Man geht einen Schritt, und man geht noch einen Schritt,
und die Sonne scheint alt und rot von hinten, auf den Rücken
und auf die Haut, drückt einen nach vorne, zieht fast,
ist leise und geduldig, wärmt nur sachte, geht ins Hirn und ins Herz.
Man möchte sich auf die roten, warmen Strahlen legen, sich über
sie bäumen und unter sie fügen und dabei den Lauten lauschen,
das Knistern und Rascheln erleben und Haut spüren unter der Hand,
warm und wärmer, wie Leben weit, ganz weit entfernt.
..............................................und andere Lumineszenzen..............................................
Samstag, 15. September 2018
Mittwoch, 29. August 2018
Im Hafen, gegenüber Konzilgebäude
Menschengemurmel, Kinderlachen, Plastikräder auf knirschendem Rollsplit. Eine Sonne, die nochmal alles gibt, doch immer tiefer sinkt, strahlend zwar, doch unweigerlich dem Abend grauend. Der kalte Wind, er zutzelt an meinen nackten Armen und am flatterigen T-Shirt, fährt mir den Rücken hoch.
Eine seltsame Unbewohntheit in meinem Körper, die Strömung der Tage mitten durch mich hindurch, ohne Wirbel, ohne Murmeln. Doch nein, ein Teppich aus zerfaserten, zerfallenden Tagen, wie Humus im Urwald, dünn gebreitet, duftend nach Fruchtbarkeit und des Schoßes Wärme. Des Schoßes Wärme. Der aufsteigende Duft, gefangen in einer bunten Montgolfière, die entschwebt in lichte Zukünfte und Vergangenheiten. „Nein, damit fliege ich nicht über Meere und Berge, nur über Wiesen und Wälder“.
Die Wälder rauschen. Ach, wie schweben die Wolken, bei Nacht und Mond, wenn der Wind raschelt im letzten Laub.
„Nein“, sagte der Naturgeist, „draußen nur Kännchen“
Man kann auch durch Wüsten gehen, immer ein Schritt nach dem anderen. Man kann auch kriechen. Immer, wenn sich eine Hand in den heissen Sand gräbt, denkt man an kleine bunte Sandschlangen, so giftig, dass ein Biss das Universum zu lähmen vermag. Es würde erschrocken in seiner Expansion innehalten und sich mit einem Galaxienarm und einer Kugelsternhaufenhand die winzigen Blutströpfchen abzuwischen versuchen. Doch die kleinen, schillernden Tröpfchen wären durchsetzt mit Gift, das den Menschen auf Generationen noch fieberbunte Sonnenuntergänge bescheren würde.
Der Weg ist schmal, doch gut begehbar, ich wandere von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. Vor mir geht Dunkelheit, sie stolpert nie und schweigt.
Mittwoch, 4. Juli 2018
Gott, in Saturn getreten
„Nein“, sagte der Himmel, als er im Angesicht der Tragödie des Meisters in brütendes Stieren und Starren verfallen war.
„Nein, nein, und nochmals nein. Ich werde nicht die Wälder berühren und auch nicht die Berge. Ich werde niemals wieder Heimstatt sein für Sterne und Hoffnungen. Und auch nicht für Gebete.“
„Kann ich sehr gut verstehen“, sagte ich in das einsetzende Schweigen hinein und nahm einen herzhaften Schluck aus der Flasche. Ich wusste nicht, was sich in der Flasche befand, aber es brannte in meiner Kehle wie die glühende Folterzange von Luzifer Luminosus persönlich.
Bald schon, nur eine kleine Weile später, verging die lodernde Höllenglut und beruhigte sich zu einem ganz gewöhnlichen, die üblichen Katastrophenmeldungen generierenden Flächenbrand, der langsam zwar, doch mit stupender Forschheit von meinem Äusseren Besitz ergriff. Leuchtend und flirrend stolzierte ich so unter den Menschen, gab ihnen Licht, gab ihnen Wärme. Nur wenige bemerkten mich, wie einen Traum, dessen Vergänglichkeit einen bestürzt, aber auch beruhigt.
Dienstag, 12. September 2017
Eine Nacht aus Marmor und Schnee
Die Nacht ist sehr alt
und als währte sie schon ewig
war sie niemals jung.
