Freitag, 26. Juli 2013

Es werde Bier

Namensuchmann schrie wie von Sinnen. Es war ihm selbst nicht klar, ob es Schreie des Entsetzens, des Erstaunens oder der reinen Freude waren. Nur eines war sicher: man konnte unmöglich stumm bleiben angesichts dessen was sich da abspielte. Zusätzlich zu den Schreien konnte man sich noch wahlweise mit beiden Händen an den Kopf hauen, mit Bocksprüngen im Kreis hüpfen oder sich auf den Rücken legen und mit Händen und Füßen auf den Boden trommeln. Nicht weit entfernt erspähte Namensuchmann einen Herrn im gediegenen Zweireiher, der sich auf Hände und Knie niedergeworfen hatte und angriffslustig bellte bis ihm der Sabber von den Lefzen troff. Etwas weiter entfernt, auf einer kleinen Anhöhe sah er eine Frau mittleren Alters rittlings auf der Lehne einer Parkbank sitzen. Sie rieb ihr Becken ekstatisch vor und zurück, hin und her, und johlte dabei unverständliche Worte in einem archaisch anmutenden Singsang.
 
Dann konnte Namensuchmann nicht anders als seinen Blick erneut auf die riesenhafte Biersäule zu richten, die sich kaum einhundert Meter vor ihm aus dem Erdboden erhob. Sie war zylindrisch und so breit, dass sie eher einer himmelshohen Bierwand glich denn einer Säule. Nur in der Ferne zur Linken und zur Rechten war die Krümmung zu erahnen. Der tosende Lärm war ohrenbetäubend, und der feine Sprühnebel der Biergischt zauberte bunt glitzernde Regenbogen an alle noch so unwahrscheinlichen Orte.

Die Biersäule veränderte zwar ihren Standort nicht, aber sie war alles andere als statisch. Mit rasender Geschwindigkeit schoß das Bier - ja, wohin eigentlich? Zuerst dachte Namensuchmann, das Bier würde vom Himmel herabschießen und irgendwie in der Erde verschwinden, denn es war kein oberirdischer Abfluss zu erkennen; wie ein Schneidstrahl aus Wasser, der in Styropor eindringt. Doch plötzlich, bei längerem Hinsehen, wurde das flimmernde Rasen plötzlich seltsam irregulär. Wie ein verschwommener Flugzeugpropeller mitten im Flug scheinbar seine Drehrichtung ändert, so schien die Biersäule in ihrer Raserei unmerklich ihre Fließrichtung zu ändern. Nun schoss das Bier nicht mehr aus dem Himmel herab in die Erde, sondern aus der Erde heraus in den Himmel hinauf. Auch die mäandernden Schaumfilamente auf der Säulenaussenseite wanderten mal nach oben, dann wieder nach unten.

Das infernalische Tosen und Brausen, zusammen mit dem feinen Duft nach Hopfen, rief in Namensuchmann eine Zufriedenheit hervor, die er noch nie zuvor gekannt hatte. Vielleicht wurde er aber nur müde vom schreien, verbunden mit einer leichten Überdosis an Sauerstoff. Er blickte nach oben. Aus allen Richtungen schienen sich Wolken der Biersäule zu nähern um dann in eine Kreisbahn um die Erscheinung einzuschwenken. Die Sonne stand schon sehr tief im Westen, bald würde der Vollmond im Osten aufgehen. Dumpfe Schläge tief in der Erde, die durch Namensuchmanns Beine bis in seine Magengrube vibrierten, kündeten von neuen Überraschungen.

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