Sonntag, 14. August 2011

Wenn´s regnet (XV)


Die Finger und Hände begannen vor Kälte zu schmerzen. Das von angetautem Schnee sulzige Wasser setzte nun den platschenden Händen einen merklichen Widerstand entgegen. Und noch immer totale Dunkelheit. Es waren nur wenige Meter, bis Namensuchmann zu dem Schnittpunkt der beiden Linien gelangen musste. Dort brauchte er dann nur noch nach links abzubiegen, und nach einem weiteren Meter würde er beim Bentley sein. So die Theorie. In der Praxis jedoch begann er furchtbar zu frieren. Seine Baumwollwachsjacke wurde durch das Gewicht des Schnees auf seinen Rücken gedrückt. Er wusste nicht, ob er das als angenehm oder als störend empfinden sollte. Er fühlte sich wie unter einer dicken Steppdecke geborgen, als hätte er sich zu Hause in sein Bett gekuschelt. Im Bett hatte er immer kalte Füße, jetzt jedoch an diesem irrsinnigen Ort spürte er seit einer Weile seine Füße nicht mehr. Also konnte er sich doch genauso gut vorstellen, dass die Füße warm und trocken im Bett ruhten. Wer oder was wollte ihn daran hindern? Vielleicht jedoch würde er weniger frieren, wenn er den Schnee von seinem Rücken abschütteln würde? Es war klar, unter bestimmten Umständen konnte Schnee wärmeisolierend wirken. Doch hier und jetzt? Es war egal. Namensuchmann war zu erschöpft um sich aufzurichten und den Schnee irgendwie von seinem Rücken herunterzufuchteln. Eine andere Möglichkeit wäre, sich wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, zu schütteln. Namensuchmann verfolgte diesen Gedanken nicht weiter. Er war nur kurz aufgeblitzt, um sogleich von einer Empfindung kältestarrer Glieder wieder verschluckt zu werden. Wieviel Zeit war eigentlich vergangen? Wie lange war er bewusstlos gewesen nachdem der Bentley auf die erste Linie geholpert war? Wieviele andere Leute wie er krochen in diesem Moment durch absolute Finsternis auf knapp von Wasser überspülten Noppenböden umher? War er der Einzige, dem so etwas widerfuhr? Wenn dem so war, dann war das äusserst ungerecht, fand Namensuchmann. Andere Leute hatten sicher auch mal eine Panne, ohne in einem dunklen nassen Alptraum wieder aufzuwachen.

Er hielt nun doch inne und überlegte, einen Blick auf sein Mobiltelefon zu werfen. Vermutlich war der Akku immer noch leer. Es war unwahrscheinlich, dass er sich von selbst wieder aufgeladen haben sollte. Der Blick auf ein totes Handy schien ihm jedoch nicht so sehr verlockend, um dafür mit klammen schmerzenden Fingern eine von der Kälte und Feuchtigkeit widerborstige Wachsjacke aufzuknöpfen. Eine weitere Option war, sich einfach hinzulegen und erst einmal eine Runde zu schlafen. Das nun schon eiskalte Wasser verlor zunehmend an abschreckender Wirkung. Doch Namensuchmann war klar, dass er dann vermutlich nicht mehr aufwachen würde.
Noch einmal mit links vorgreifen, dann mit rechts. Dann das linke Knie vorschieben, dann das rechte. Dann wieder mit links vorgreifen. Wunsch, die Stirn in das eiskalte Wasser zu tauchen. Etwas war anders. Namensuchmann benötigte einige Zeit um zu bemerken, was es war. Es war ein Geruch. Ein Duft. Er hob die Nase und sog kalte Luft in seine Nase. Es war der Duft nach frisch gefallenem Schnee. Diese Erkenntnis bedurfte einer Bewertung. Es war schön, dass er überhaupt endlich etwas gerochen hatte in dieser Dunkelwelt. Es war erschreckend, dass es Schnee war. Er wurde wieder der dicken fetten Flocken gewahr, die hörbar auf das nun eiskalte Wasser platschten.

"Haaalloooo". Namensuchmann erschrak ob seiner eigenen Stimme. Sie klang dumpf und beklommen, als befände er sich in einem winzigen schalldichten Raum. Er brauchte eine Weile, bis er darauf kam, dass es vermutlich an den dicht fallenden großen Schneeflocken lag, dass der Schall ohne jeden Hall einfach verschluckt wurde. Trotzdem fühlte er sich plötzlich sehr unwohl. Unwohler jedenfalls als zuvor schon. Enge Räume hatten ihm noch nie behagt.

"Rien de rien", summte Namensuchmann mehr als dass er es sang, "Je ne regrette rien"..."Mistsau"...was redete er da? Das musste sich alles erst noch erweisen. Schimpfworte auszustossen fühlte sich seltsam gut an. Er probierte noch ein paar andere aus, doch der positive Effekt ließ schnell nach. Er kauerte immer noch in sulzigem Eiswasser. Linke Hand vorschieben. Da war sie, die andere Linie, die allererste, die er entdeckte und die quer unter dem Bentley hindurchlief. Er war an der Kreuzung angekommen. Nun musste er sich linkerhand halten, dann war der Bentley nicht mehr weit. Etwas mehr als eine oder höchstens zwei Armlängen. Er machte sich schon daran, in Zeitlupentempo abzubiegen, als in ihm der Gedanke aufploppte, diese Linienkreuzung etwas näher zu untersuchen. Soviel Zeit musste sein. Würde ja nicht allzu lange dauern. Er kroch also noch ein Stück weiter, dort hin, wo die beiden Linien wieder auseinanderlaufen mussten. Seine Hände tasteten den Rand der Linien ab und er merkte, es war keine Kreuzung. Die beiden Linien trafen sich nur, sie bildeten die Spitze eines Dreiecks. Namensuchmann war froh. Auf diese Weise wurde er nicht vor die Frage gestellt, die fortlaufenden Linien vielleicht näher zu untersuchen, ihnen ein Stück weit zu folgen bis...ja bis wo? Bis er vor Erschöpfung und Kälte einfach in sich zusammensank? Die Linien zu verlassen kam nicht in Frage. Er würde den Bentley niemals wiederfinden und irgendwann in den Unterwasserabgrund sinken. Also überwechseln auf die andere Linie und zurück zum Auto, zurück zu nassen Lederpolstern, zurück zu einem Verdeck, das Schutz bieten würde vor diesen absurd großen Schneeflocken. Zurück zum Bentley. Dann würde er weitersehen.

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