Donnerstag, 28. April 2011

Brehms Tierleben, mit Entenscheiße nachgestellt

Heute: Meerschweinchen (cavia porcellus)




Mittwoch, 27. April 2011

Der kluge Hausmann weiß Rat



Frage:
Kluger Hausmann, ich brauche unbedingt ein probates Mittel gegen Wanderdünen!

Kluger Hausmann: Oh weh, ich fürchte, da muss ich passen. Das Problem ist uralt. Es kommt immer wieder vor, dass ganze Oasen oder Wüstenstädte von Wanderdünen verschüttet werden. Noch nie konnte das über einen längeren Zeitraum und mit vertretbarem Aufwand verhindert werden.

Aber ich bin doch keine Oase und auch keine Wüstenstadt, ich habe vielmehr mit innerhäusigen Dünen zu kämpfen. Um das Haus, in dem ich wohne, stehen nämlich einige hohe Fichten herum, die derzeit alle in voller Blüte stehen. Nun wechselten vor einiger Zeit die eridanischen Windsimulanten in diese Fichten, da sie offenbar der Pappel überdrüssig geworden waren. Jedesmal, wenn sie nun die Fichten zum windtypischen Brausen bringen wollen, fallen ganze Blütenstaubkaskaden wie Wasserfälle nach unten und werden ins Haus geweht. Da sammeln sich die Pollen dann erst großflächig auf Fußböden und Möbeln, ehe erste Akkretionen entstehen und schließlich die ersten kleinen Dünen aus ihren Ecken kommen um rasch anzuwachsen und sich zu vereinigen. Ein Rucksack, den ich an der Wand in einem Zimmer deponiert hatte, wurde bereits verschlungen, dabei liegt mein Handy darin!

Kluger Hausmann: Hm, als erste Sofortmaßnahme empfehle ich, die Fenster zu schließen! Ohne Materialnachschub und vor allem ohne Windantrieb kommt bald jede Düne zum Stehen.

Schon ausprobiert. Ich muss aber sagen, dass das sehr unangenehm war. Was gibt es Schöneres, als im Frühjahr nach all dem Wintermief die Fenster alle aufzureissen und den Wind durchs Haus wehen zu lassen? Ich kann doch bei diesem Traumwetter nicht alles verrammeln.

Kluger Hausmann: Schon mal an Kehrschaufel und Staubsauger gedacht?

Aber ja. Besen und Kehrschaufel scheiden leider aus, da ich beim Versuch, die Dünen zusammenzukehren, beinahe erstickt wäre. Die Aufwirbelungen waren einfach zu stark. Erschwerend kommt hinzu, dass die Dünen sich mittlerweile auch Staubmäuse, alte Notizzettel, geknüllte Tempotaschentücher, kaputte Kugelschreiber und Bestandteile getrockneter Entenscheiße einverleibt haben.

Kluger Hausmann: Was sprach dagegen, den Rucksack in Sicherheit zu bringen, ehe er von der Düne verschlungen wurde?

Das mit dem Rucksack war wie verhext. Ich ging zwar mehrmals täglich daran vorüber, und ich dachte mir auch jedesmal, ich sollte ihn vielleicht besser woanders hintun, aber dann hatte ich doch immer gerade etwas wichtigeres im Kopf, und ich dachte, ich stelle ihn später dann woanders hin. So verging halt ein Tag nach dem anderen, und plötzlich war er verschwunden, und mit ihm mein nagelneues Handy.

Kluger Hausmann: Und was war mit dem Staubsauger?

Ach, der. Ich saugte und saugte und es füllte sich ein Beutel nach dem anderen, aber ein nennenswerter Fortschritt in meinen Bemühungen konnte ich nicht feststellen. Und diese Beutel kosten schließlich ein Schweinegeld!

Kluger Hausmann: Vielleicht gibt es doch einen Weg, der Lage noch Herr zu werden. Aber zuerst muss ich wissen, ob die Fenster und Türen immer geöffnet sind, bei jeder Windrichtung?

