur Sonne maximal, geht Venus ungefähr drei Stunden nach der Sonne unter. Manchmal dauert es auch ein wenig länger, da die Umlaufbahnen und Rotationsachsen alle mehr oder weniger gegeneinander gekippt sind. Aber 3 Stunden maximale Sichtbarkeit kommen ungefähr hin."

"Also ist die Venus, wenn sie sich vom Beobachter aus betrachtet links, genaugenommen östlich der Sonne befindet, Abendstern? Weil sie ihr dann am Himmel nachfolgt und nach ihr untergeht?"

"Genau!", rief ich begeistert und richtete mich wieder halb auf. "Und morgens ist es genau umgekehrt. Da eilt sie der Sonne voraus, weil sie sich rechts, das heißt, westlich von ihr befindet. Sie geht morgens vor der Sonne auf und ist dann ein paar Stunden sichtbar, bevor auch die Sonne aufgeht und die Venus in der Tageshelligkeit verblasst."

"Wie kann sie abends östlich der Sonne sein und morgens westlich von ihr?"

"Oh, entschuldige", stammelte ich. "Natürlich nicht am nächsten Morgen danach. Erst muss die Venus einmal halb um die Sonne herumgewandert sein, auf die andere Seite sozusagen. Daher ist die Venus immer etwa ein halbes Jahr lang Abendstern, dann, nach etwa einem Monat, ein halbes Jahr lang Morgenstern. Immer im Wechsel. Unsichtbar ist sie natürlich immer dann, wenn sie gerade entweder vor oder hinter der Sonne vorbeizieht."

"Hm", sagte Karla, "dann kreist Jupiter dort oben wohl ausserhalb der Erdbahn um die Sonne? ich bringe die Planetennamen immer durcheinander."

"Ja genau. Weil Jupiter weiter von der Sonne weg ist als die Erde kann er der Sonne am Himmel auch mal gegenüberstehen. Zum Beispiel im Osten aufgehen, wenn die Sonne im Westen untergeht, oder um Mitternacht hoch am Südhimmel prangen, wenn die Sonne tief unter uns auf der anderen Seite der Erdkugel scheint."

"Ich würde mich ja gerne noch weiter darüber unterhalten", sagte Karla, während sie ihren Blick über das Firmament über uns schweifen ließ. "Aber es wird Zeit!"

"Zeit? Wofür?" fragte ich verwundert.

Aber Karla antwortete nicht. Sie stand lediglich von ihrem Liegestuhl auf und kam die beiden Schritte zu mir herüber. Sie kümmerte sich nicht mehr um den korrekten Sitz der Jacke, die ich ihr geliehen hatte und die jetzt vorne weit aufklaffte. Sie stellte sich über mich und schaute zu mir herunter. Ich konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, glaubte aber leichtes Interesse an mir erkennen zu können. Vielleicht war es aber auch nur allgemeines Desinteresse an den diversen Weltlinien, die hier oben kaum noch zu erkennen waren. Langsam ging sie über mir in die Hocke, ich hatte gerade noch genug Zeit, meine Hose aufzunesteln.

Ein leichtes Vibrieren drang an meinen Rücken, gefolgt von einem kaum vernehmbaren, aber seltsamerweise trotzdem sehr machtvollen "Pling" irgendwo tief unter uns. Ich spürte sofort die Beschleunigung. Winzig kleine Feuerbälle drangen um uns herum aus der Zeitrinde und stoben wie Silvesterraketen nach oben, leuchtende Farbspuren hinter sich lassend. Die Luft war erfüllt von statischer Elektrizität, Karlas Haare standen wild in alle Richtungen von ihrem Kopf ab. Der Himmel wurde so pechschwarz, wie ich ihn in tiefsten Nächten nie gesehen hatte, die Sterne hörten auf zu funkeln und strahlten ruhig und gelassen. Die Atmosphäre liegt also bereits unter uns, dachte ich mir. Egal. Da lag noch viel mehr. Ich hatte ihr nicht von dem Irren unter dem Stein erzählt. Jetzt war ich mir nicht mehr sicher, ob diese kleine Episode überhaupt stattgefunden hatte. Andererseits war sie meine letzte Erinnerung an ja was? Die Erdoberfläche?
Karla beugte sich etwas nach vorne, ihre Haarspitzen berührten mein Gesicht. Hinter ihrem Kopf, zwischen den Sternen, leuchtete ein einzelner blaugrüner Feuerball. Mit einem weiteren leisen Pling riss die Zeitschale, und das Licht trug uns davon.

