Donnerstag, 15. April 2010

Namensuchmann trinkt Bier


Die Bierbänke sind roh und rauh, wie der Hinterhof, der genaugenommen gar kein Hinterhof ist, denn er öffnet sich auf eine große Brachfläche, die in der Ferne von hohen, grau verputzten Feuermauern der dahinterliegenden Gebäude begrenzt wird. Es gibt keine Fenster in den Mauern, obwohl dahinter natürlich Wohnungen liegen, und Büros und Läden, vermutlich. Namensuchmann ist froh, keinen Röntgenblick wie Superman zu haben. Er hat sich auf eine Bank an der Wand gesetzt, so kann er sich bequem zurücklehnen, obwohl Bierbänke ja keine Lehnen haben. Er liest den Aufdruck auf seinem noch vollen Bierglas. Kein Name für ihn.
In dem Hinterhof, der eigentlich keiner ist, haben sich Eisenkünstler niedergelassen in grob gezimmerten Baracken aus Wellblech, Baustahl und Abbruchholz. Wo ein Baumaterial endet und ein anderes beginnt, klaffen weite Spalten. Für den Ablauf des Regenwassers ist gesorgt, doch im Winter, wenn ein eisiger Wind weht, muss es eine Herausforderung sein, in den Baracken zu arbeiten, trotz des riesigen, kopfförmigen Ofens in der Mitte.
Die Eisenkünstler haben große Phantasie- und Tierfiguren zusammengeschweißt. Schildkröten und Pferde, Einhörner und Kobolde. Doch Namensuchmann ist nicht wegen der Figuren da. Die Eisenkünstler haben auch große Buchstaben geschaffen, die, einer unbekannten Ordnung gehorchend und in allen Größen, von übermannshoch bis katzenklein, über das Areal verteilt sind. Die Buchstaben sind mit Rost überzogen und auf ihrer Reise ins Erdinnere nach zehn Zentimetern steckengeblieben. Namensuchmann trinkt von seinem Bier und versucht, die Buchstaben synaptisch neu zu scrabbeln. Doch Namensuchmann findet keinen Namen. Die Spur, anfangs vielversprechend und leuchtend, erweist sich als kalt und unbrauchbar. Namensuchmann öffnet sein Notizbuch auf der Seite mit der Liste und zieht einen dicken Strich.
Vor und zurück, und noch einmal vor, und noch einmal zurück. Vor und zurück. Hin und her, bis das Papier knittert und zu reissen droht.
Der Hinterhof ist unbefestigt, die Menschen, die an Namensuchmann vorübergehen versinken knöcheltief in feinem Sand. Die Bierbänke stehen auf einem niedrigen Holzpodest, das auf zwei Seiten von zerfressenen und verbogenen Bewehrungsmatten begrenzt wird. Aussen ist ein Zettel angebracht, in Folie eingeschweißt, doch die Schrift scheint durch das Papier hindurch, und Namensuchmann versucht, die Spiegelschrift zu entziffern.

"No Drinks from Outside"

"No Drinks from Outer Space", schreibt er in sein Notizbuch. "No Idiots from Outside". Der Sand erinnert an eine Wüste. Eine Science-Fiction-Wüste, in der man keinen Durst hat, weil hinter der großen Düne das Raumschiff wartet mit seinem Coca Cola-Automaten. Über der Wüste schwarzer Weltraum mit fiebrigem Sternengeflimmer und Meteorgeschauer.
Durch den Sand winden sich große Würmer. Nicht so große wie auf dem "Wüstenplaneten", doch auffällig gegliedert. Zwischen den Wurmgliedern klemmen kleine Menschlein, die sich durch die unendlichen Weiten des Hinterhofs tragen lassen und wohlig seufzen, sobald sie eine der rhythmisch wiederkehrenden Quetschphasen überstanden haben.
Namensuchmann trinkt sein Bier. Es schmeckt erfrischend und fängt schon an zu benebeln. No chance to live. No chance to die. No chance to do something out of control. Sehnsucht nach Kuchen. Mohnkuchen. Schreiben, um nicht aufzufallen. Schreibhumus erzeugen; darin bunte Pflänzli ziehen.


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