Natürlich. Sobald schönes Wetter ist, mache ich alles auf, was geht. Auf die Windrichtung habe ich noch nie geachtet.

Kluger Hausmann: Dann habe ich eine Idee. Ganz ohne Einschränkungen wird sie sich allerdings nicht durchführen lassen. Wenn Ihr Haus jedoch bewohnbar bleiben soll, bleibt Ihnen vermutlich nichts anderes übrig.

Ich bin für jeden Vorschlag dankbar. Mittlerweile sind schon meine halbe Garderobe verschwunden , fast alle Schuhe und von der Katze, die regelmäßig hereinkommt fehlt seit Tagen nun auch jede Spur.

Kluger Hausmann: Also, ich schlage vor, Sie öffnen Türen und Fenster nur noch bei einer bestimmten Windrichtung und nicht mehr wahllos. Schauen Sie zuerst auf einer Wetterkarte, aus welcher Richtung bei Ihnen der Wind meistens weht, und nur dann lassen Sie den Wind durchs Haus wehen. Wenn die Dünen nur noch in eine einzige Richtung wandern, werden sie früher oder später das Haus verlassen und Ihr Rucksack und all die anderen verschlungenen Dinge werden wieder zum Vorschein kommen. Ich fürchte nur, dass leichtere Sachen wie etwa Notizzettel, leere Joghurtbecher, Kontoauszüge und Kondombriefchen auf Nimmerwiedersehen mit den Dünen fortwandern werden.

Danke, Kluger Hausmann, das ist eine hervorragende Idee! Und die Kondome haben ihr Haltbarkeitsdatum sowieso längst überschritten!





Mittwoch, 20. April 2011

Wenn´s regnet (XII)



Die Welt bestand nun nicht mehr aus Dunkelheit und Rauschen, sondern aus Dunkelheit und leisem Rieseln. Und dem allgegenwärtigen, eine handbreit tiefen Ozean. Seltsamerweise vermochte Namensuchmann dem Wasser keine bestimmte Temperatur zuzuordnen. Es fühlte sich nicht unangenehm kalt an, war aber auch meilenweit davon entfernt, angenehm warm zu sein. Die nassen Klamotten allerdings, die Namensuchmann am Körper klebten und ihm um die Beine klatschten, waren sehr unangenehm. Genaugenommen wäre er ohne Kleidung besser dran gewesen, denn im Moment störte sie mehr als dass sie wärmte. Aber sollte es zu irgendeiner Konfrontation mit wem auch immer kommen, dann war es immer beruhigender, ein paar Sachen am Leibe zu tragen. Wer trat dem Unbekannten schon gerne in Unterhosen entgegen?

Nach etwa zwei Metern Kriechstrecke auf der neuentdeckten Abzweigung horchte Namensuchmann auf. Seine Ohren waren immer noch etwas brummig wegen des fast ohrenbetäubenden Rauschens des Regens, das nun diesem leisen Rieseln der dicken Schneeflocken gewichen war. Er drehte den Kopf zur Seite. Nun war es eindeutig. Das platschende und plumpsende Geräusch von Füßen, die durch flaches Wasser treten. Nicht sehr schnell allerdings, eher gemächlich. Das Geräusch kam näher.

Namensuchmann fühlte sich schon nach dem Fahrer rufen, doch es war lediglich der Wille dazu, ein erstes Klarmachen der Kehle nach langem Schweigen. Der Affe! Es könnte auch der Affe sein. Namensuchmann biss die Lippen zusammen, damit sie ja keinen Laut durchließen. Er kauerte sich auf die Linie, auf allen Vieren. Er würde es erfahren. Sehr bald. Sein Herz raste und pochte bis zum Hals. Er wusste nicht genau, warum er nicht einfach so schnell er konnte in die Dunkelheit hinauskroch, weg von diesen unheimlichen Schritten. Natürlich wäre das zu hören gewesen. Das leise Rieseln des Schnees war im Gegensatz zum lauten Rauschen des Regens nicht geeignet, selbst kleinste Platschgeräusche zu übertönen. Wer immer da hinter ihm herging, es war möglich, dass seine Anwesenheit noch unentdeckt war. Nur, was nützte das, wenn der verkappte Yeti über ihn stolperte?

