Dienstag, 2. November 2010

Wenn´s regnet (V)



Es war stockdunkel.
Namensuchmann befühlte die dicke Beule auf seiner Stirn. "Mist", dachte er, "ich blute wie ein Schwein". Er roch an seinen Fingern, rieb sie prüfend aneinander, leckte daran. Es war kein Blut, nur Wasser. Ach ja, es regnete in Strömen, wie aus Kübeln. Aber die Beule war echt und tat weh.
Übelkeit.
In seinem Mund begann es jetzt doch, metallisch zu schmecken. Seine Zunge schmerzte, und seine Unterlippe schien innen einen Riss zu haben. Namensuchmann spuckte aus. Es war egal wohin, der Regen würde es wegwaschen. Dicke schwere Tropfen prasselten auf seinen Kopf und hämmerten gegen irgendeine hohle Unterlage. Blech. Autoblech. Und Leder. Das poetische Brabbeln und pladdern von Regen auf Leder. Namensuchmann drehte den Kopf, erst nach links, dann nach rechts, dann hob er ihn weit in den Nacken, dann drückte er sein Kinn auf die Brust. Es tat weh, aber er schrie nicht auf vor Schmerzen und wurde auch nicht ohnmächtig. Doch ein Regentropfen versuchte nun, sich unter den Kragen seiner Baumwollwachsjacke zu zwängen. Er zog den Kragen enger. Der hämmernde Lärm des Regens ließ keinen Raum für andere Geräusche.
Blech. Leder. Die Erinnerung kehrte langsam zurück. Namensuchmann saß in einem offenen Automobil. Kein Motorenlärm. Die Welt schien leicht in Schräglage geraten zu sein. Er tastete neben sich, wo der Fahrer sitzen sollte, doch seine Finger glitten nur über das nasse, schwere Leder der leeren Sitzbank.
Seine Beine!
In der Dunkelheit war der enge Schacht, in welchem seine Beine steckten, neben dem Kardantunnel nur zu erahnen. Falls seine Beine verletzt wären, sähe es ziemlich unangenehm für ihn aus. Namensuchmann kämpfte gegen die aufkommende Panik an. Nach ein paar Augenblicken des Innehaltens versuchte er, seine Zehen zu bewegen. Es ging. Kein Schmerz durchzuckte ihn. Er bewegte beide Füße, auch das ging ohne Schmerzen. Nun streckte und beugte er seine Kniee soweit, wie es der enge Fußraum zuließ. Alles schien in Ordnung, er schien zumindest aufstehen und davongehen zu können. Doch wohin? In welche Richtung? Wo war der Fahrer geblieben? Namensuchmann überlegte, dass er nach ihm suchen musste. Womöglich wurde er bei dem Unfall aus dem Auto geschleudert und lag nun verletzt nur ein paar Meter entfernt. Beim Gedanken an einen Unfall wurde Namensuchmann schmerzlich bewusst, dass er nicht die geringste Ahnung hatte, was überhaupt passiert war. Waren sie gegen ein Hindernis gestossen? Oder einfach von der Straße abgekommen? Beim Fahrstil seines seltsamen Chauffeurs wäre das durchaus möglich gewesen. Allerdings, das musste Namensuchmann zugestehen, schien der Fahrer sein Handwerk ziemlich gut zu beherrschen. Falls es überhaupt sein Handwerk war, spann Namensuchmann den Gedanken weiter. Er rieb seine Schläfen und fuhr sich vorsichtig über die Stirn, um zumindest für ein paar Augenblicke den Sturzbach der Regentropfen, die sich über seine Stirn ergossen, zu unterbrechen. Die Beule schmerzte und schien etwas größer geworden zu sein.
Die Dunkelheit war perfekt. Namensuchmann erinnerte sich an den Autofahrer, der nachts auf einer Autobahnbrücke eine Panne hatte. Um nicht von nachfolgenden Autos erfasst zu werden, stieg er über die Leitplanke und stürzte in den Tod.
Das Armaturenbrett war vollkommen tot. Namensuchmann tastete nach Schaltern und Knöpfen, drehte hier, drückte dort, doch nichts geschah. Etwas wie ein Handschuhfach schien nicht zu existieren. Unter der Sitzbank befand sich auch keine Taschenlampe. Der Akku seines Handys war leer. Die Jacke hielt weiterhin dicht, doch langsam sog sich das Wasser auf dem Leder voran und fing an, seinen Hosenboden zu durchnässen. Zwischen seinem Jackensaum und den Knien waren seine Hosenbeine längst patschnass. Die Knie selbst waren noch durch das Armaturenbrett vor dem Regen geschützt.
Es war kein kalter Regen. Namensuchmann erinnerte sich an den Monsun in Indien, den er vor so langer Zeit einmal erlebt hatte. Freudiges Herumalbern unter Regentropfen so dick und schwer, dass man manchmal dachte, man wäre unter Wasser und unwillkürlich den Atem anhielt. Jemand war damals bei ihm gewesen. Ihm fiel der Name nicht mehr ein.
Sitzenbleiben oder Aussteigen.
Namensuchmann überlegte, wie sich wohl ein Abgrund anhören würde. Um ihn herum hörte er die Regentropfen nicht nur auf das Blech hämmern, sondern auch in anscheinend ausgedehnte Pfützen pladdern. Er schloss die Augen und versuchte sich auf den Raum um ihn herum zu konzentrieren. Vielleicht meldete sich ja ein bisher verborgener Sinn, der auf freie Räume reagierte. Nichts.
Schall! Echo! Namensuchmann fuhr wie elektrisiert zusammen.
"Haaallooooo. Haaaaaallooooooooo"
Fast erschrak er beim Ertönen seiner Stimme. Sie klang seltsam. Wie in einem geschlossenen Raum. Von einem Hall oder einem Echo keine Spur.
Die dicken Regentropfen wirken auf den Schall wie eine solide Wand, sagte sich Namensuchmann einerseits aus Überzeugung und logischer Überlegung, andererseits aber auch, um seine wieder etwas ansteigende Panik zu beruhigen.
Ich sollte aussteigen.
Langsam öffnete er die kleine Klappe, die als Tür fungierte, drehte sich auf seinem Sitz zur Seite und rutschte etwas in Richtung der Öffnung. Langsam hob er einen Fuß nach draußen und ließ ihn zu Boden sinken. Er versank bis über die Knöchel in bladderndem Wasser. Dann der zweite Fuß. Dann stand Namensuchmann auf, aber nicht ohne sich weiterhin an der Türklappe festzuhalten. Ein stehendes Gewässer machte einen drohenden Abgrund etwas unwahrscheinlicher, aber nicht unmöglich. Vorsichtshalber beschloss Namensuchmann, sich auf seine Knie niederzulassen und das Terrain kriechend zu sondieren. Auch seine Hand versank bis zum Handgelenk im Wasser. Mit der anderen hielt er sich immer noch an der Tür des Bentleys fest. Dann ließ er los. Auf allen Vieren kauerte er im Wasser, der Regen prasselte auf seinen Rücken.


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