Samstag, 3. September 2011

Sonnenwindmorgen



Das Geräusch ist kaum wahrnehmbar. Unterschwellig und wie ein Dieb schleicht es sich in Namensuchmanns Schlaf. Ein leises, weit entferntes und doch machtvolles Rascheln. Ein unbekannter Traum von überkochender Marmelade und fremden, flüsternden Menschen in der Dachkammer klingt aus in sanft wogenden und im Wind knisternden Kornfeldern unter einer surrenden Traumdeckenlampe.

Namensuchmann öffnet seine noch von der Nacht schweren Lider. Der Traum zerspringt in tausend funkelnde Realitäten, die sich schnell verflüchtigen und aufgesogen werden von ersten, noch unvollkommenen Gedanken.

Es ist früh am Morgen, die Sonne steht noch nicht weit über dem fernen, halb von Wald bedeckten Hügel, an dessen Fuß der örtliche Friedhof angelegt wurde. Und doch scheint sie schon hell und klar in das Zimmer, auf das Fußende von Namensuchmanns Bett.
Bis jetzt ist es jedoch nur ein schmaler Lichtstreifen, der das Bett noch kaum berührt. Die Balkontür schräg gegenüber des Fensters ist weit geöffnet, im Zimmer ist es noch frisch und kühl von der vergangenen Nacht. Die Bettdecke ist etwas nach oben gerutscht, ihre Zehen schauen darunter hervor wie eine schweigsame Prozession betender Mönche. Der schmale Lichtbalken, ein Versprechen wohliger Wärme an diesem frischen Herbstmorgen, beginnt die Zehen zu umfließen, verleiht ihnen einen rosigen Schimmer der Zufriedenheit. Namensuchmann richtet sich so vorsichtig wie möglich auf, um sie eingehender betrachten zu können. Er verharrt bewegungslos. Jedoch nicht, weil er ihren Schlaf nicht stören will, sondern um dieses Schauspiel möglichst lange und ungestört verfolgen zu können. Wie das Wasser bei rückkehrender Flut in die Polder und Marschen vordringt, so dringt jetzt das Licht in immer neue Bereiche ihrer Zehen vor, erobert dort eine Rundung, da eine Biegung und wieder woanders ein kleines Fältchen, einen kleinen, gepflegten Nagel.
Dann beginnt das Licht die Bettdecke oberhalb der Zehen zu erobern. Namensuchmann sieht sich an, wohin es noch wandern wird, wenn er lange genug wartet. An den Konturen unter der dünnen Sommerdecke erkennt er, dass sie ein Bein leicht angewinkelt hat. Das andere, dessen Zehen nun im vollen Sonnenlicht leuchten, ist ausgestreckt. Die aufgeworfenen Falten der Decke verraten, dass sie immer noch ihre gewohnte Schlafhaltung innehat, noch ist nichts zu spüren von der morgendlichen Unruhe kurz vor dem Aufwachen. Ihr Oberkörper ist leicht auf die Seite des abgewinkelten Beines gedreht und beide Arme sind unter der Decke verborgen. Von ihrem Kopf ist nicht viel mehr als ein dichter Haarschopf zu sehen, darunter, das Gesicht, muss jedoch Namensuchmann zugewandt sein. Vermutet er.
Namensuchmann setzt sich so bequem hin wie es ihm möglich ist ohne allzuviel Bewegung auf die Matratze zu übertragen. Der etwas breiter gewordene Lichtbalken hat nun fast die unter der Decke verborgenen Knie erreicht. Gleichzeitig liegen die Zehen nur noch einen Finger breit vom Schatten entfernt, der dem Licht folgt. Ein Zeitraffer würde ein helles Lichtrechteck zeigen, das längs und im Bogen über das Bett huschen würde während die Sonne den morgendlichen Himmel erklimmt.
Namensuchmann greift langsam in die Decke. Wenn er langsam und mit der gebotenen Vorsicht zu Werke ging, konnte er sie vielleicht wegziehen, ohne sie aufzuwecken. Sie war sehr leicht und überhaupt nicht kratzig, eine gute Qualität!
Das angewinkelte Knie, das von Namensuchmann wegwies, kam als erstes unter der zurückweichenden Decke zum Vorschein. Er musste sich eine Art Aufrolltaktik überlegen, um den gerafften Stoff unter Kontrolle zu bringen und hinter seinem Rücken zu Boden gleiten zu lassen. Doch bald war es geschafft, nichts bedeckte mehr ihren Körper. Und sie schlief immer noch, das verrieten ihre tiefen und regelmäßigen Atemzüge.
Ihre Zehen lagen nun schon wieder im Schatten, das Lichteck war weitergewandert, über ihre nackten Beine und Knie. Ihre Haut schimmerte samten im stärker werdenden Licht. Namensuchmann musste sich etwas zur Seite beugen, um keinen Schatten auf sie zu werfen, um das Lichteck perfekt wandern zu lassen. Von draußen drang das stete Rascheln des morgendlichen Windes ins Zimmer, das Namensuchmann aus seinen Träumen hatte aufwachen lassen. Ein Rascheln ohne Höhen und Tiefen, ohne merkliche Intensitätsunterschiede, ein stetes Hintergrundgeräusch wie von einer blauen Himmelsdecke, die langsam durch die Bäume gezogen wird. Vereinzelte gelbe Blätter taumelten am Fenster vorbei und klackten hörbar auf die Straße. Das Lichteck hatte ihr Becken erreicht, ihre Knie lagen schon wieder halb im Schatten. Ihr Schamhaar, in der Nacht noch dunkel und dicht, schimmerte nun fast golden und lichtdurchflutet. Hüfte und Bauch warfen dünenhafte Schatten in den sehr schräg einfallenden Strahlen. Bald würde ihr Busen beleuchtet werden und ihr Becken wieder in den Schatten gleiten.
Namensuchmann beugte sich mit seinem Gesicht langsam und vorsichtig vor. Nur ganz knapp über ihrer Hüfte verharrte er und sog tief ihren Duft ein. Es war derselbe, der auch an ihm haftete, an seiner Hand, an seinem Arm, in seinem Gesicht. Bald würde das Licht ihren Kopf erreichen. Namensuchmann richtete sich wieder auf und schaute auf ihr Haar, das nun etwas zur Seite gefallen war. Er sah in ihr Gesicht. Aus halb geöffneten Augen betrachtete sie ihn.



2 Kommentare:

c17h19no3 hat gesagt…

so eine szene möchte ich auch mal wieder erleben.

Moves hat gesagt…

hey, ein größeres Kompliment für den Text gibt´s nicht. Danke.