Namensuchmann schwitzte und lauschte. Platsch platsch platsch... er versuchte, dem Geräusch eine Richtung zu geben, drehte seinen Kopf von einer Seite zur anderen. Es kam nicht näher, soviel schien ihm nun sicher. Es war zuerst zwar lauter geworden, doch dann blieb es konstant und veränderte nur leicht die Richtung, als ob das Wesen, oder die Person, im Kreis um ihn herumzugehen schien.
Nein, jetzt wurden die Schritte eindeutig wieder leiser. Sie entfernten sich. Namensuchmann versuchte, sich zu orientieren. Er befand sich auf einer Abzweigung der Linie, die vom Bentley in Richtung des Abgrundes führte. Die Schritte schienen genau jener Linie zu folgen, weg vom Bentley. Wenn Namensuchmann nicht die Abzweigung genommen hätte, sondern direkt zurück zum Auto gekrochen wäre, dann wäre ein Zusammentreffen unvermeidlich gewesen. Namensuchmann erschauerte bei dem Gedanken.

Der Abgrund! Wenn nun der Fahrer orientierungslos an ihm vorbeitorkelte und in den Abgrund stürzte? Er wollte rufen. Doch dann war plötzlich wieder das Bild da von dem riesigen Affen, der den Bentley durchsuchte. Affen gehen aber schneller. Auch in absoluter Dunkelheit? Bewegen sich Affen überhaupt fort, wenn es absolut dunkel und dazu noch klitschnass ist überall? Die Schrittgeschwindigkeit des unbekannten Wesens schien eher auf einen Menschen hinzudeuten. Doch worauf konnte man sich schon verlassen an einem solchen unmöglichen Ort?


Namensuchmann sagte nichts.

Der Schrei, der dann folgte, war nicht menschlich. Es war nur ein kurzer Schrei, ein Schrei aus Wut und Überraschung, und entschieden zu tierisch. Wasser wurde aufgepeitscht und aufgewühlt. Nach ein paar Momenten kamen sogar kleine Wellen bei Namensuchmann an. Nach zwei letzten Klatschern und einem gurgelnden Würgen war plötzlich alles vorbei. Nur der Schnee rieselte weiter vom Himmel, durch tintenschwarze Dunkelheit.

Montag, 18. April 2011

Der kluge Hausmann weiß Rat



Frage:
Kluger Hausmann, ich fühle mich zur Zeit so schlapp und ohne jeden Tatendrang. Ist das Krebs?


Kluger Hausmann: Nicht unbedingt. Aber der Reihe nach: Ich nehme mal an, offensichtliche Ursachen wie ein naher Todesfall oder drohende Zwangsräumung der Wohnung scheiden aus?


Aber ja, da ist alles im grünen Bereich. Neulich ist sogar jemand gestorben, den ich überhaupt gar nicht mochte. Da war ich mal kurz euphorisch, aber das hielt nicht lange an.


Kluger Hausmann: Solche Emotionen sind wie Strohfeuer schnell wieder verflogen und nicht von Dauer. Wie sieht es denn mit genügend Schlaf aus?


Mit dem Schlaf habe ich keinerlei Probleme. Sobald ich mich fünf Minuten in der Horizontalen befinde, schlafe ich ein.


Kluger Hausmann: Viele Menschen fühlen sich von den typischen jahreszeitlichen Wetterumschwüngen überfordert. Da macht der Kreislauf dann gerne mal schlapp.


Ich gehe regelmäßig zum Joggen. Kreislaufmäßig dürfte daher alles ok sein.


Kluger Hausmann: Hm...haben Sie sich vielleicht in einem mittelständischen Gewerbegebiet aufgehalten, an einem sonnigen Sonntagmorgen? Das würde so einiges erklären, wenn nicht sogar alles.


