Donnerstag, 12. August 2010

Wenn´s regnet (Forts.)



Das Gefährt kam mit rubbelnden Bremsen und bockenden Rädern direkt neben Namensuchmann zum Stehen. Er war unter dem Eindruck des Lärms und der Geschwindigkeit, mit der die Scheinwerfer auf ihn zugerast waren, nochmals einen Schritt zurückgewichen, doch nun trat er wieder nach vorne an den Straßenrand, um sich näher anzuschauen, wer oder was da für ihn angehalten hatte.

Die Motorhaube war gewaltig und endete vorne in einem ovalen, senkrecht aufragenden und reich verchromtem Kühlergrill. Links und rechts davon leuchteten die großen Scheinwerfer fast auf Namensuchmanns Schulterhöhe. Die freistehenden Speichenräder waren schmal aber sehr mächtig, und nur von winzigen Schutzblechen bedeckt. Aus der Seite der Motorhaube quollen dicke Auspuffrohre wie Gedärm aus einem geschlachteten Wal. Der Regen, der in Strömen darauf prasselte verwandelte sich augenblicklich in Dampfschwaden, die wie natürlicher Nebel das seltsame Gefährt umwaberten. Namensuchmann spürte die Hitze der Maschine und der heissen Rohre in seinem nassen Gesicht. Es fühlte sich gut an.

Durch das Inferno aus Dunkelheit, Dampf und dem Streulicht der Scheinwerfer auf den dicken Regentropfen erkannte Namensuchmann, dass der Wagen überhaupt kein Dach hatte. Das Cockpit war offentsichtlich irgendwann von einem T-Rex aus der hinten bootsförmig auslaufenden, zylindrischen Karosserie herausgebissen worden. Den verbliebenen Rand hatte man mit einem dicken, gepolsterten Lederwulst versehen. Es gab keine Windschutzscheibe, die diese Bezeichnung verdient hätte. Stattdessen gab es zwei kleine, unten bogenförmig an die Karosserie angepasste, von verchromten Verschlüssen gehaltene Alibiglasscheiben.

"Sieht aus wie ein 34er Bentley", dachte sich Namensuchmann flüchtig, bevor er endlich den Fahrer bemerkte, der hoch auf seinem Sitz thronte und im selben Moment eine dicke Rauchwolke aus seinem gar nicht ungeduldig grinsenden Mund ausstieß. Namensuchmann hoffte, dass der Rauch von der rotglühenden Zigarette stammte, die der Fahrer in seiner hohlen Hand vor dem Regen zu schützen versuchte, während sie lässig auf dem oberen Rand des mächtigen Steuerrades ruhte. Die andere, rechte Hand des Fahrers hielt einen langen Hebel umklammert, der senkrecht an dem Fahrzeug nach unten verlief. Der Bentley, falls es sich tatsächlich um einen solchen handelte, war rechtsgesteuert und der Fahrer daher nur eine Armeslänge von Namensuchmann entfernt.
Auf dem Kopf des Unbekannten befand sich eine schlichte Kappe, vermutlich aus Leder, mit einem kleinen Schild über den Augen, welche zusätzlich von einer voluminösen Pilotenbrille mit runden Gläsern beschützt wurden.
Eine schwartig glänzende Lederjacke und Lederhandschuhe vervollständigten das schemenhafte Bild, das sich Namensuchmann in dem diffusen Leuchten, das vom Armaturenbrett auszugehen schien, von dem Fahrer dieses altertümlichen Gefährtes machen konnte.

"Wenn Sie ausgeträumt haben, können Sie einsteigen", sagte der Fahrer nicht unfreundlich, doch ein leiser, drängender Unterton in seiner Stimme war nicht zu überhören. "Ich muss weiter, sonst geht meine Zigarette aus, und es ist meine letzte!"

Namensuchmann nickte und wollte vorne um das Auto herumgehen, besann sich dann aber nach einem kurzen Moment der Besinnung anders, denn der Weg um das kurze Heck des Wagens war viel kürzer als um die irgendwo weit vorne im Regen verschwindende Motorhaube. Der wahre Grund jedoch war, und Namensuchmann war sich dessen wohlbewusst, dass er sich nur ungern direkt vor dem mächtig und seltsam gefräßig aufragenden Kühlergrill mit den gleissend und drohend dreinschauenden Scheinwerfern aufhalten wollte. Und wenn es nur für einen kurzen Moment des Vorüberhuschens war.

Auf der anderen Seite angekommen bemerkte Namensuchmann, dass der Fahrer die Beifahrertür bereits aufgestossen hatte. Er stieg auf den sofaförmigen, aber natürlich nassen Ledersitz hinauf und zog die kleine Tür, die eigentlich mehr einer Klappe glich, ins Schloss. Der Fahrer beugte sich ohne Hast herüber und kippte einen verchromten, spitz zulaufenden Griff um eine Vierteldrehung nach unten. Wieder aufrecht und fahrbereit stieß er den seitlichen Hebel nach vorne. Nach einer Sekunde brüllte der Motor auf wie ein geschlagener Grizzly und Namensuchmanns Kopf wurde durch die Beschleunigung nach hinten gerissen. Kopfstützen gab es keine. Schon nach drei Sekunden reichte der Fahrtwind aus, um sämtlichen Regen über die offensichtlich gar nicht so unnützen Frontscheiben hinwegstieben zu lassen. Der Fahrer, der offensichtlich aufgrund seiner Größe leicht geduckt hinter seinem Steuer saß, steckte sich seine Zigarette wieder zwischen die Lippen, blickte kurz zu Namensuchmann hinüber und beschleunigte weiter. Zu sehen war sonst nichts. Die beiden Lichtkegel endeten in Regen und Dunkelheit.



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