Kein Grauen mehr am Morgen
kein Tag mehr dessen Tod uns mahnt
Sternenwolken ziehen unbewegt
und lauschend über Violinenklang.
Und Noten netzen geisterhaft
wie feine Nebelgischt mein
waches welkes Angesicht
Eine Melodie, leicht wie Schnee
sinkt herab auf Fuß und Moos
und bald ist es Marmor
weiß wie ein Weg leuchtend
über Tal und Grund
Das Bett ist warm doch die Seele nackt,
nur bedeckt vom Duft nach Schnee.
Kein Spüren, kein Seufzen, nur ein Ziehen
und ein Wehen wie von Gestirnen,
unberührt über Wüste, Berg und See.
und als währte sie schon ewig
war sie niemals jung.
Kein Grauen mehr am Morgen
kein Tag mehr dessen Tod uns mahnt
Sternenwolken ziehen unbewegt
und lauschend über Violinenklang.
Und Noten netzen geisterhaft
wie feine Nebelgischt mein
waches welkes Angesicht
Eine Melodie, leicht wie Schnee
sinkt herab auf Fuß und Moos
und bald ist es Marmor
weiß wie ein Weg leuchtend
über Tal und Grund
Das Bett ist warm doch die Seele nackt,
nur bedeckt vom Duft nach Schnee.
Kein Spüren, kein Seufzen, nur ein Ziehen
und ein Wehen wie von Gestirnen,
unberührt über Wüste, Berg und See.
Mittwoch, 30. August 2017
Himmelfahrt
Ich sitze auf der Terrasse, die Sonne scheint. Über mir raschelt und flüstert der Wind im Laub des Walnussbaums. Seine Äste und Zweige heben und senken sich im Rhythmus der Böen. Wirre Schattenmuster tanzen über meine geschlossenen Lider. Dann wieder Stille, und ruhiger Sonnenglanz. Wärme. Es könnte schön sein, es könnte erfüllend sein, es könnte normal sein. Aber weit strebt das Wissen aus, Landstrich an Landstrich, Meer an Kontinent, Berg an Tal, unter einer immensen Schicht menschlicher Biomasse mit Gesichtern und Geschlechtsteilen. ein Odor des Grauens.
Neben mir ein Korb mit verbrauchten Tagen. Sie sehen verschrumpelt und unscheinbar aus, wurden sie etwa falsch gelagert? Wo gingst du hin, nachdem ich dich berührt hatte? Du liesest dein Lächeln zurück, sagtest, du brauchst es nicht, dort, wo du hingehst. Ich spüre dein Lächeln, ich spüre den Wind, ich spüre die Sonne.
Bin ich denn nicht würdig, in Frieden zu sterben? Muss es Krieg und Gräuel geben?
All die Bilder, die ich nicht malte, sie hängen dicht an dicht zu meiner Linken. Zu meiner Rechten die Fenster zeigen hinaus auf den Platz, kleine Schatten tanzen herein, springen und hüpfen über meine Füße und hinauf zu den Bildern. Ich trete an das Glas, ohne Gedanken an meine Nacktheit, und fühle die Beschleunigung. Zuvor unsichtbare Sterne fangen an, zu fallen. Fallen immer schneller, werden zu Strichen und Linien. Ich knie und möchte beten. Das Licht nimmt ab, Dämmerung senkt sich hernieder. Oder komme ich zur Dämmerung? Die Worte scheinen kein Ende zu nehmen, dunkle Energie bläst sie zu monströsen Formen.
"Nein", sagte das Gespenst, "ich spuke nur an Himmelfahrt. Heute zitiere ich Rilke."
Der Sachbearbeiter hatte sich seit zwei Stunden nicht mehr bewegt. Seit einer Stunde las ich in meinem alten SiFi-Roman, zum wiederholen Male. Doch seit die metallisch glänzende Schmeißfliege durch das offene Fenster hereingesummt war, konnte ich mich nicht mehr auf die Worte und Sätze konzentrieren. Ich klemmte also das Lesezeichen, eine Bistrorechnung, zwischen die Seiten, schloss das Buch und packte es in meinen Rucksack. Endlich fand die Schmeißfliege einen Landeplatz. Sie setzte sich in das offene Auge des Sachbearbeiters, aus ihrem Hintern ploppten unhörbar winzige Eier.