Samstag, 4. Februar 2012

Mal sehen



Ich würgte. Ich spuckte. In meinem Kopf tobte eine Kakophonie dissonanter Töne. Dann wohlige Dunkelheit, der Radau ebbte ab und machte leisen Liedfetzen platz, die aus weiter Ferne in mein Hirn drangen. Als schliefe ich in einer kleinen Hütte oben auf den Klippen und drunten in der Bucht wird unter bunten Laternen eine Strandparty gefeiert. Je nach Windrichtung ist die Melodie mal leiser, mal etwas lauter, doch nie so laut, dass ich das Lied erkennen könnte. Ich stelle mir vor, wie der böige Wind die Flammen des Lagerfeuers peitscht und sie in alle Richtungen peitscht und lodern lässt. Ich möchte aufstehen und hinuntergehen, doch meine Glieder folgen nicht meinem Willen. Der Traumanteil an meinem Bewusstsein ist noch zu groß, und nur langsam dämmert mir, dass es gar keine Bucht gibt und keine Hütte. Nur eine zehn Kilometer große weiße Murmel unter blauem Abendhimmel. Ein in der Zeit gefrorener Atompilz.


"Ich bin Malerin. Künstlerin", sagte eine Stimme nicht weit von mir, "jedenfalls war ich das einmal".

Ich wollte die Augen öffnen, doch meine Lider waren schwer wie LKWs. Vielleicht sollte ich schreien, überlegte ich, aber mir war nicht nach schreien. Schließlich tat mir nichts weh und kein Monster bedrohte mich. Also wozu unnötig Aufmerksamkeit erregen? Die Situation war sowohl ermüdend als auch unbefriedigend.

"Vielleicht ist meine Arbeit schuld daran, dass ich jetzt hier bin. Sie muss schuld daran sein. Was sonst könnte mich in diese Lage gebracht haben? Ich habe nichts Aussergewöhnliches getan ausser meiner Arbeit. Also, so viel ist klar. Hm"

Jetzt wollte ich aufstehen und Fragen stellen. Ich erinnerte mich. Der Liegestuhl auf der Murmel, die angeblich ein Atompilz war. Auf dem Liegestuhl die nackte Frau, der ich meine Jacke lieh und die ich Karla nennen durfte. Ich konnte murren. Mehr ein Knurren. Schreien, geschweige denn reden, konnte ich nicht. Ich konzentrierte mich auf meinen rechten kleinen Finger. Nein, lieber den Zeigefinger. Er bewegte sich. Dachte ich jedenfalls. Wozu sich eigentlich bewegen, wenn es ohnehin nichts zu tun gab? Ich beschloss, meine Anstrengungen aufzugeben und einfach abzuwarten, bis ich richtig und sozusagen von alleine, durch einen natürlich Lauf der Dinge, aufwachte.

Etwas stubbste mich in meine Seite. Es war weder unangenehm hart noch zärtlich weich. Aber es konnte stubbsen, und das gleich zweimal. Mein Traumbewusstein zerbarst wie eine Seifenblase im Ascheregen. Ich war wach, konnte meine Augen öffnen, meinen Kopf drehen, meine Hände bewegen.

"Na, endlich wach?", fragte sie.

"Hmm...mmm"

"Bist du irgendwie krank? Das hörte sich gar nicht gut an eben"

"Nein, ist alles in Ordnung, so wache ich immer auf. Wie lange habe ich geschlafen?"

Ich erinnerte mich, wie ich von dem Liegestuhl aufgestanden war und mich auf die mattweiße Zeitfläche, die den gefesselten Atompilz umschloss, gelegt hatte. Ich musste sofort eingeschlafen sein.

"Schwer zu sagen, höchstens fünf Minuten", sagte Karla achselzuckend.