Ich bin öfters im örtlichen Gewerbegebiet, da gibt es einen ALDI und einen ATU-Reifenservice. Aber sonntagmorgens war ich da noch nie. Jedenfalls nicht wissentlich. Allerdings wurde mir früher öfters vorgehalten, ich würde schlafwandeln. Aber da ich das Auto benutzen muss, um dorthin zu kommen, scheidet diese Möglichkeit wohl aus. Oder kann man im Schlaf auch Auto fahren?


Kluger Hausmann: Das glaube ich nicht. Autofahrten im Schlaf sind meist von recht kurzer Dauer. Aber ich habe da so eine Ahnung. Joggen Sie gerne abends, in der Dämmerung?


Ja, am liebsten, wenn es dunkel wird und die ersten Sterne rauskommen. Aber woher wissen Sie das?


Kluger Hausmann: Ich bin mir noch nicht ganz sicher, aber ich vermute, Sie leiden an KPS, dem KeinPlanetenSyndrom. Es befällt nur Menschen, die sich gerne abends draußen aufhalten oder Sport treiben. Man gewöhnt sich daran, dass bei Einbruch der Nacht mindestens ein heller Planet am Himmel zu sehen ist. Entweder der Abendstern im Westen, oder Mars und Jupiter . Es ist beruhigend und fördert das emotionale Gleichgewicht, mindestens einen dieser Wandelsterne über sich zu wissen. Und ehe man sich versieht, geht es nicht mehr ohne. Sind sie jedoch nicht zu sehen, stellt sich ein Gefühl der Leere und Schutzlosigkeit ein, gepaart mit Verlust- und Versagensängsten. Im März hat sich mit dem strahlenden Jupiter der letzte Planet von unserem Abendhimmel verabschiedet, seither sind nur noch Fixsterne zu sehen. Ausser Sirius können die es aber an Helligkeit nicht mit den Planeten aufnehmen.


Aber was kann man denn dagegen tun?


Kluger Hausmann: Dagegen ist leider kein Kraut gewachsen. Eine gewisse Linderung verschafft man sich, wenn man sich statt in der Dämmerung lieber spät nachts draußen aufhält und joggt oder anderweitigen Sport treibt. Dann sind auch die Fixsterne relativ beeindruckend und können ein ähnliches Gefühl der Geborgenheit vermitteln wie die strahlenden Planeten.


Hm...spät nachts habe ich aber Angst, vergewaltigt zu werden oder einer Wildschweinrotte in die Quere zu kommen. Gibt es keine andere Lösung?


Kluger Hausmann: Ich fürchte, nein. Zwar ändert Saturn seine Sichtbarkeit dermaßen, dass er bald auch früher am Abend schon gut zu sehen sein wird, aber für einen Planeten ist er relativ unscheinbar und daher keine große Hilfe. Mars und Jupiter sind derzeit noch hinter der Sonne. Venus zieht sich langsam vom Morgenhimmel zurück und schickt sich an, ebenfalls hinter der Sonne zu verschwinden. Erst im Oktober entwickelt Jupiter eine nennenswerte Abendsichtbarkeit, Mars noch später, und Ende des Jahres kommt dann auch Venus als Abendstern hinzu.


Oooch menno, das dauert ja ewig. So ein Scheiß.


Kluger Hausmann: Da kann man leider nix machen. Doch Anfang nächsten Jahres geht es dafür dann richtig ab, dann steht der abendlichen Joggerei unter einem planetengeschwängerten Himmel nichts im Wege. Kulturelle und soziologischdynamische Prozesse werden sich ungemein beschleunigen und große Veränderungen herbeiführen.


Ich weiß nicht, ob ich so lange durchhalte.


Kluger Hausmann: Sie müssen sich derweil andere, kleinere Freuden des Alltags suchen, erkennen und auch gönnen. Ich z.B. bin morgens immer über alles Maßen erfreut und für den Tag gestählt, wenn ich für meinen Morgentee in die Besteckschublade greife und ohne großes Suchen zufällig einen meiner beiden Lieblingsteelöffel erwische. Die sind nicht so rund wie alle anderen, sondern eher oval und daher ungemein mundschmeichlerisch. Ich vermute, es sind auch die ältesten meiner Teelöffel. Ich hüte sie wie einen Schatz.