"Na dann", sagte ich, stand auf, nahm meinen Rucksack und ging hinaus. Es war Himmelfahrt und die Schwerkraft ließ schon langsam nach.
Die Wärme im Gesicht tut gut. Die Sonne ist schon eine feine Sache.
Dienstag, 4. Juli 2017
Bananenblues
Sommersonnenwende im Tiergarten, Gerüstgedanken denkend. Gerüstgedanken. Wohlwollend den breiten Weg vor meinen Füßen betrachtend. Ich versuche, zwischen den Gerüstgedanken einen Kern Fleischgedanken einzufügen. "Fleisch"-Gedanken deshalb, weil sie rosig-fettig glänzen, wie ein straff gezogener Madenkörper. Der Madenkörper möchte platzen, und all die Menschlein, all das Gewusel um ihn herum ist in heller Aufregung.
"Er platzt!", schallt es durch die Gassen, und rote Münder herzen Gehsteige und Fußabstreifer. Eine schwarze Wolke verirrt sich in die Stadt, bringt Nacht und Mord und grauen Schimmel an Wänden und Türen.
"Ich mag den Geruch von schimmligen Türen nicht", sagt das Kind mit dem alten Gesicht, "obwohl ich den Schimmel gerne abschaben und zu kleinen Murmeln pressen würde."
Diese Szenerie ist nichts für Kinder, denke ich mir flüchtig, auch wenn sie alte Gesichter haben. Doch die Dunkelheit ist so tintig-schwarz und dicht, in ihr schweben sogar Ambosse wie Heliumballone. Im Ambossregen laufe ich einen Marathon, der erste meines Lebens, gegen die dicke Dunkelheit rudernd.
"Woran denkst Du?", fragt sie.
"Ach, eigentlich wollte ich noch zu ALDI", sage ich, "die Bananen sind alle".
"Das kann unmöglich das Ende sein", zischt die Souffleuse in ihrer Muschel, und Schaum quillt ungesund auf den Bühnenboden. Ich rutsche aus. Im Fallen sehe ich den C5-Scheinwerfer, wie er eine gleissende Bahn durch mein Gesichtsfeld zieht. "Die Bananen", denke ich noch. "Die Bananen".
"Er platzt!", schallt es durch die Gassen, und rote Münder herzen Gehsteige und Fußabstreifer. Eine schwarze Wolke verirrt sich in die Stadt, bringt Nacht und Mord und grauen Schimmel an Wänden und Türen.
"Ich mag den Geruch von schimmligen Türen nicht", sagt das Kind mit dem alten Gesicht, "obwohl ich den Schimmel gerne abschaben und zu kleinen Murmeln pressen würde."
Diese Szenerie ist nichts für Kinder, denke ich mir flüchtig, auch wenn sie alte Gesichter haben. Doch die Dunkelheit ist so tintig-schwarz und dicht, in ihr schweben sogar Ambosse wie Heliumballone. Im Ambossregen laufe ich einen Marathon, der erste meines Lebens, gegen die dicke Dunkelheit rudernd.
"Woran denkst Du?", fragt sie.
"Ach, eigentlich wollte ich noch zu ALDI", sage ich, "die Bananen sind alle".
"Das kann unmöglich das Ende sein", zischt die Souffleuse in ihrer Muschel, und Schaum quillt ungesund auf den Bühnenboden. Ich rutsche aus. Im Fallen sehe ich den C5-Scheinwerfer, wie er eine gleissende Bahn durch mein Gesichtsfeld zieht. "Die Bananen", denke ich noch. "Die Bananen".
Sonntag, 28. Mai 2017
Die Dinge der Welt
Die Dinge der Welt liegen in einer bestimmten, unverrückbaren Ordnung.
Zwischen den Dingen ist ein Schimmer, der irrt durch die Dinge und zwischen den Dingen und über die Dinge hinweg wie ein banges Sehnen. Ein Schauen fast, ein Seufzen.
Ich tauche im Schimmer, und ich tauche lang und weit, in der Erinnerung nur ein Hauch, eine Ahnung von Zeit.
Das trockene Laub zu meinen Füßen brandet wie Wellen unter mich, trägt mich, hebt mich und schickt mich fort von hier. Im Zurückschauen die Idee einer Erscheinung. Verblüffung. Das also wäre gewesen.