Da ich immer noch auf dem Rücken lag, ließ ich erstmal den Abendhimmel auf mich wirken. Er war nun fast schwarz und mit meinen alten Bekannten übersät. Seltsam, dachte ich, die Dämmmerung scheint viel weiter fortgeschritten zu sein als nur fünf Minuten. Ich sah zu Karla hinauf. Sie hatte sich leicht vorgebeugt und fuhr mit ihren Händen massierend ihre Schienbeine auf und ab, fast wie in Trance. Ich sollte sie nach dem seltsamen Alten fragen, dachte ich bei mir. Und woher der Liegestuhl stammte, warum sie keine Kleidung trug ausser meiner Leihjacke und warum sie nicht primatenmäßig auf den Boden trommelnd umhertanzte ob der grandios absurden Situation, in der wir steckten. Dabei war alles so einfach. Unten der Atompilz, oben der Himmel. Dazwischen wir beide. Banaler ging es fast nicht mehr.


Donnerstag, 2. Februar 2012

Erde an Moves



Draußen weht der Ostwind feinen Schneestaub vom Dach,
in weißen Geisterwolken wirbelt er am Fenster vorüber

Ich denke in Sternen
und fühle in Monden

Dienstag, 17. Januar 2012

Januarmoosung



Nach dem "Gott des Gemetzels" gingen wir noch in eine Weinstube. Ich trank einen Milchkaffee und einen gewöhnlichen Kaffee, sie bestellte ein Glas Rotwein.


"Und was hast du heute sonst noch so gemacht?"

"Kurz bevor ich dich abholte war ich noch joggen. Dabei habe ich eine Moosung durchgeführt"

"Eine .... was?"

Sie schien tatsächlich verunsichert. Ängstlich verunsichert, nicht neugierig verunsichert. `Was kommt denn jetzt´, schien sie zu denken, `hoffentlich nix Ekelhaftes´.

"Eine Moosung", wiederholte ich und fing an zu erklären:

"Meine Joggingstrecke führt an einer kleinen Anhöhe vorbei. Oben auf der Anhöhe steht ein Wasserpumphäuschen, das rundherum mit Erde bedeckt und begrünt ist". Dass das ganze von weitem wie eine weibliche Brust mit aufgerichteter Warze aussieht ließ ich erstmal noch unerwähnt.

"Das Gras auf der Südseite des Pumpenhaushügelchens ist angenehm mit Moos durchsetzt. Wenn man sich darauf legt kühlt man von unten nicht aus."

"Aha"

"Ja. Denn eine richtige Moosung kann nur bei böigem, eisigem Ostwind durchgeführt werden. Ob der Himmel nun bedeckt ist oder wolkenlos ist dabei nicht so wichtig."

Ich wartete kurz auf eine Erwiderung, aber als keine kam, fuhr ich fort:

"Ich bin also von meiner Joggingstrecke runter und den kleinen Abstecher zu meiner Moosungsstelle gelaufen. Es war ungefähr zehn Minuten vor Sonnenuntergang. Als ich von zu Hause losgelaufen war fröstelte ich noch etwas wegen des kalten Windes, doch bei der kleinen Anhöhe angekommen war mir schon längst angenehm warm. Ich legte mich auf den kleinen Abhang auf das isolierende Moos und streckte alle Viere von mir. Über mir spannten sich die kahlen Äste des Bergahorns, der direkt neben dem Pumpenhäuschen steht. Der Eiswind aus den Steppen Russlands pfiff und rauschte durch den Ahorn, doch ich lag windgeschützt und warm."

Ich legte eine Kunstpause ein und nippte von meinem Kaffee. Sie schaute interessiert, doch sagte nichts.

"Moosungen können nur im Winter durchgeführt werden. Im Sommer ist das Gras zu hoch, und selbst wenn es gemäht ist muss man ja befürchten, von den Zecken aufgefressen zu werden. Ausserdem gibt es im Sommer nicht diesen dramatischen Gegensatz zwischen brausendem Eiswind und wohliger Laufhitze. Ich liege dann immer da auf dem Moos, höre dem Wind zu und betrachte den Himmel durch die schwankenden Äste des Ahorns."

Dass ich dabei manchmal die Finger in das weiche warm-feuchte Moos drücke ließ ich unerwähnt. Ich war mir nicht sicher, ob das nicht als Anspielung missgedeutet werden würde.

"Und da ich die Moosung heute vorgenommen habe, ist es eine Januarmoosung gewesen. Die sind relativ selten, denn oft liegt ja Schnee in diesen Tagen, oder das Moos ist nass. Nasses Moos ist ein Moosungsausschlussfaktor."