Na gut, ich werde mal schauen, ob ich was Schönes finde. Aber erstmal vielen Dank, kluger Hausmann!



Mittwoch, 13. April 2011

Mitternächtlicher Besuch




Ich schaute auf die Uhr. Sie bemerkte meinen Blick.

"Kommt noch was im Fernsehen? Oder hast du noch etwas vor", fragte sie.

"Wie man´s nimmt. Ich habe noch ein Rendezvous"

"So spät noch? Ist doch bald Mitternacht"

"Ha ja, aber ich muss nicht wegfahren, es findet hinterm Haus statt"

"Du hättest mir sagen können, dass noch Besuch kommt. Hier sieht es doch aus wie Sau"

"Keine Sorge, der Besuch kommt nicht rein. D.h...wie man´s nimmt. Irgendwie kommt er doch rein. Das wird sich nicht vermeiden lassen"

"Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen und sag schon, wer es ist!"

"Es ist kein `wer´, sondern ein `was´."

"Herrgott nochmal..."

"Es ist ein Photon. Ein Photon vom Saturn. Es wurde vor fast 40 Minuten von einem Elektron emittiert, als es von einer hohen auf eine niedere Orbitalschale eines Schwefelatoms in der äusseren Saturnatmosphäre geplumpst ist. Seitdem rast es mit Lichtgeschwindigkeit Richtung Erde." Ich schaute nochmals auf die Uhr. "Im Moment passiert es gerade die Jupiterbahn. Wenn es nach vorne in Flugrichtung guckt, kann es die Erde sehen, als gleissend-bläulichen Lichtpunkt in der Schwärze des Universums."

"Ach, ist das romantisch. Ich werde immer ganz rollig, wenn du solche Sachen sagst. Haben wir noch Zeit für einen Quickie, ehe dein Photon hier eintrudelt?"

"Hm...", ich schaute nochmals auf meine Armbanduhr. Das Photon musste inzwischen an den ersten Brocken des Asteroidengürtels vorbeigekommen sein.

"Klar"

Nach der kurzen, schwitzigen Angelegenheit nahm ich meine abgelegte Uhr wieder vom Beistelltisch und kontrollierte den Zeitablauf. Das Photon war inzwischen schon innerhalb der Marsbahn, die Erde schon eine deutlich wahrnehmbare, blaue Sichel.

"Worüber so ein Photon wohl nachdenkt, wenn es so alleine durchs All fliegt?", fragte sie. Ich betrachtete ihren verschwitzten Körper.

"Nun, genaugenommen hat es gar keine Zeit, etwas zu denken. Da es mit Lichtgeschwindigkeit fliegt, steht die Zeit für das Photon still. Die Zeit vergeht nicht, wenn man mit c reist. Man bricht auf, und in demselben Moment ist man auch schon angekommen. Selbst wenn man das gesamte Universum durchquert hat."

"Aber was ist mit der kosmischen Hintergrundstrahlung? Dem Überbleibsel vom Urknall? Diese Photonen fliegen doch schon über 13 Milliarden Jahre durchs All"

"Spielt keine Rolle. Für das Photon vom Urknall ist keinerlei Zeit vergangen, wenn es auf einen Detektor hier auf der Erde trifft und von einem Physiker analysiert wird. Für uns war es 13 Milliarden Jahre unterwegs, für das Photon selbst ist keine Zeit vergangen."

