Montag, 19. Dezember 2011

Na sowas (II)

Während ich die kaum spürbare Steigung emporging schaute ich mir meinen Untergrund etwas genauer an. Das Glas schien bis auf einen kaum wahrnehmbaren rosenrosanen Schimmer ziemlich durchsichtig zu sein. Tief im Inneren waren seltsame Filamente zu erkennen wie Schlieren in einer Glasmurmel. Erhob ich den Blick und schaute in Richtung des Sonnenuntergangs spiegelte die kugelige Oberfläche das Licht des Abendrots ohne jede Verzerrung. Darüber war ich etwas erstaunt, denn ein solch großer Glaskörper war unmöglich abzukühlen ohne dass sich kleine Riefen und Rillen bildeten auf seiner Oberfläche.
Dumm, sagte ich mir. Wie dumm, in solch kleinlichen technischen Kategorien zu denken während ich auf einer zehn Kilometer dicken Glaskugel unter einem perfekten fast wolkenlosen Abendhimmel dahinschritt. Dumm.
Oben auf der höchsten Erhebung der Wölbung kam ein weißer Plastikliegestuhl in Sicht. Darauf schien eine Person zu liegen. Vor Verblüffung hielt ich in meinem Marsch inne und schaute eine Minute lang bewegungslos. Kein Zweifel.
Ich drehte mich langsam einmal um meine Achse, um mich zu vergewissern, dass ich sonst nichts anderes übersehen hatte. Bis auf den Liegestuhl etwa zweihundert Meter vor mir war die Oberfläche der Kugel nach wie vor vollkommen leer. Langsam setzte ich mich wieder in Bewegung.

Auf dem Liegestuhl lag eine nackte Frau mit Sonnenbrille und rötlich-braunen Haaren nur auf dem Kopf. Die Haare waren glatt und etwa schulterlang, die Brille kam mir bekannt vor, sie erinnerte mich an die Men in Black-Ray Ban, die ich vor Urzeiten geschenkt bekam von meiner Schwester. Seit einem Jahr etwa war die Brille aber verschwunden, entweder schlicht verlegt, verloren oder gestohlen. Weiche Schuhsohlen auf massivem Glas machen keinerlei Geräusche, die Frau schien zu schlafen und mein Näherkommen nicht zu bemerken. Als ich mich ihr fast auf Armlänge genähert hatte beugte ich mich etwas vor, um eventuell das Label auf der Brille erkennen zu können. Ray Bans tragen den Firmennamen alle in einer Ecke des Glases. Da war etwas...es sah aus wie ein Schriftzug...noch etwas näher...

Ihr ganzer Körper zuckte plötzlich wie unter einem Stromschlag und mit einer schnellen Bewegung schob sie sich die Brille auf die Stirn. Ich wunderte mich, dass sie nicht aufschrie vor Überraschung, doch merkte im selben Augenblick, dass ich offensichtlich zuviele mit hysterischen Frauenklischees überladene Filme gesehen hatte. Meine Augen folgten reflexhaft der Brille auf ihrem Weg über ihre Stirn bis zum Haaransatz, doch ich konnte das Firmenlogo nicht entziffern. Und noch längeres Starren auf ihre Sonnenbrille hielt ich für unhöflich. Also schaute ich ihr in die Augen. Sie waren grün wie Gras. Ihr Blick hatte sich vom ersten Erschrecken erholt und zeigte nun weder Furcht noch Erstaunen. Nur einen Hauch von Neugier schien sie sich zu erlauben. Gleichzeitig winkelte sie ein Bein an und kippte es dann über das andere. Während sie mit einer Hand ihre Brille an Ort und Stelle auf ihrem Kopf hielt, bedeckte sie mit ihrer anderen eine ihrer Brüste.

"Entschuldigung, ich wollte Sie nicht erschrecken", sagte ich und trat einen Schritt zurück.

Sie sagte noch immer nichts, schaute mich aber von oben bis unten an. Auf meiner schwarzen Baumwolljacke blieb ihr Blick haften.

"Leihen Sie mir ihre Jacke?", fragte sie. Ihr Tonfall war dabei keineswegs bittend, tatsächlich war ich mir gar nicht mal sicher, ob sie überhaupt ihre Stimme erhoben hatte am Ende des Satzes. Doch angesichts ihrer Situation beschloss ich, erstmal keine erhöhten Höflichkeitsstandards anzulegen und zog sofort meine Jacke aus. Dabei spürte ich die harte Stelle in der Innentasche, hinter der sich mein Mobiltelefon verbarg. Ich nahm es heraus und überreichte meiner Begegnung die Jacke. Die Frau richtete sich in ihrem Liegestuhl auf und setzte ihre Füße auf den glasigen Untergrund. Dabei schwang sie ihre Beine nicht gleichzeitig über den Rand des Liegestuhls, sondern eins nach dem anderen. Ich bemühte mich, nicht hinzusehen. Stattdessen schob ich mein Handy auf und sah, dass es sehr guten Empfang hatte. Wie erwartet zeigte es weder entgangene Anrufe noch eingegangene SMS. Ich schob das Handy wieder zusammen und steckte es in die Hosentasche. Um irgendwen anzurufen war immer noch Zeit.


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