Dienstag, 13. April 2010

Der kleine Kirchturm


Auf dem kleinen Kleeblatt steht ein Kirchturm. Natürlich ist es nur ein sehr kleiner Kirchturm, denn andernfalls würde das Kleeblatt ja abknicken oder zumindest böse nach unten hängen. Manchmal fegt der böige und kühle Frühlingswind gedankenlos über die Wiese, auf der das Kleeblatt mit dem Kirchturm steht. Dann erschauert und zittert und vibriert es für einen wohligen Augenblick.
Würde man sein Ohr ganz dicht über den winzigen Kirchturm halten, ohne dabei den Wind abzuschirmen, und würde man zudem noch über ein sehr junges Ohr verfügen, das auch sehr hohe Töne noch wahrnehmen kann, könnte man vielleicht leises Geläut vernehmen, im Takt des Frühlingwindes an- und abklingend.
Vielleicht ist man aber im Beseitz einer sehr starken Lupe oder eines tragbaren Mikroskops für Wald und Flur. Dann kann man versuchen, durch die spitzbogigen Fenster unterhalb des Turmhelms zu blicken, wo die Glocken ihren Platz haben und freudig erregt selbst die sachteste Frühlingsbrise noch beschwengeln. Man kann versuchen, die Vergrößerung so weit zu treiben, bis man das in einen Eichenbalken des Glockenstuhls eingeschnitzte Herz sehen kann mit den beiden Initialen darinnen und einem längst vergangenen Datum.