Donnerstag, 1. April 2010

ReiseReise


Draußen zieht die Landschaft vorüber. Unspektakulär. Man schaut sie sich nur an, weil man andernfalls seinen gegenübersitzenden Mitreisenden auf den Bauch schauen müsste. Doch Bäuche sind ein anderes Thema. Thema heute sind Schrebergärten, die von Bahngleisen magisch angezogen werden. Wäre ich ein Schrebergarten, würde ich mich womöglich auch an den nächsten Bahndamm ankuscheln, je näher, desto besser. Liegt vielleicht an den Vibrationen der vorbeifahrenden Züge. Oder am Blickegrieseln aus den Zugfenstern. Ich bin aber froh, kein Schrebergarten zu sein, auf diese Weise bleibe ich von einer unvermeidlichen Schrebergartenhütte verschont; und werde nicht von Schrebergeistern heimgesucht, die an diesigen Hitzetagen mit einer Axt im Kopf kaum wahrnehmbar in der Luft flirren. Die Axt, alternativ auch eine Forke, stammt vom Schrebernachbarn, der eine peniblere Auffassung vom Unkrautjäten hatte. Schreberhöllen unter bunt dräuenden Blumenbeeten.
Dann wieder Industriebebauung. Industriestraßen, mit Industriestraßenlaternen an ausladenden Peitschenmasten, seltsam unentschlossen am hellichten Tag. In der Ferne, und daher etwas länger im Blickfeld, ein riesiger blauer Portalkran. Er steht auf zwei Beinpaaren, die hintereinander und wie umgedrehte U (pl.) auf zwei Schienen fahren. In einer breiten Betonwanne zwischen diesen Schienen türmt sich ein imposanter Haufen blumig-flockigen Recyclingmülls, über den sich der Kran mit Wonne und Inbrunst hermacht.
Zwischen seinen feisten Schenkeln baumelt obszön sein Greifer, den er gierig hinabsenkt. Er gräbt sich tief in den Müll, um sich dann vollgepampt und staubschnaubend wieder emporzuheben. Zu hören ist nichts, nur das Rattern des Zuges. Trotzdem strotzt das stumme Bild vor leidenschaftlicher Befriedigung. Arbeit wird getan. Staub wirbelt, steigt empor, vermischt sich mit dem blauen Spätnachmittagsdunst. Darüber eine Glocke Herbstlicht. Nein, Frühlingslicht. Es ist Frühling. Die Wiesen schon fast grün. Über dem grünen Land die ersten Luftschiffe, geschwollen und zum Platzen prall. In ihren Bäuchen Myriaden von Sonntagen, bereit abzuregnen, bereit, das grüne Land unheilschwanger läutend zu versonntagen.
Kirchtürme, fast schon verdorrt und kümmerlich, sehnen und winden sich in freudiger Erwartung.

2 Kommentare:

Dona Quijota hat gesagt…

Ich bin neidisch Herr Moves. Ich wünschte auch mein Kopf würde solche Wörter können.

Dona Q.

Moves hat gesagt…

Liebe Dona Q., ein sehr schönes Kompliment, vielen Dank! ;-)

Moves