Zwischen den Dingen ist ein Schimmer, der irrt durch die Dinge und zwischen den Dingen und über die Dinge hinweg wie ein banges Sehnen. Ein Schauen fast, ein Seufzen.
Ich tauche im Schimmer, und ich tauche lang und weit, in der Erinnerung nur ein Hauch, eine Ahnung von Zeit.
Das trockene Laub zu meinen Füßen brandet wie Wellen unter mich, trägt mich, hebt mich und schickt mich fort von hier. Im Zurückschauen die Idee einer Erscheinung. Verblüffung. Das also wäre gewesen.
Donnerstag, 2. Februar 2017
Mußestunde
Angewidert vom Gestank versuchte ich, das Zeitmonster zumindest auf Armlänge von meiner Kehle fernzuhalten. Es schrie und tobte und schlug mit seinen knöchernen Bohrfortsätzen nach meinem Gesicht. So ähnlich musste sich ein Alphornkonzert in einer engen Höhle anhören, mit zehnfacher Geschwindigkeit und doppelter Lautstärke abgespielt.
Das Zeitmonster (ZM) nahm mir leider etwas von der morgendlichen Wärme der Sonne, derentwegen ich mir extra den Liegestuhl zurechtgerückt hatte. Bald würde sie ohnehin schon wieder hinter der großen Kiefer verschwinden, also empfand ich die Störung nur umso ärgerlicher.
Das ZM fing an zu sabbern. Genaugenommen hoffte ich aber nur, dass es sich um Sabber handelte und nicht etwa um Schlimmeres, denn die fleischig verquollene Körperöffnung war nicht eindeutig einem Zweck zuzuordnen.
Ich dachte an den Berg, auf dem ich ruhte vor Urzeiten und zusah, wie die Wasser sanken ohne Aufschrei in die Asche. Dazu ein Bett vor einer graugetünchten Ziegelmauer, und ein Fenster, groß und mit gewölbtem Sturz. Dahinter eine seltsam friedliche Stadt, wie eingefroren im roten Sonnenuntergangsschimmer. Und ein Pfeil, der rotiert, sendet Schatten und Licht.
Das Zeitmonster (ZM) nahm mir leider etwas von der morgendlichen Wärme der Sonne, derentwegen ich mir extra den Liegestuhl zurechtgerückt hatte. Bald würde sie ohnehin schon wieder hinter der großen Kiefer verschwinden, also empfand ich die Störung nur umso ärgerlicher.
Das ZM fing an zu sabbern. Genaugenommen hoffte ich aber nur, dass es sich um Sabber handelte und nicht etwa um Schlimmeres, denn die fleischig verquollene Körperöffnung war nicht eindeutig einem Zweck zuzuordnen.
Ich dachte an den Berg, auf dem ich ruhte vor Urzeiten und zusah, wie die Wasser sanken ohne Aufschrei in die Asche. Dazu ein Bett vor einer graugetünchten Ziegelmauer, und ein Fenster, groß und mit gewölbtem Sturz. Dahinter eine seltsam friedliche Stadt, wie eingefroren im roten Sonnenuntergangsschimmer. Und ein Pfeil, der rotiert, sendet Schatten und Licht.
Mittwoch, 28. Dezember 2016
Ostwind wäre mir lieber
"Nein, ich bin nicht gekommen um etwas zu holen. Ich bin gekommen, um etwas zu erlösen."
"Ich habe gehört, eine Erlösung sei vonnöten", sagte der Mensch.
"Nimm Platz und erlöse dich."
"Träume nicht weiter von Straßen, die hinter bewaldeten Hügeln verschwinden."
"Nein, ich habe nichts gesehen, ich hatte die Augen geschlossen und versuchte, nicht an das Gehörte zu denken."
Die Landschaft verharrte in einem Zustand banger Zufriedenheit; ohne Laut kroch der Westwind über Friedhöfe und Hügel.
Wo in anderen Landschaften sich Dorf an Dorf reihte um endlich einer Stadt zu weichen, so reihte sich hier Friedhof an Friedhof, dazwischen sattgrüne Felder, die sich im Herbstwind wiegten und wogten. Und wo endlich eine Stadt sich hätte breiten müssen, befand sich lediglich ein noch größerer Friedhof, ruhig unter den ziehenden und fliehenden Cumuluswolken dunkelnd und flackernd.