"Und wie lange liegst du da dann so?"

"Hm....schwer zu sagen. Höchstens fünfzehn Minuten, denke ich. Länger geht nicht, weil ich dann auskühlen würde. Die dünne Laufjacke hält ja nicht warm auf Dauer, wenn man sich nicht bewegt."

"Sag Bescheid, wen du das nächste Mal zum Moosen gehst, dann laufe ich mit!"

"Ok", sagte ich.

Dann zahlten wir.


Montag, 9. Januar 2012

Ach was



Heute beim Joggen keine Moosung durchgeführt, zu nass. Und die Toten zu unruhig in ihrem Gemergel. Mir war, als würde ein riesiger ausserirdischer Zeppelin die Erde durchqueren. Ein Zeppelin aus glitzerndem Kristall, im Durchmesser nur knapp kleiner als die Erde und gemacht aus einem Material ähnlich Neutrinos, die normale Materie wie nix durchdringen können. Er fliegt frontal auf die um die Sonne wandernde Erde zu, doch anstatt sie zu rammen dringt er einfach durch sie hindurch mit einem kaum wahrnehmbaren mmmhhhchhh. Die Schichtungen aus Toten tief unter uns beginnen hörbar zu schwirren wie die Saiten einer Geige, über die der Bogen streicht.


Als ich das planetengroße Leitwerk an mir vorbei in der Erde verschwinden sehe, denke ich an ein Gedicht, das ich vor Urzeiten ersonnen hatte. Ich glaube, es war irgendwann in den neunzigern des vorigen Jahrhunderts:

Manchmal, wenn man ganz still ist
und sich nicht bewegt,
dann fühlt man, wie die Zeit lautlos
durchs Zimmer schwebt,
fast unbemerkt.
Hebt man die Hand und hält sie
in den unendlichen Strom
sieht man sie faltig und welk werden.
Die Gedanken sind traurig und schwer,
denn das Kind, das man war,
ist verloren

Die nackte Frau neben mir auf dem Liegestuhl, die meine Jacke trägt, sagt nichts. Sie hat ihre Hände im Schoß verschränkt und schaut auf ihre Fingernägel. Ich schaue mich um, doch es gibt nichts anderes zu sehen als Himmel und die weissliche runde Oberfläche des Atompilzes. Schräg hinter mir sinkt Venus, der Abendstern dem Horizont entgegen, rechts über uns ist schon Jupiter zu erkennen. Es handelt sich um die momentan korrekte Konstellation. Aber oberirdische Atomexplosionen werden seit über fünfzig Jahren nicht mehr durchgeführt.

"Wo ist der alte Mann jetzt?" fragte ich.

"Als er mich hier auf den Liegstuhl packte rutschte er mit seinen nassen Badelatschen aus. Aus seiner Manteltasche fiel eine Flasche Scotch. Sie ging aber nicht kaputt, sondern fing an zu rollen, wurde immer schneller, folgte der Schräge. Der Typ rannter hinterher, rutschte nochmals aus, rannte wieder, bis er und die Flasche ausser Sicht waren. Ich nehme an, er ist runtergefallen"

"Hm", machte ich. Schade um den Whisky.

Die Situation war ermüdend. Ich stand von dem Liegestuhl auf und legte mich direkt auf der Zeitfläche auf den Rücken. Droben kamen nun immer mehr Sterne zum Vorschein. Ein warmer Wind wehte, spielte mit Karlas Haaren. Ich wurde nicht schlau aus ihr. Es war egal.


Mittwoch, 4. Januar 2012

Na sowas (IV)