"Komm, verarsch mich nicht"

"Doch doch, das ist Fakt. Einsteins Relativitätstheorie besagt nichts anderes! Wir bewegen uns alle mit Lichtgeschwindigkeit durch die Raumzeit. Unser Weg hat dabei zwei Geschwindigkeitskomponenten. Eine in Richtung des Raums, die andere in Richtung der Zeit. Je kleiner unsere Geschwindigkeit durch den Raum ist, desto schneller bewegen wir uns durch die Zeit. Andererseits bewegen wir uns immer langsamer durch die Zeit, je schneller wir uns durch den Raum bewegen. Stehen wir still, bewegen wir uns mit Maximalgeschwindigkeit durch die Zeit. Bewegen wir uns mit Lichtgeschwindigkeit durch den Raum, wie etwa ein Photon...." (bei dem Wort Photon schaute ich nochmals auf die Uhr) "... ist unsere Bewegung durch die Zeit null!"

"Das hört sich ziemlich irre an. Und sehr anregend. Wir können das ja nachher noch etwas vertiefen..."

"Nichts lieber als das. Aber jetzt muss ich los"

Ich trat durch die Hintertür ins Freie. Die Nacht war kalt und sternenklar. Bald würde ich frösteln. Mein Photon war nun schon ganz nah. Es passierte den Mond in weniger als einem Augenblick. Ich hob meinen Kopf, es drang in mein Auge, ich sah Saturn hoch im Süden. In meinem Sehnerv gab es einen winzigen Energiesprung, als das Photon auf meine Netzhaut traf. Ich atmete tief ein. In meiner Nase ein Duft nach Liebe und Wärme.




Sonntag, 10. April 2011

Geißeln der Menschheit, mit Entenscheiße nachgestellt

Heute: Cholera




Das Pflaster auf dem großen Zeh zeugt mitnichten von einem unangenehmen Nagelpilz, sondern vielmehr davon, dass man nicht in offenen Sandalen wild wuchernden Strauchrosen zu Leibe rücken sollte.


Dienstag, 5. April 2011

Nein nein nein



Ein gellendes "NEIN" dem Universum ins Gesicht gebrüllt. Doch trotz der Erregung eine Spur Verlegenheit wegen der Speichelfäden, die diesem nein voranflogen und folgten.
"Seltsam", dachte ich fast im selben Moment, "da waren doch gar keine p-, s- oder sonstige Zischlaute dabei. Woher also der ganze Schmodder?"
Das Universum schien sich jedoch nicht daran zu stören, oder es hatte schlicht nichts bemerkt.
"Nein, nein und nochmals nein!" brüllte ich erneut, noch lauter und nasser als zuvor; vermutlich weil dieses mal tatsächlich ein s-Laut dabei war.
Das Universum rührte sich.
Es erhob eine schlaffe, graue Hand mit Überbein und erschuf mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung des kleinen Fingers ein mittelständiges Gewerbegebiet. In der Mitte der Reifenservice, der Aldi und der Toyotahändler. Ein weiteres minimalistisches Zucken, diesmal war es der Mittelfinger, stellte die Zeit auf Sonntagmorgen. Ein Wimpernschlag später schien eine strahlend gelbe Sonne auf die breiten, verlassenen Straßen herab. Ein gläsern-blauer Frühlingshimmel spannte sich über allem.
"Nein nein", schrie ich verzweifelt in einer letzten Anstrengung, ehe ich mich auf das alte Universum erbrach. Fast schämte ich mich ein wenig wegen der geradezu perversen Art von Genugtuung, die ich dabei empfand. Das meiste des Erbrochenen war Bier, bis auf den geringen Anteil Magensäure, der mir nun in der Kehle brannte. Die ungute Mischung rann in kleinen Rinnsalen über den grauen Leib des Universums. Ich war froh, aus Gründen einer reibungslosen Verdauung Bier nie zum Essen zu trinken, sondern immer nur als alleiniges Nahrungsmittel. Jetzt befanden sich zumindest keine unschönen Nahrungsbrocken in dem Auswurf.
Das Gewerbegebiet schimmerte und funkelte wie taubenetzt im Schein der stetig an Höhe gewinnenden Sonne.