Alte schwarze Mütterchen sprenkelten schwatzend die weissen Kieswege, ihre Schatten wie Kinder, die um sie herumtanzten. Es gab keine Häuser, es gab nie Häuser. Dafür gab es Grabsteine und Kreuze und das Summen und Zirpen der Insekten.
Der Auswurf, den Namensuchmann auf ein schwarzes Granitgrabmal erbrochen hatte, bildete beim trägen Hinunterrutschen den griechischen Buchstaben Pi.
"Ausgerechnet Pi", dachte Namensuchmann und ballte die Fäuste, dass die Knöchel weiß hervortraten und die Fingernägel sich in die Handballen gruben. Die Erinnerungen stürzten aus seinem Kopf und rannten wie aus einer dunklen Schachtel ins Freie gekippte Ratten orientierungslos auf dem Friedhof umher. Zwei der schwarzen Mütterchen wälzten sich auf dem Kies hin und her, wie eine dreisekündige Animation in Endlosschleife.
Namensuchmann wusste, dass die Kotze jeden Augenblick nach oben fallen würde und er hinterher. Vorbei an Mond und Mars, Saturn ahoi, Pluto aus dem Weg. Planet Neun war das Ziel. Vermutlich.
"Und, gehst du jetzt?"
Namensuchmann erschrak.
"Ich habe gehört, eine Erlösung sei vonnöten", sagte der Mensch.
"Nimm Platz und erlöse dich."
"Träume nicht weiter von Straßen, die hinter bewaldeten Hügeln verschwinden."
"Nein, ich habe nichts gesehen, ich hatte die Augen geschlossen und versuchte, nicht an das Gehörte zu denken."
Die Landschaft verharrte in einem Zustand banger Zufriedenheit; ohne Laut kroch der Westwind über Friedhöfe und Hügel.
Wo in anderen Landschaften sich Dorf an Dorf reihte um endlich einer Stadt zu weichen, so reihte sich hier Friedhof an Friedhof, dazwischen sattgrüne Felder, die sich im Herbstwind wiegten und wogten. Und wo endlich eine Stadt sich hätte breiten müssen, befand sich lediglich ein noch größerer Friedhof, ruhig unter den ziehenden und fliehenden Cumuluswolken dunkelnd und flackernd.
Alte schwarze Mütterchen sprenkelten schwatzend die weissen Kieswege, ihre Schatten wie Kinder, die um sie herumtanzten. Es gab keine Häuser, es gab nie Häuser. Dafür gab es Grabsteine und Kreuze und das Summen und Zirpen der Insekten.
Der Auswurf, den Namensuchmann auf ein schwarzes Granitgrabmal erbrochen hatte, bildete beim trägen Hinunterrutschen den griechischen Buchstaben Pi.
"Ausgerechnet Pi", dachte Namensuchmann und ballte die Fäuste, dass die Knöchel weiß hervortraten und die Fingernägel sich in die Handballen gruben. Die Erinnerungen stürzten aus seinem Kopf und rannten wie aus einer dunklen Schachtel ins Freie gekippte Ratten orientierungslos auf dem Friedhof umher. Zwei der schwarzen Mütterchen wälzten sich auf dem Kies hin und her, wie eine dreisekündige Animation in Endlosschleife.
Namensuchmann wusste, dass die Kotze jeden Augenblick nach oben fallen würde und er hinterher. Vorbei an Mond und Mars, Saturn ahoi, Pluto aus dem Weg. Planet Neun war das Ziel. Vermutlich.
"Und, gehst du jetzt?"
Namensuchmann erschrak.
Sonntag, 20. November 2016
Morgendämmerung
"Für ein Photon existiert keine Zeit. Wenn man sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, steht die Zeit still. Es gibt Photonen, die schwirren seit Anbeginn des Universums durchs All, aus der Perspektive eines Menschen auf der Erde schon fast 14 Milliarden Jahre lang. Fängt man eines mit einer Antenne auf und könnte man es fragen, wie lange es denn schon unterwegs ist, so würde es, vermutlich mit einem glockenhellen Stimmchen, wispern: `Wieso, ich bin doch gerade eben erst losgeflogen!´
Ein Raumfahrer, dessen Raumschiff binnen Sekundenbruchteilen auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen könnte, wäre in der Andromedagalaxie kaum dass er den Startknopf gedrückt hätte. Auf der Erde wären derweil zweieinhalb Millionen Jahre vergangen."