Beim Hinsetzen auf den Liegestuhl hatte ich nicht bedacht, dass sich Karla damit nicht mehr in meinem direkten Blickfeld befand, was ich sehr schade fand. Wie ein romantisches Liebespaar schauten wir nun in eine gemeinsame Richtung, in der es nur leider nicht viel zu sehen gab. Bloß den nahen Horizont des gefrorenen Atompilzes, dahinter der zunehmend erdunkelnde Abendhimmel mit Venus im noch sternenlosen Nichts. Ich überlegte, was ein normal denkender Mensch in einer solch unvorhergesehenen, ja unverhofften Situation tun würde. Vor meinem inneren Auge erschien ein flüchtiger Bekannter, der in der Immobilienabteilung der Raiffeisenkasse arbeitete. Was würde er wohl tun, wenn er Feierabend machte, aus der Tür seines Büros trat und sich plötzlich alleine mit einer schönen nackten Frau auf einem Atompilz wiederfand? Ich wurde nervös, mir fiel keine Lösung ein. Vielleicht wäre es ratsam gewesen, den Irren nicht unter dem Stein zu begraben. Womöglich war er eine Inkarnation des Universums selbst, das jetzt plötzlich stillstand ob meiner brutalen Attacke. Dabei hatte ich doch nur in Notwehr gehandelt, gewissermaßen. Aus einer Stresssituation heraus.
Ich hatte Karla etwas gefragt. Jetzt fiel mir wieder ein, dass sie noch nicht geantwortet hatte. Stattdessen zog sie die Schoßzipfel meiner Jacke enger um sich und ein Stück weiter über ihre Oberschenkel. Ihre Knie berührten sich fast. Ich schätzte, dass der Zwischenraum etwa drei Millimeter betrug. Oder auch fünf. Es war schwer zu sagen aus meiner Perspektive. Ich überlegte, wieder aufzustehen und vor sie hinzuknien, um den Abstand genauer abschätzen zu können und dabei auch gleich herauszufinden, wie es zu diesem kleinen Abstand kam, warum sich die Knie nicht ganz berührten. Nach reiflicher Überlegung fasste ich den Entschluss, dass eine solche Unternehmung im Augenblick wohl doch nicht angebracht ist. Ihre nackten Füße ruhten auf der milchig weißen Oberfläche der Zeitmembran. Ich versuchte es mit einer anderen Frage:

"Ist Ihnen nicht kalt? Sie haben doch bestimmt kalte Füße?"

"Nein, der Boden ist nicht kalt. Fühlt sich eher warm an"

Ich legte meine Hand auf den glasigen Boden mit den zart mäandernden Farbschlieren darin, etwa drei Zentimeter von ihrem linken Fuß entfernt. Sie zog ihn nicht zurück. Ihre Zehennägel waren lackiert, aber nicht auffällig. Ein dezenter rosa glänzender Schimmer verlieh den Nägeln eine gepflegte Durchsichtigkeit.
Die spiegelglatte Oberfläche, auf der wir uns befanden, war wider Erwarten nicht kalt wie Glas.


"Hm....", sagte ich.

"Was ist das Letzte, an das Sie sich erinnern können, bevor Sie hier auf diesem ... Ding ... zu sich gekommen sind?" fragte sie.

"Ich kann mich an alles erinnern", sagte ich. "Ich war nie bewusstlos. Sie etwa?"

Karla räusperte sich. Die Frage schien ihr unangenehm zu sein. Schließlich antwortete sie doch:

"Ich kam zu mir, als mich der alte Mann wie einen Sack auf seinen Schultern hier zu diesem Liegestuhl trug. Ich kam zu mir und fing an, auf ihn einzuprügeln, bis er mich runterließ. Wie sich herausstellte, war er harmlos. Er schrie mich an, er habe mich einige hundert Meter entfernt von hier liegen sehen und sich wegen des dort schon sehr starken Gefälles Sorgen um mich gemacht."

"Er schrie Sie an?"

"Ja, er war fast taub. Schwerhörige Menschen schreien immer. Sein Hörgerät schien kaputt zu sein"

Ich überlegte, woran mich diese Geschichte erinnerte, doch ich kam nicht darauf. "Und dann?"

"Gerade, als wir den Liegestuhl hier erreicht hatten und er mich runterlassen wollte stolperte er über seine blöden Badelatschen."

Ich stützte meinen Kopf in meine Hände und massierte die Schläfen. Zu Hause saßen jetzt mein Engel und sein Zombie bestimmt vor dem Fernseher und schauten sich das Schneegestöber an, das man sieht, wenn man den Antennenstecker zieht. Das war ihr Lieblingsprogramm. Manchmal leistete ich ihnen dabei Gesellschaft. Ich stand auf und ging ein paar Schritte.

"Blaue Badelatschen?", fragte ich.

"Ja"

Montag, 2. Januar 2012

Prominente der Zeitgeschichte, schreiend im Weltall

Heute: Christian Wulff
(Beim Versuch, dem Weltall auf den AB zu rotzen
)