Sonntag, 3. April 2011

Saturn in der Nacht


Trotz seiner Größe und seinem imposanten Ringsystem kann man Saturn mit einigem Recht als den Fiat unter den Planeten betrachten, zumindest was seinen Auftritt am irdischen Firmament betrifft. Während Venus, Mars und Jupiter jeden Fixstern in ihrer Nähe überstrahlen und somit am Nachthimmel leicht aufzufinden sind, ist Saturn von eher unscheinbarer Natur. Das liegt natürlich einzig und allein an der riesigen Entfernung, in welcher er um die Sonne kreist. Im Mittel beträgt die Distanz 1,4 Mrd Kilometer, was fast das zehnfache ist der Distanz Erde-Sonne (149 Mio Km). Dass er überhaupt noch einigermaßen mit bloßem Auge wahrgenommen werden kann liegt an seiner schieren Größe. Sein Durchmesser am Äquator beträgt 120 000 Km gegenüber 12 700 Km des Erddurchmessers. Nur Jupiter ist noch größer mit 143 000 Km Äquatordurchmesser.

Bemerkenswert ist die geringe Dichte Saturns von nicht einmal 0,7 g/cm³. Das bedeutet, würde Obervater Zeus ankommen und Saturn in eine Wasserschüssel legen würde er nicht untergehen sondern oben schwimmen.

In Saturndistanz beträgt die Anziehungskraft der Sonne nur noch rund ein hundertstel der Stärke in Erddistanz, Saturn genügt also eine weit geringere Bahngeschwindigkeit, um die nötige Fliehkraft zu entwickeln, damit er nicht in die Sonne stürzt. Für einen Umlauf um die Sonne benötigt er daher über 29 Erdenjahre. Als Folge davon wird er alle 378 Tage von der Erde innen überholt.

In der Nacht von heute auf morgen ist es mal wieder soweit: die Erde läuft genau zwischen Saturn und Sonne hindurch, alle drei Gestirne befinden sich auf einer Linie (na ja, nicht exakt. Von weitem betrachtet liegen die Planetenbahnen zwar wie die Rille(n) einer Schallplatte auf einer Ebene, aber ein klein wenig sind sie doch gegeneinander gekippt).
Das bedeutet, Saturn steht von der Erde aus betrachtet der Sonne genau gegenüber. Geht die Sonne im Westen unter, geht Saturn im Osten auf. Steht die Sonne um Mitternacht an ihrem tiefsten Punkt unter dem Nordhorizont, leuchtet Saturn auf seiner nächtlichen Wanderung über das Firmament an seinem höchsten Punkt im Süden. Um diese Zeit (1 Uhr MESZ) ist er natürlich am einfachsten aufzufinden. Wer vorher schon gucken will, muss sein Glück weiter östlich versuchen.

Doch Obacht, auch Spica, der Hauptstern des Sternbildes Jungfrau, befindet sich in der Nähe. Er ist allerdings etwas lichtschwächer als Saturn und befindet sich um Mitternacht, beim Blick nach Süden, etwas links unterhalb von Saturn.

Spica ist jedoch auch ohne Saturn leicht aufzufinden. Man sucht einfach zuerst den Großen Wagen und folgt dem Bogenschwung seiner Deichsel. Dann kommt man nach gehöriger Zeit zu einem sehr hellen, rötlichen Stern namens Arkturus, des Hauptsterns des Sternbildes Bootes (Ochsentreiber). Folgt man dem imaginären Bogen nochmal genausoweit, gelangt man zu Spica.

Und ist man immer noch im Sternsuchfieber betrachtet man die Strecke Arkturus-Spica als Basis eines spitzen gleichschenkligen und nach Westen weisenden Dreiecks. Dehnt man es genügend weit aus, kommt die Spitze ziemlich genau auf Regulus, dem Hauptstern im Löwen, zu liegen.

Waidmanns Heil!