"Das glaube ich alles nicht", sagte der Hammerhai genervt und rollte seine einen Meter weit auseinanderstehenden Augen, "das ist doch Mindfuck"!
Niemand beachtete ihn. Von oben sickerten blinkende Lichtreflexe herunter und tauchten das Auditorium in ein surreales Licht. Eine Art Schwirren wie von Millionen Libellenflügeln huschte über Gesichter, Pulte und Bänke. Die Lichtstrahlen, deren Photonen keinerlei Zeitempfinden hatten, stachen durch Bäume und vorbei an Dächern und Kirchtürmen. Meilen von sattsam ruhenden Gewerbegebieten breiteten sich unter dem Lichtfächer zu einem Ozean der beklommenen Ekstase; die Ekstase des prosperierenden Wohlstandes im Angesicht einer taumelnden Erde. Der Hammerhai beschwerte sich: "Die Türen sind viel zu schmal für mich. Ich muss mich immer zur Seite drehen, wenn ich eintreten möchte."
"Du kannst nicht eintreten, du kannst höchstens einschwimmen."
"Oha, seit wann duzen wir uns denn?"
Namensuchmann wachte auf und tastete nach dem Glas Wasser, das er jeden Abend auf den Nachttisch stellte bevor er zu Bett ging. Die Morgendämmerung hatte noch nicht eingesetzt, die Nacht war noch pechschwarz, obwohl ein lausig mitgenommener Mond tief über dem Westhorizont hing. Der Morgen war noch weit entfernt, und das war gut so. Zeit, die Gedichte zu rezitieren.
(Der Hammerhai und eine ältere Dame aus dem Publikum wälzen sich plötzlich keuchend und schwer atmend auf dem Boden, dumpfe Schläge, nasses Patschen und spitze Quieker sind zu hören. Sie stoßen einen Tisch mit Infomaterial um, die große weiße Tischdecke landet wie ein Zelt auf den beiden Protagonisten. Darunter ist es plötzlich ruhig.)
Ein Raumfahrer, dessen Raumschiff binnen Sekundenbruchteilen auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen könnte, wäre in der Andromedagalaxie kaum dass er den Startknopf gedrückt hätte. Auf der Erde wären derweil zweieinhalb Millionen Jahre vergangen."
"Das glaube ich alles nicht", sagte der Hammerhai genervt und rollte seine einen Meter weit auseinanderstehenden Augen, "das ist doch Mindfuck"!
Niemand beachtete ihn. Von oben sickerten blinkende Lichtreflexe herunter und tauchten das Auditorium in ein surreales Licht. Eine Art Schwirren wie von Millionen Libellenflügeln huschte über Gesichter, Pulte und Bänke. Die Lichtstrahlen, deren Photonen keinerlei Zeitempfinden hatten, stachen durch Bäume und vorbei an Dächern und Kirchtürmen. Meilen von sattsam ruhenden Gewerbegebieten breiteten sich unter dem Lichtfächer zu einem Ozean der beklommenen Ekstase; die Ekstase des prosperierenden Wohlstandes im Angesicht einer taumelnden Erde. Der Hammerhai beschwerte sich: "Die Türen sind viel zu schmal für mich. Ich muss mich immer zur Seite drehen, wenn ich eintreten möchte."
"Du kannst nicht eintreten, du kannst höchstens einschwimmen."
"Oha, seit wann duzen wir uns denn?"
Namensuchmann wachte auf und tastete nach dem Glas Wasser, das er jeden Abend auf den Nachttisch stellte bevor er zu Bett ging. Die Morgendämmerung hatte noch nicht eingesetzt, die Nacht war noch pechschwarz, obwohl ein lausig mitgenommener Mond tief über dem Westhorizont hing. Der Morgen war noch weit entfernt, und das war gut so. Zeit, die Gedichte zu rezitieren.
(Der Hammerhai und eine ältere Dame aus dem Publikum wälzen sich plötzlich keuchend und schwer atmend auf dem Boden, dumpfe Schläge, nasses Patschen und spitze Quieker sind zu hören. Sie stoßen einen Tisch mit Infomaterial um, die große weiße Tischdecke landet wie ein Zelt auf den beiden Protagonisten. Darunter ist es plötzlich ruhig.)
Dienstag, 15. November 2016
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