Samstag, 22. Oktober 2011

Tropfenfänger



"Komm, lass uns einkaufen gehen, ich möchte Menschen anlächeln"


Ich blickte vom Bildschirm meines Laptops auf. Mein Engel hatte wieder einmal den Zombie völlig geräuschlos durch die Tür und hinter meinen Stuhl bugsiert. Unter der leeren Augenhöhle des Untoten klemmte ein altertümlicher Tropfenfänger, mit einem dünnen Gummiband am Kopf fixiert. Ich war beeindruckt. Nun erklärte sich der Umstand, warum seit einiger Zeit keine stinkenden Tropfen gelbroten Leichensaftes mehr im Haus zu finden waren. Mein Engel schien eine rudimentäre Form von Verantwortungsgefühl für seine Reitgelegenheit zu entwickeln.
Doch kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gedacht, rieb der Engel leicht an den Schläfen des Zombies, worauf dieser sich langsam nach vorne beugte. Im Nacken des Zombies sitzend näherte der Engel sich so dem Bildschirm. Er schien Interesse daran zu haben, was ich da am Computer gerade so trieb. Ich lehnte mich zurück und gewährte ihm großzügig Einblick. Zu sehen war die Eingabemaske des Blogs, an dem ich seit einiger Zeit schrieb. Der Engel beugte sich über den Kopf des Zombies, den er nun mit seinen Armen umschlungen hielt. Flüchtig hatte ich dabei den Eindruck, dass der Engel sich nicht festhalten musste, um nicht abzustürzen, sondern um nicht davonzuschweben.
So nahe wie jetzt waren sich unsere Gesichter schon lange nicht mehr. Während der Engel aufmerksam las, was ich soeben geschrieben hatte, betrachtete ich eingehend sein Profil. Seine Lippen bewegten sich leicht im Rhythmus des Textes, auch wenn er nicht laut las, und ich konnte vereinzelt Worte erkennen, die ich vor ein paar Minuten erst in die Tastatur getippt hatte. Das Profil des Engels war mir seltsam vertraut, und schon so manches Mal glaubte ich eine leichte doch unleugbare Ähnlichkeit mit mir zu erkennen. Allerdings war die leicht durchsichtige Konsistenz des Engels natürlich für so manche optische Täuschung gut. Aber nicht in diesem Augenblick. Das leicht bläuliche Licht des Monitors schien genau die richtige Wellenlänge zu haben, um die Moleküle im Gesicht des Engels in Resonanz bringen. Da ich ihn nur von der Seite betrachtete, ohne selbst vom Monitor geblendet zu werden, konnte ich zum ersten Mal kleine Fältchen unter und neben den Engelsaugen erkennen. Auf den ersten Blick hielt ich sie für Lachfältchen, doch ich schaute genauer hin. Es waren nicht wirkliche Lachfältchen, obwohl sie eine Art gelassene Heiterkeit ausstrahlten. Doch da war noch etwas anderes um diese Augen, die so konzentriert meinen Text lasen. Ja, da war eindeutig auch Traurigkeit. Und Sehnsucht. Ich versuchte, genauer hinzuschauen. Ganz kurz wendete der Engel sein Gesicht vom Bildschirm ab und blickte in meine Richtung, doch was er sah, schien ihn zu beruhigen und er wendete seine Aufmerksamkeit wieder meinem Text zu.
Ich beugte mich eine Winzigkeit vor, um besser sehen zu können. Diesmal wendete der Engel nicht seinen Kopf, sondern ließ nur für einen kurzen Moment seine Augen in meine Richtung huschen. Ich sah nun die stille Heiterkeit in seinen Augen und den Fältchen darum herum, und ich sah die Traurigkeit und die Sehnsucht.
Seltsam, dachte ich bei mir. Ich wusste nicht, ob er schon immer so ausgesehen hatte, oder ob er nur so schnell gealtert war in meiner Gegenwart. Oder es lag ganz einfach daran, dass ich ihn noch nie so nah und bei so günstiger Beleuchtung gesehen hatte.
Jetzt rieb der Engel leicht an den Schläfen des Zombies, der die ganze Zeit völlig still und regungslos in dieser unbequemen Beugehaltung verharrt hatte. Langsam richtete er sich wieder auf, der Engel wurde wieder emporgehoben. Während er Höhe gewann, schaute er mir kurz in die Augen und lächelte.
"Ich möchte jetzt hinausgehen!", rief er plötzlich und deutete durch das Fenster nach draußen. Eben war es noch grau und nebelverhangen gewesen, doch über unserem kleinen Stelldichein war es Winter geworden. Die Landschaft war weiß zugedeckt, und die Sonne funkelte auf Millionen Schneekristallen. Der Zombie wendete sich um und das ungleiche Paar stürmte hinaus. Ich hinterher. Draußen das gleissende Winterlicht war überhaupt nicht kalt.



1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

...berührend...
:o) mariee