Freitag, 1. April 2011

Wenn´s regnet (XI)



Anstatt dem fast ohrenbetäubenden Prasseln und Rauschen des Regens war jetzt nur noch das leise Rascheln und Rieseln unzähliger dicker Schneeflocken die auf Wasser fielen zu hören. Nicht der zarteste Windhauch war zu spüren, und so war sich Namensuchmann nicht sicher, ob es mit dem Schneefall auch kühler geworden war. Er fächelte mit den Händen durch die Luft, um die Temperatur zu prüfen, doch war hinterher genauso schlau wie zuvor. Die einzelnen Flocken jedenfalls waren kalt. Eiskalt. Das knöchelhohe Wasser hingegen war lediglich kühl zu nennen. Bisher hatte Namensuchmann keinen Gedanken an die Wassertemperatur verschwendet. Ihn hatte weder gefröstelt noch war ihm warm. Nicht mal die nasse Kleidung empfand er als unangenehm kalt. Doch nun hatte es begonnen zu schneien. Wie lange mochte es dauern, bis es doch merklich kälter wurde und er anfangen würde zu bibbern und zu zittern? Es wäre sicher kein Fehler, aus dem Wasser rauszukommen. Da war immer noch der Bentley. Er hatte sicher ein Verdeck, das sich zuklappen ließ. Es böte zumindest Schutz vor dem nun sehr dicht fallenden Schnee. An ein trocknen der nassen Kleidung war natürlich nicht zu denken. Hatte das Ding überhaupt Seitenscheiben? Vielleicht war der große Affe doch das kleinere Übel.

Namensuchmann ließ sich auf alle viere nieder, hielt aber noch einen kleinen Moment inne. Seine Hände lagen links und rechts auf den Kanten der erhabenen Unterwasserlinie. Falls er nicht komplett die Orientierung verloren hatte in dieser absoluten und raschelnden Dunkelheit, dann "schaute" er jetzt in die Richtung, in welcher er nach etwa zehn Metern auf den Bentley treffen musste. Zwei Meter hinter ihm fiel der Noppenboden senkrecht ab, die Linie jedoch verlief noch einen Meter weiter hinaus, ehe sie endete. Und eine handbreit über allem die unermessliche Oberfläche dieses dunklen, ruhigen Meeres. Und keine
Lichterscheinungen mehr.

Langsam krabbelte er voran. Im Geiste bereitete sich Namensuchmann darauf vor, plötzlich in nasses Affenfell zu greifen. Immer wieder hielt er inne um zu lauschen. Nach platschenden Schritten, nach tierischem Atem oder Grunzern. Er hielt sogar einige Male seine Nase in die Höhe wie ein witterndes Reh. Doch kein Affengeruch. Nur der Duft nach frischem Schnee.

Nach etwa zwei Metern stießen die Finger seiner rechten Hand gegen ein Hindernis. Es war nicht hoch, reichte nicht aus dem Wasser heraus, und schien zudem aus demselben genoppten Gummibelag zu bestehen wie der ganze Untergrund inklusive der Linie selbst, auf der Namensuchmann vorankroch. In totaler Dunkelheit tastend gewann er bald ein Bild seiner Entdeckung. Es war eine Abzweigung, eine weitere Linie. Sie verlief in einem stumpfen Winkel nach rechts, also grob schräg in Fahrtrichtung des Bentleys. Namensuchmann erinnerte sich an seine ersten tastenden Bewegungen, nachdem er aus dem Auto ausgestiegen war. Es schien eine halbe Ewigkeit her zu sein. Da war diese andere Linie, die in spitzem Winkel an der Front des Bentleys vorbeiführte. Wenn sein räumliches Vorstellungsvermögen ihn nicht völlig im Stich ließ, mussten sich diese andere Linie und diese neue Abzweigung irgendwo vor dem Bentley treffen und somit ein Dreieck bilden. Ein Dreieck mit einem Stiel daran, der über den Abgrund hinausragte. Namensuchman beschloss, dieses neuentdeckte Koordinatensystem zu erforschen. Es bot die Möglichkeit, etwas zu tun, etwas zu suchen, zu krabbeln, ohne sich in absoluter Dunkelheit zu verirren. Er durfte nur die Linie nicht verlassen. Und er musste sich das Muster einprägen, um jederzeit zum Bentley zurückfinden zu können.
Der Bentley war sein Nullpunkt.
Namensuchmann kroch los.